Vom Klumpen Ton bis zur handgefertigten Fliese ist es ein weiter Weg, weiß Claudia van Hees. Seit mehr als 30 Jahren stellt die Keramikerin in Seestermühe im Kreis Pinneberg nach überlieferter Handwerkstradition kunstvolle Unikate her. Unter ihren Händen entstehen Reproduktionen alter holländischer Fliesen in Fayencetechnik.
Ursprünglich waren es die Eltern, die ihr nach dem Schulabschluss vorschlugen, Keramikerin zu werden. Das ist nun schon über 45 Jahre her. Claudia van Hees hat nie bereut, sich dieser Profession gewidmet zu haben. „Hier fand ich schließlich meine Nische, die Delfter Fliesen, die mich jeden Tag inspirieren und glücklich machen“, bekennt die 64-Jährige. Auch jenseits des nahen Rentenalters, so versichert sie, werde sie weiterhin mit Unterstützung zweier Mitarbeiterinnen keramische Fliesen fertigen. In Seestermühe, einem Dorf in den Elbmarschen, hat sie dafür den idealen Ort gefunden.
Neben einem Ausstellungsraum und einem zum Fliesenbemalen, befindet sich dort ihre Atelierwerkstatt, das Herzstück der Fliesenmanufaktur. Hier entstehen in Fayencetechnik kleine und große Kostbarkeiten. „Fayence nennt sich die Dekortechnik, mit der diese Fliesen mit einem Pinsel dekoriert oder bemalt werden. Der Ausgangspunkt dieser Technik liegt in Ägypten und Persien und wurde mit den Mauren im 13. Jahrhundert nach Europa gebracht“, informiert sie, während sie mit Leidenschaft und Knowhow durch ihr Reich führt. Dabei demonstriert sie anschaulich, warum unzählige Arbeitsschritte und jede Menge Zeit erforderlich sind, um Ton in hübsche Fliesen zu verwandeln.
Den Rundgang beginnt sie vorn beim Lagerplatz des Werkstoffes, ohne den ihr kreatives Schaffen undenkbar wäre. „Mein Ton wird aus Mitteldeutschland geliefert und extra nach einem speziellen Rezept für mich hergestellt. Wir verbrauchen davon zehn Tonnen pro Jahr“, verrät sie und steuert ihre einzige Maschine an. „Das ist eine Vakuum-Strangpresse, die den zu verarbeitenden Ton entlüftet. Blieben in ihm Lufteinschlüsse zurück, könnte die Fliesenoberfläche durch Hitze und Ausdehnung beim Brennen brechen oder abplatzen“, erklärt sie. Plattenstränge gleichmäßiger Stärke kämen aus der Presse und würden danach grob vorgeschnitten. Die vorgezogenen Tonplatten müssten sechs bis zwölf Stunden zwischen Brettern trocknen, bis sie die gewünschte Restfeuchte hätten und lederhart seien. Bis zur Weiterverarbeitung würden sie dann in Folie verpackt, damit sie nicht austrocknen.
Um den nächsten Arbeitsschritt zu zeigen, nimmt die Keramikerin eine lederharte Fliese zur Hand. Sie legt diese auf eine Holzschablone und schneidet mit einem Schneidebrett eine quadratische Platte mit einer Kantenlänge von je 13,4 cm zu. Im gebrannten Zustand wird diese nachher das historisch überlieferte Maß von 13 cm x 13 cm bei einer Stärke von zirka 6 mm haben. Damit die Fliese beim Schneiden nicht wegrutscht, hat die Schablone zwei Nägelchen in den Ecken, die sich in die noch weiche Tonplatte drücken. „Dadurch entstehen auf der Fliesenoberfläche zwei kleine Löcher, die Gaatjes. Diese sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Fliese in Qualitätsarbeit von Hand gefertigt wurde“, stellt sie heraus. Und auf noch etwas weist sie hin: „Den Schnitt der Fliese führe ich konisch, leicht nach innen geneigt. Das hat den Vorteil, dass sich bei Motiven, die über mehrere Fliesen gehen, störende Fugen vermeiden lassen.“
Alle Zuschnitte werden gestapelt und etwa drei bis vier Wochen durchgetrocknet. Danach stellt Claudia van Hees sie in den Brennofen und glüht sie im ersten Brand, dem Schrüh- oder Bisquitbrand, neun Stunden bei etwa 900 °C aus. Nach fünf Tagen ist der Brennofen so weit abgekühlt, dass sie die Schrühfliesen herausnehmen und glasieren kann. Im Anschluss erfolgt die Bemalung. „Mit einer Sponse, einer Durchstaubschablone aus Pergament, und einem Beutel gefüllt mit Kohlenstaub, markiere ich die Konturen meines Motivs auf der ungebrannten Glasur. Zum Nachziehen der Umrisse verwende ich einen Kuhhaarpinsel. Die weitere Ausmalung führe ich frei aus“, so die Künstlerin. Auch dieses demonstriert sie eindrucksvoll.
Mit ruhiger, geübter Hand, konzentriert jeden einzelnen Pinselstrich setzend, entsteht das Motiv „kleine Streublume“, angelehnt an eine historische Vorlage von um 1770. „Ich reproduziere die Delfter Fliesen exakt nach holländischem Vorbild. Tausend verschiedene Motive habe ich zusammengetragen, aus denen Kunden ihre Wunschfliesen wählen können. Die Mischung des Tons, die Farben, die Art der Glasuren und der Malstil entsprechen dabei der alten Handwerkstradition.“ Ihre Fliesen müssen später für den zweiten Glattbrand bei 1.000°C in einen anderen Ofen. Jetzt schmelzt die Malerei in die weiß glänzende Glasur ein. Nach drei Tagen kann sie die abgekühlten Fliesen entnehmen. „Während des Glattbrandes verbrennt auch der Kohlenstaub und ist nicht mehr sichtbar“, bemerkt sie. Danach folge im letzten Schritt das Patinieren der Fliese, wodurch die Haarrisse, die sich in der Abkühlphase gebildet haben, sichtbar werden. Die Keramikerin ist stolz, mit den sorgfältig ausgeführten Handarbeiten dazu beizutragen, eine fast vergessene, uralte Tradition wieder in historische Gebäude oder eine zeitgemäße, anspruchsvolle Architektur einzubringen. „Der schönste und spannendste Auftrag ist der, wenn Hausbesitzer bei mir anfragen, die noch eine ganze zu restaurierende Fliesenstube haben. Fliesen herzustellen, die sich hier harmonisch einfügen und beschädigte Exemplare ersetzen können, ist für mich immer wieder eine Freude.“ Besonders bei solchen Aufträgen kommt Claudia van Hees ihr profundes kunstgeschichtliches Fachwissen zugute. Ihre Expertise hat sich herumgesprochen. Mittlerweile verschickt sie Fliesen nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch nach Dänemark oder der Schweiz. Sie finden sich in privaten Landhausküchen, Bädern und Esszimmern genauso wieder wie in Hotels oder Restaurants.
Zum Abschluss führt sie in den Ausstellungsraum. Hier stehen auf Wandregalen dicht aneinandergereiht historische Originalfliesen aus mehreren Jahrhunderten. „Jedes Jahrhundert hatte seine Lieblingsmotive. Deshalb kann ich eine antike Fliese durch ihr Motiv zeitlich genau zuordnen.“ Maritime oder religiöse Motive, Blüten und Früchte, Landschaften, Bauernhäuser, Tiere, Ornamente und Alltagsszenen wurden anno dazumal detailreich auf Fliesen gebannt. Claudia van Hees entwirft aber auch eigene, moderne Motive. „Selbst nach so vielen Jahren im Beruf, kann ich immer noch etwas Neues ausprobieren und entdecken und dabei wunderbar kreativ sein.“ Weitere Infos unter fliesenmanufaktur.de




