Ob Autoreifen, Farbeimer, Tapetenreste, Kühlschränke oder auch Gartenabfälle: Den überflüssigen Anblick von illegal in der Landschaft entsorgtem Müll dürften viele Flächeneigentümer und Bewohner des ländlichen Raums kennen. Doch ist der zumeist unbemerkt entladene Abfall in vielen Fällen nicht nur schädlich für die Natur und ein Ärgernis für das Auge, sondern bedeutet die gut gemeinte Entsorgung durch die betroffenen Eigner oder Nutzer vielfach Kosten und überflüssigen Aufwand.
Inzwischen zögern Nils Kruse und Christoph Ingwersen aus Steinfurt in der Gemeinde Mielkendorf bei Kiel nicht mehr, die Polizei zu rufen. Die befreundeten Nachbarn haben einen Blick dafür entwickelt, wenn ein Auto oder Klein-Lkw an den vermeintlich uneinsehbaren Stellen zwischen Eider und Hansdorfer See hält und die Fahrer nach dem Abladen von Unrat jeglicher Art unbemerkt das Weite suchen wollen. Kruse und Lohnunternehmer Ingwersen begegnen immer wieder Menschen, die aus Bequemlichkeit, Zeitdruck oder, um Kosten zu sparen, ohne jedes Unrechtsbewusstsein ihren Müll in die Landschaft kippen – mal mehr und mal weniger auffällig, mal größer und mal kleiner in den Mengen. In diesem Jahr seien derartige Vorfälle besonders oft vorgekommen: „Wenn erst einer etwas hinwirft, fühlen sich andere animiert, etwas dazuzustellen“, ist Ingwersens Eindruck.
Eines Abends wurde es Kruse, dessen Familie früher selbst Landwirtschaft betrieb, zu bunt: Nachdem er von der Terrasse aus einen Caddy-Fahrer beobachtete, wie dieser an einer Koppeleinfahrt Müll aus dem Fahrzeug lud, folgte er dem Verursacher langsam mit seinem Auto und rief währenddessen die Polizei an. Unterwegs gab er den Beamten immer wieder seinen Standort durch, bis das verfolgte Fahrzeug schließlich von einem Streifenwagen im Kieler Stadtgebiet gestoppt werden konnte. Es folgten Aussage und Anzeige bei der Polizei. „Eigentlich mache ich so etwas nicht, aber es musste schnell gehen“, habe der junge Mann noch gesagt, der sich bei Nils Kruse entschuldigen wollte, was dieser aber ablehnte. Zudem habe es sich ja „nur um Bioabfall“ gehandelt. Ohnehin seien die Verursacher oft unscheinbare, zum Teil auch reumütige Leute jedes Alters und aus allen sozialen Schichten, sind sich Ingerwesen und Kruse einig. Trotz der Nähe zur Landeshauptstadt Kiel stammten die Täter auch aus dem ländlichen Raum: „Die wissen genau, dass sie gerade Mist bauen“, sagt Nils Kruse. Dennoch werde immer wieder sogar am hellichten Tag Müll abgeladen.
Autoreifen im Knick fernab der Straße
Trauriger Höhepunkt der jüngsten Vergangenheit waren 150 bis 200 entsorgte Reifen, die vermutlich aus einer Autowerkstatt stammten und die fernab der Straße am Rand einer Koppel von Christoph Ingwersen abgeladen wurden. Dieser sammelte die Reifen zusammen mit seinen Mitarbeitern wieder ein: Neben der verlorenen Arbeitszeit, die niemand bezahle, koste allein die Entsorgung der alten Reifen pro Stück 4 bis 6 €, schätzt er. Schnell kommen so 500 bis 1.000 € unverschuldete Entsorgungskosten zusammen. Damit niemand mehr auf die Koppel fahren könne, habe der Agrarbetriebswirt ein altes Metalltor wieder instandgesetzt. Doch habe man das Problem an dieser Stelle verdrängt, werde der Müll eben woanders abgekippt, sind sich beide sicher.
„Wir bauen auf diesen Flächen Lebensmittel für Menschen und Futter für unsere Tiere an. Zum Teil finden wir auch Müll auf den Koppeln, auf denen unsere Galloway-Rinder laufen“, betont Ingwersen und ergänzt verärgert: „Für die Leute ist das alles selbstverständlich, es gibt keinen Respekt mehr für fremdes Eigentum. Die meinen, das ist Natur und gehört damit allen.“ Über die Dreistigkeit mancher Leute können er und Nils Kruse sich nur wundern. „Wenn die ihren Müll schon einmal aufgeladen haben, können sie ihn auch vernünftig entsorgen“, bringt es Ingwersen auf den Punkt.
Oftmals werde der Müll auch mitten in eine Koppeleinfahrt oder halb auf die Straße gekippt. Bei jedem vorbeifahrenden Auto mit Anhänger werde man inzwischen nervös. „Das kann es nicht sein“, sagt Ingwersen. Bei den Leuten, die ihren Abfall dort hinkippen, solle es zu Hause möglichst ordentlich aussehen – woanders sei es ihnen dann egal. Das Problem ist vielschichtig: Kümmere man sich um die Entsorgung des fremden Mülls, bestehe noch die Gefahr, mit anderen Flächeneigentümern, Nachbarn oder Pächtern über die Maßnahmen und Kosten in Streit zu geraten. Würden Grünabfälle im Knick entsorgt, wüchsen dadurch zudem Pflanzen in der Landschaft, die dort nicht hingehörten.
Wachsende Nervositätim Alltag
Während der Arbeit im Garten oder beim abendlichen Draußensitzen habe man inzwischen immer auch ein Auge auf die Straße. „Man fragt sich schon regelmäßig, ob das wieder so ein Kandidat sein könnte – das fühlt sich unfair an“, ärgert sich Kruse. „Schmeißt hier jeden Tag nur einer seinen Mist weg, haben wir 365 Mal im Jahr Sachen dort zu liegen“, ergänzt er. Dabei redeten doch alle von Klima- und Umweltschutz. Neben „harmlosem“ Abfall haben die beiden Nachbarn auch schon Säcke voller Asbestplatten, Dachpappe oder Mineralwolle gefunden, sich um die Entsorgung dann selbst gekümmert. Zwar unterstütze sie gelegentlich der örtliche Bauhof, doch sei dieser eigentlich nicht dafür zuständig. Handle es sich auch noch um umwelt- oder wassergefährdende Stoffe, erfülle die illegale Entsorgung einen Straftatbestand, erklärt Christoph Ingwersen. Könne ein Verursacher nicht ermittelt werden, stelle die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein, so die Erfahrung der beiden.
Die Polizei „ist dort sehr hinterher“, sagt auch Nils‘ Vater Harald Kruse, der seit Jahrzehnten immer wieder Unrat entlang der Straße einsammelt oder sich um verstopfte Gullys und zugewachsene Verkehrsinseln kümmert – was eigentlich Aufgabe der öffentlichen Hand wäre, die diesen Aufgaben aber nicht immer gerecht werde. Und obwohl die Polizei im Amtsgebiet öfter zu sehen sei, seit der dort wohnhafte Außenminister Dr. Johann Wadephul (CDU) sein Amt angetreten hat, wanderten weiterhin Müllsäcke, Fernseher, Baustellenabfälle oder auch Gartenteichpumpen in die Landschaft und an die Straßenränder. Dabei gebe es genug Annahmestellen zur Entsorgung, die Preise seien günstig, sagt Harald Kruse.
Der Einsatz für die Natur fördert bisweilen auch Kurioses zutage. Beim jährlichen „Dorfputz“ im Frühjahr, bei dem die drei Freiwilligen Feuerwehrleute unterstützen, seien zwischen Feuerschutztüren, Kloschüsseln, Staubsaugern und Bauschutt auch schon ein aufgebrochener Tresor oder Videokassetten mit pikantem Inhalt gefunden worden. Auch einen Maurerkübel voll Altglas entdeckten sie, „obwohl es in jedem Dorf Altglascontainer gibt“, sagt Nils Kruse resigniert.
Den Druck auf Verursacher erhöhen
Bei allem berechtigten Tatendrang, selbst gegen die Verursacher der Verschmutzungen in der Nachbarschaft vorzugehen, ist jedoch Vorsicht geboten: Wüste Beschimpfungen hätten auch Nils Kruse und Christoph Ingwersen schon über sich ergehen lassen, wenn sie Täter auf ihr Fehlverhalten angesprochen hätten. Ingwersen verweist auf den Fall, als einer seiner Mitarbeiter einen Sonnenblumendieb am Feldrand zur Rede stellte, der daraufhin mit körperlicher Gewalt drohte. So verlockend es sein mag, in Zeiten guter Vernetzung mit dem Smartphone seine Mitarbeiter auf dem Trecker zu informieren und davonfahrende Fahrzeuge etwa auf einem Feldweg an der Weiterfahrt hindern zu wollen: Dies sollte man unbedingt der Polizei überlassen und sich nicht selbst in Gefahr und den Bereich der Selbstjustiz begeben, heben die beiden hervor. Schnell stehe anderenfalls der Straftatbestand der Nötigung im Raum. Christoph Ingwersen und Nils Kruse raten inzwischen aber dazu, ohne falsche Zurückhaltung die Polizei zu informieren, sobald Müll abgeladen werde. Zudem appellieren sie an Betroffene, sich wenn möglich die Kennzeichen der Verursacher zu notieren sowie eine Aussage bei der Polizei zu machen. Beide haben die Hoffnung, dass der Druck, Konsequenzen fürchten zu müssen, steigt und mancher es sich künftig zweimal überlegt, seinen Müll auf diese Weise loszuwerden.
Neben ihrem Einsatz für eine saubere Nachbarschaft eint die beiden die entmutigende Erfahrung, dass sie Aufwand und Kosten der Entsorgung des fremden Unrates zuletzt oft selbst zu tragen hatten – für beide gleichermaßen ein Ärgernis, für das sie sich mehr Unterstützung von offizieller Seite wünschen. Den Abfall in der Landschaft einfach zu ignorieren, war für sie aber zu keinem Zeitpunkt eine Alternative: „Wir können den Müll da doch nicht einfach liegen lassen“, sagt Ingwersen.
Hinweise zu Pflichten, Kosten und rechtlichen Folgen im Umgang mit illegal entsorgtem Müll sind in der Bauernblattausgabe 35 zu finden.




