Die massive Gänsefraß-Problematik an der Westküste bringt Herausforderungen für die Landwirtschaft in Schleswig-Holstein mit sich. Welche Rolle spielen neue Gräserarten wie der Wiesenschweidel und wie könnten diese die Grundfutterversorgung sichern? Ein Praxisversuch der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein auf Pellworm gibt Einblicke.
Die Westküste Schleswig-Holsteins, geprägt von der Nähe zur Nordsee, zählt weltweit zu den wichtigsten Rastgebieten für Gänse und andere Vogelarten. Von Mitte Oktober bis Mitte Mai treffen hier vor allem Nonnengänse in großer Zahl ein, um auf dem Weg in ihre Brutgebiete in Sibirien Energiereserven aufzubauen. Die Insel Pellworm, durch ihre Lage in der Nordsee exponiert, ist seit Langem ein bevorzugter Rastplatz dieser Vögel. Das Problem ist dennoch an der gesamten Westküste und teilweise auch an der Ostseeküste vorhanden.
Was aus Sicht des Naturschutzes ein beeindruckendes Schauspiel und für den Tourismus ein Werbeargument ist, stellt die Landwirtschaft vor erhebliche Probleme. Gänse fressen Ackerkulturen kahl und nutzen das Grünland in der produktivsten Phase des ersten Grasaufwuchses. Zudem werden die Wirtschaftsgräser während der Rastperiode derart intensiv verbissen, dass sich die Graspflanzen nicht ausreichend regenerieren können. Dadurch fehlt der erste Schnitt im Mai als hochwertiges Futter für die Viehhaltung.
Entschädigung möglich
Das Land Schleswig-Holstein bietet über den Vertragsnaturschutz Programme an, in denen Gänsefraß geduldet und finanziell ausgeglichen wird. Doch diese Maßnahmen sind nicht für alle Landwirte praktikabel. Zudem halten sich die Gänse nicht an die vorgesehenen Fraßflächen. Über zwei verschiedene Richtlinien können Landwirte zusätzlich in Schleswig-Holstein Entschädigungen für Fraßschäden durch Wildgänse beantragen. Mit diesem Verfahren ergänzt die Landesregierung bestehende Förderprogramme und unterstützt gezielt Betriebe in besonders betroffenen Regionen wie an der Westküste und auf den Inseln.
Praxisversuch auf Pellworm
Um Lösungsansätze für die Gänsefraßproblematik aufzuzeigen, arbeitet die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein seit 2022 mit Landwirten auf Pellworm zusammen. Nico Nommsen, der in vierter Generation einen Milchviehbetrieb führt, stellt Flächen für Versuche zur Verfügung und unterstützt bei der Beprobung. Ziel ist es, trotz Gänsefraß eine möglichst gute Grundfutterversorgung mit Grassilage zu sichern.
Im August 2022 wurden in einer Weidelgrasnarbe, die als Untersaat in Mais etabliert war, drei Grasarten nachgesät. Rohrschwingel (Festuca arundinacea), bekannt für seine rauen Blattränder, gilt als weniger schmackhaft für Gänse und ist durch sein tiefes Wurzelwerk widerstandsfähig gegen Trockenheit und Nässe. Der Rohrschwingel weist eine langsamere Jugendentwicklung als andere Gräser auf. Um Einbußen in der Schmackhaftigkeit für die Rinder zu reduzieren, wurde eine sanftblättrige Zuchtsorte gewählt. Der Wiesenschweidel (Festulolium) ist eine Kreuzung aus einer Schwingel- (Festuca) und einer Weidelgrasart (Lolium). Der hier gewählte Wiesenschweidel ist dem Rohrschwingel sehr ähnlich, jedoch mit einer durch Weidelgraseinkreuzung verbesserten Futterqualität. Als Kontrolle wurde Deutsches Weidelgras nachgesät. Zur Ermittlung des Einflusses durch die Gänse wurden Fraßschutzkörbe (1×2 m) zur Hauptrastzeit der Gänse (Oktober bis Mai) aufgestellt. Von 2023 bis 2025 wurden die Erträge mittels Platemeter in regelmäßigen Abständen über die gesamte Vegetationsperiode gemessen. In den Jahren 2024 und 2025 wurden zusätzlich Schnittproben (1 m²) unmittelbar vor den Ernteterminen des Betriebes genommen. Diese Proben wurden im Labor auf futterwertbestimmende Inhaltsstoffe analysiert. Die Analysekosten wurden von der Lydia-und-Hermann-Früchtenicht-Stiftung übernommen.
Die Versuchsergebnisse
Im Lauf der Versuchsjahre zeigte sich, dass alle Gräser gleichermaßen stark von den Gänsen verbissen werden. Eine Verschmähung des Rohrschwingels konnte in dieser Versuchsanlage nicht bestätigt werden. Das mögliche Zeitfenster für eine erfolgreiche Nachsaat von Gräsern ist aufgrund des hohen Gänsedruckes auf Pellworm klein. Dies hat zur Folge, dass der Rohrschwingel aufgrund seiner langsamen Jugendentwicklung bei Ankunft der Gänse nicht ausreichend entwickelt ist und sich nur schwer im Bestand etablieren kann. Die schwierige Etablierung wurde vermutlich durch den besonders nassen Winter 2023/24 noch verstärkt. Der Wiesenschweidel entwickelte sich hingegen deutlich besser. Diese Grasart wurde von den Gänsen ebenfalls sehr stark verbissen, zeigte aber ein enormes kompensatorisches Potenzial. Sie konnte sich schnell nach Abzug der Gänse erholen und höhere Erträge als die anderen Gräser liefern. Außerdem bot der Wiesenschweidel eine gute Futterqualität. Durch die ausgeprägte Trockenheit im Frühjahr 2025 verschärften sich die Auswirkungen des Gänsefraßes auf die Gräser deutlich. Auch hier bewährte sich der Wiesenschweidel aufgrund seines ausgeprägten Wurzelsystems und schob bereits sehr früh und kräftig durch. Durch den schnellen Wiederaustrieb nach dem Abzug der Gänse und die gute Widerstandsfähigkeit sowohl in sehr trockenen als auch sehr nassen Phasen könnte der Wiesenschweidel durchaus Potenzial haben, gerade in Gänse-Hotspots zu einer Absicherung der Grundfutterernte beizutragen. Da die Sortenkriterien der Kreuzung Festulolium jedoch sehr unterschiedlich sind, wurde im Sommer 2025 ein neuer Praxisversuch zusammen mit Nico Nommsen angelegt, in den zwei verschiedenen Festulolium-Sorten und eine Deutsch-Weidelgras-Sorte als Referenz eingesät wurden. Eine der beiden Festulolium-Sorten entspricht der des Vorversuches (Sorte ,Mahulena‘), die andere basiert auf einem Wiesenschwingel (Sorte ,Achilles‘).
Fazit
Die Futterbaubedingungen im Grünland sind auf Pellworm durch den Gänsefraß hochgradig eingeschränkt. Bisher weniger beachtete Grasarten könnten zur Abfederung des Ertragsverlustes beitragen. Um bisherige Tendenzen zu bestätigen, sind weitere Untersuchungen unter Praxisbedingungen erforderlich.
Eine andere Untersuchung im Auftrag des Umweltministeriums in ähnlicher Form in Westerhever auf Eiderstedt wird derzeit ausgewertet.




