Das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) feierte in diesem Sommer seinen 40. Geburtstag. Das Flächenfestival war mit 205 Konzerten an 125 Spielstätten im ganzen Land vertreten und begeisterte erneut das Publikum im Kuhstall, unter freiem Himmel, in Kirchen, Werfthallen und Museen.
Foto: Sabine Kolz
Ganz ungewohnt war Herbert Grönemeyer in Neumünster zu sehen. Er dirigierte die Bochumer Symphoniker, die von Anna Vinnitskaya am Klavier unterstützt wurden. Grönemeyer ließ Tschaikowsky, Rachmaninoff und eine eigene Komposition spielen und die ausverkaufte Holstenhalle bei den Zugaben „Halt mich“, „Der Weg“ und natürlich „Bochum“ mitsingen.
Die Autorin Dörte Hansen ist durch ihren Roman „Altes Land“ und die Verfilmung mit Iris Berben in der Hauptrolle bekannt geworden. Im Colosseum Wilster las sie aus ihrem dritten Buch „Zur See“. Mit auf der Bühne war Carolina Bigge, die mit Gesang und instrumental die Geschichte von Familie Sander, die auf einer Nordsee-Insel lebt, veranschaulichte. Der Schauspieler Thomas Niehaus rezitierte dabei die Texte der Protagonisten Rykmer und Jens Sander oder stellte die Fische im Nordseewasser dar.
Rhythmisch mit Reels und Jiggs brachte die Gruppe Breabach die Paprikapflanzen im Westhof Biogewächshaus in Wöhrden zum Schwingen. Mit Fiddle, Pipe und Dudelsack brachten die fünf Musiker schottische Atmosphäre nach Dithmarschen. Der diesjährige Porträtkünstler Fazil Say kam mit guten Freunden in die St. Bartholomäus-Kirche in Wesselburen. Sabine Meyer (Klarinette) und Asya Fateyeva (Saxofon) spielten mit dem Goldmund-Quartett neben Mozart und Schumann auch Kompositionen von Say. Der Pianist war schon öfter Festivalgast und mag das norddeutsche Wetter. „Es ist nicht so heiß“, erklärte der in Istanbul lebende Musiker.
Einen kurzweiligen Kurt-Weill-Abend präsentierten Vladimir Kornéev und Markus Syperek am Klavier. Der in Georgien geborene Kornéev sang unter anderem Lieder aus der „Dreigroschenoper“ und fesselte sein Publikum. Als Filmkonzert präsentierte das SHMF in diesem Jahr den dritten Harry-Potter-Teil „Der Gefangene von Askaban“. In den Holstenhallen auf einer Großbildleinwand erlebten die Zuschauer die Abenteuer des jungen Magiers, während das Schleswig-Holstein Festival Orchester und der Landesjugendchor Schleswig-Holstein den Soundtrack unter der Leitung von Ludwig Wicki spielten. Dass zwölfViolinen, drei Celli und ein Bass mit einem Akkordeon harmonieren, zeigte Martynas Levickis im Dom zu Meldorf. Der 35-Jährige aus Litauen faszinierte mit seinem schnellen Spiel und den Tönen, die er seinem 20 kg schweren Instrument entlockte.
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Das Musikfestival geht immer neue Wege und präsentiert sich an immer wieder neuen Spielstätten. In diesem Jahr gehörte das Kurhaustheater in Bad Bramstedt dazu. Ulrich Tukur schlüpfte hier in die Rolle von Schriftsteller Mark Twain und las aus Briefen und Texten des Autors. Dazu spielte der Allrounder Ragtime und erklärte, das sei die Popmusik des ausklingenden 19. Jahrhunderts gewesen. Tukur gab Kommentare zum Leben von Mark Twain und illustrierte dessen Abneigung gegen Stubenfliegen anschaulich.
SHMF-Intendant Christian Kuhnt arbeitete Anfang der 1990er Jahre bei der Firma Teldec in Hamburg. Etwa 80 km entfernt in Nortorf war damals die Schallplatten-Produktion der Firma angesiedelt. Heute befindet sich in Nortorf das Deutsche Schallplattenmuseum, das jetzt zum Spielort wurde. Das Trio Wellcaru und Lubomír Gašpar nahmen das Publikum mit auf eine Reise im Orient-Express. Der Zug startete in Paris und fuhr über Straßbourg, München, Wien, Budapest, Bukarest und einen Abstecher nach Nortorf bis nach Konstantinopel. Die Geschwister Maria (Cello) und Matthias Well (Violine) sowie Vladislav Cojocaru (Akkordeon) waren bereits in den Pandemiejahren mit dem SH-Festival-Trecker unterwegs. Lubomír Gašpar war erstmalig beim SHMF dabei und spielte ein traditionelles Cimbalom von 1890.
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Anne-Sophie Mutter trat bereits im ersten Festivalsommer, damals als 22-Jährige, auf. Jetzt spielte sie gemeinsam mit dem Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Vasily Petrenko in Neumünster Filmmusiken und das von John Williams für sie komponierte Violinkonzert Nummer 2. Viele Künstler mischten sich nach ihrem Auftritt unter ihre Zuhörer und lobten die Organisation und die Menschen vor Ort. „Das macht einfach Spaß“, lautete auch das Fazit der Geschwister Well und Fazil Says. Das fanden auch insgesamt 202.000 Konzertbesucher in diesem Jahr. Der nächste Städteschwerpunkt für das kommende Jahr steht auch schon fest: Im Festivalsommer 2026 stellt das Schleswig-Holstein Musik Festival die schwedische Hauptstadt Stockholm als kulturelles Herz Skandinaviens ins Zentrum seines Programms.




