Wenn man das „Atelier Lädchen“ von Uta Gerstmann aus dem Dorf Schönböken im Kreis Plön betritt, kommt sofort Freude auf. Kunterbunte Gemälde von Fuchs, Kuh, Katze und Co. verbreiten hier in ländlicher Idylle gute Laune.
Das Holzhäuschen im Garten öffnet Uta Gerstmann immer sonnabends, um ihre Kunst zu präsentieren. „Ich male Acryl auf Keilrahmen, gern sehr bunt, mal größer, mal kleiner, mal etwas märchenhaft, aber immer mit Herz und Hingabe“, meint die 61-Jährige. Für ein Motiv mehrere Knallfarben harmonisch miteinander zu kombinieren, dafür hat sie ein ganz spezielles Händchen. Hauptsächlich gilt ihre Leidenschaft maritimen Motiven und der heimischen Tierwelt. Da sie sehr ländlich wohnt, findet sie auf ausgiebigen Spaziergängen mit ihren Labradoodle-Hunden viele Inspirationen direkt vor der Haustür. Aber auch exotische Tiere wie Löwen haben es ihr angetan.
Mit leuchtenden Augen stellt sie bei einem Rundgang durchs „Atelier Lädchen“ ihre Werke vor, denen sie stets fantasievolle Titel verleiht. Wir bleiben vor einem Bild stehen. Das Motiv: blauer Himmel, saftig grüne Weide, knallrote Morgensonne, zwei Schwarzbunte von hinten. „Dieses Bild habe ich auf den Namen ‚Backside of life‘ getauft“, schmunzelt sie. Der Hirschkopf gleich nebenan trägt den Titel „Herr Lavendel“. Ein Dackelporträt heißt „Der feine Herr“, ein Schafkopf firmiert unter „Heiter bis wollig“. Wie sympathisch! Wenn ihre Bilder irgendwann den Besitzer wechseln, sagt Uta Gerstmann nicht, dass sie verkauft seien, sondern dass sie „ein neues Zuhause“ gefunden hätten. Dieser kleine, aber feine Unterschied macht deutlich, wie sehr sie sich mit ihren Werken auch nach der Fertigstellung verbunden fühlt. Gut soll es ihnen gehen dort, wohin sie umziehen. Aber beginnen wir von vorn.
Der gebürtigen Wankendorferin wurde es nicht in die Wiege gelegt, einmal freischaffende Künstlerin zu sein. Sie erlernte den Beruf der Bürokauffrau, arbeitete im Zoofachhandel in der Aquaristik und im Landhandel und schloss erfolgreich eine Ausbildung zur Tierheilpraktikerin ab. Wegen gesundheitlicher Einschränkungen überlegte sie sich vor etlichen Jahren, wie es künftig für sie weitergehen sollte. Hier kam nun rein zufällig die Kunst ins Spiel. „2015 renovierte ich meine damalige Wohnung. Im Internet fand ich ein Bild mit einem Kuhkopf, das wunderbar in mein Schlafzimmer gepasst hätte. Doch es war unerschwinglich, und so dachte ich mir, das kann ich auch“, blickt sie zurück und verrät, dass es 20 holprige Anläufe brauchte, bis sie mit ihrem ersten selbst gemalten Kuhkopf vollends zufrieden war. „Dann fand ich ihn aber wunderschön.“
Als Autodidaktin begonnen
Da ihr das Arbeiten am Bild enorme Freude bereitet hatte, fing sie autodidaktisch an, sich intensiver in das Kunstschaffen hineinzufuchsen. Wie das Acrylmalen genau funktioniert, welche Techniken, Farben, Leinwände, Pinsel oder Malmesser dafür nötig sind, all das war für sie bis dahin nahezu unbekanntes Terrain. Deshalb begab sie sich auf eine spannende Entdeckungsreise, die schließlich in ihrer neuen Profession als freischaffende Künstlerin mündete. „2017 hatte ich meine erste Ausstellung in einer Gärtnerei und 2020 eine Schau unter dem Motto ‚BildHübsch und FarbenFroh‘ auf Hof Viehbrook in Rendswühren“, erzählt sie über die Anfänge. Durch positive Resonanz ermutigt, zeigte Uta Gerstmann fortan in weiteren regionalen Ausstellungen ihre Bilder. Über Mundpropaganda folgten Auftragsarbeiten für Heimtierbesitzer, die sich ein Bild ihrer Lieblinge im unverwechselbaren „Uta-Style“ oder ein anderes Herzensmotiv wünschten.
Überwältigende Resonanz
Ein Wendepunkt war der Besuch eines NDR-Fernsehteams für die Sendereihe „Nordtour“. Nach der Ausstrahlung im Januar 2021 waren die Reaktionen überwältigend. „Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Sogar in Übersee wurde die Sendung geschaut. Ich bekam plötzlich Anfragen aus aller Welt, zum Beispiel aus Florida, Australien, Österreich, Tschechien und Spanien.“ Im Mai 2021 zog sie in ihr jetziges Haus um und eröffnete drei Monate später das „Atelier Lädchen“.
Hier bietet sie neben den kunterbunten Bildern kleine Dekorationen für Haus und Garten und Handgefertigtes aus der Umgebung an. „Ich bin eine Dekomaus. Schöne Dinge mochte ich schon immer“, gesteht sie lächelnd. Ihre Bilder entstehen jedoch nicht im Gartenhaus, sondern in der Wohnstube, in der sie sich einen Arbeitsplatz eingerichtet hat. Dort sitzt sie fast täglich an der Staffelei – bevorzugt mit ihren quirligen Vierbeinern zu Füßen – und geht mit Begeisterung ihrer Passion nach. Oft zieht es sie schon in den frühen Morgenstunden hierher. Die Ideen für neue Motive sprudeln dabei nur so aus ihr heraus. „Ich werde es nie schaffen, sie alle umzusetzen. Dafür müsste ich 200 Jahre alt werden.“ Um ihre Wirkungsstätte vorzustellen, geht es jetzt aus dem „Atelier Lädchen“ hinüber zum nur wenige Schritte entfernten Wohnhaus. „Aktuell bin ich dabei, einen Schweinekopf zu malen. Vom 20. bis 21. April nehme ich an einer Kunstmesse in den Holstenhallen Neumünster teil. Dafür brauche ich dringend neue Werke“, bemerkt Uta Gerstmann. Sie tritt an die Staffelei, auf der ihr noch unvollendetes Werk steht, rückt sich ein Kissen im Rücken zurecht und setzt sich. „Sehen Sie, den Hintergrund für mein Bild habe ich schon mit einem Malmesser aufgetragen und den Schweinekopf grob vorgemalt. Jetzt, wo diese Schichten gut durchgetrocknet sind, kann ich mit den nächsten Schritten fortfahren.“
Sie greift nach einem Malmesser und einer Farbflasche mit Orange, tunkt das Malmesser kurz hinein und beginnt, mit Schwung und ziehenden Bewegungen den Kopf weiter auszumalen. Danach nimmt sie ein sattes Schwarz und verstreicht es vorsichtig über ein Ohr. „Durch die dunkle Farbe kommt mehr Tiefe ins Bild“, erklärt sie.
Den Augen eines Tieres widmet sich die Künstlerin stets besonders. Denn sie sind es, die dem Gesicht später einen einzigartigen, zu Herzen gehenden Ausdruck verleihen werden. Also legt sie das Malmesser beiseite und nimmt einen feinen Pinsel zur Hand. Sie skizziert die Augen und den Schweinerüssel und legt den Pinsel anschließend wieder auf den Werktisch. Für den Moment soll es mit der Demonstration ihres kreativen Schaffensprozesses genug sein. Wie lange sie an einem Bild male? „Das können je nach Größe bis zu 14 Tage sein, da ich ja die Trocknungszeiten zwischendurch mitberücksichtigen muss. Deshalb male ich meist an drei bis fünf Bildern gleichzeitig.“ Wenn sie mittendrin im Malen sei, vergesse sie Zeit und Raum und denke an nichts anderes. „Es kann passieren, dass ich mich mit einer dampfenden Tasse Tee an die Staffelei setze, gefühlt nur kurze Zeit später einen Schluck trinken will und überrascht feststelle, dass der Tee längst kalt geworden ist.“
Die Malerei habe ihr Leben verändert, sie habe gelernt, bewusst jeden einzelnen Augenblick mehr zu schätzen, mehr fokussiert bei sich und dem zu sein, was sie gerade mache. Wie sie die Stilrichtung ihrer kunterbunten Kunst bezeichnen würde? Sie denkt kurz nach. „Ich finde, man kann sie in keine Schublade stecken. Die Kunst ist frei. Sie muss nicht immer ernst daherkommen, sondern kann auch fröhlich und komisch sein. Ich male mit meinen Farben Emotionen“, antwortet sie. Auch ihre jeweilige persönliche Stimmung fließe in die Bilder ein. „Malen macht mich einfach glücklich“, bringt sie es zum Abschied auf den Punkt.
Das „Atelier Lädchen“ von Uta Gerstmann ist sonnabends und auf Anfrage geöffnet. Die aktuellen Öffnungszeiten und weitere Infos gibt es unter atelier-gerstmann.de




