Hohe Besatzdichten, kaputte Grasnarben, überlastete Böden – Pferdehaltung hat bei Naturschützern nicht gerade den besten Ruf. Dabei können Pferdeweiden dem Artenschutz sogar dienen, wenn das Management stimmt.
Wie es gelingen kann, den Artenschutz auf der Pferdeweide zu fördern, und wie das Pferd sogar davon profitieren kann, das erläuterten die Referentinnen und Referenten beim Onlinevortrag „Artenreiches Grünland in der Pferdehaltung“. Ins Leben gerufen wurde die Veranstaltung von der Vereinigung der Freizeitreiter und -fahrer in Deutschland (VFD), der Koordinierungsstelle Hessen des Deutschen Verbands für Landschaftspflege (DVL) und den Landschaftspflegeverbänden Rheingau-Taunus und Main-Kinzig-Kreis. „Die Landschaftspflegeverbände sehen viel Potenzial in der Zusammenarbeit mit pferdehaltenden Betrieben“, bekräftigte Dietmar Simmering vom DVL, der durch den Abend führte. Das Thema bewege sich allerdings im Spannungsfeld zwischen Naturschutz, Landwirtschaft und Kommunalpolitik.
„Der Naturschutz sieht nicht gern Pferde auf seinen Flächen, daran sollten wir arbeiten“, befand Detlev Finke von der DVL-Koordinierungsstelle Schleswig-Holstein. Hier laufen schon seit 2015 mehrere Projekte zur Pflege und Entwicklung artenreichen Pferdegrünlands. Wie Finke deutlich machte, ist in vielen Bundesländern der Rückgang von naturschutzfachlich relevantem Grünland dramatisch. In Schleswig-Holstein liege ihr Anteil am gesamten Dauergrünland bei 5 %.
Mitte des vergangenen Jahrhunderts habe es im Grünland mehr als 400 Pflanzenarten gegeben. Davon seien in Schleswig-Holstein nur noch zehn bis 15 Arten übrig. Sehr viele Flächen seien zu artenarmen Weidelgras/Klee-Mähweiden geworden. Darunter litten auch viele Tierarten, allen voran die Insekten. Deren Biomasse sei selbst in Schutzgebieten um 75 % zurückgegangen, so der Experte. Im Osten und Süden Deutschlands seien die Zahlen etwas besser, aber dennoch unzureichend bis schlecht. Reine Strategien zum Erhalt des artenreichen Grünlands würden nicht mehr ausreichen: „Wir müssen wieder artenreiches Grünland anlegen, sonst geht uns die genetische Vielfalt verloren“, so der Appell des Agraringenieurs.
Pferdehaltung und Naturschutz
Für viele Pferdehalter sei die Weide mehr Last als Lust, berichtete Finke. Mit der Aufnahme von Gras werden verschiedene negative Auswirkungen auf die Pferdegesundheit in Verbindung gebracht, zum Beispiel Übergewicht, Hufrehe und andere Stoffwechselstörungen. Dabei ist Gras die natürlichste Futtergrundlage für Pferde. Die gleichmäßige, langsame Aufnahme von strukturreichen Halmen wirkt sich positiv auf die Verdauung aus.
Hier kommen die Vorteile des artenreichen Grünlands zum Tragen, denn auf Rinderhaltung optimiertes Grünland ist für Pferde in der Tat problematisch: Die Hochleistungsgräser sind zu fruktanreich, die enthaltenen stickstoffbindenden Leguminosen zu eiweißreich. Zudem wird dieses Grünland meist früh genutzt, sodass der Rohfasergehalt gering ist.
Das Pferd als ehemaliges Steppentier sei an nährstoffarmen Standorten am besten aufgehoben, betonte der Referent. Optimales Pferdegrünland enthält vor allem kohlenhydratarme Gräser, viele Kräuter, wenig Leguminosen und einen hohen Rohfaseranteil. „Das alles sind Charakteristika, wie sie auch im Naturschutz erwartet werden“, so Finke. Das richtige Management und ausreichende Flächen vorausgesetzt, sei die Entwicklung artenreicher Flächen mit Pferden also möglich und komme sowohl dem Grünland als auch dem Pferd zugute.
In Deutschland würden Pferde bereits seit Jahren erfolgreich in der Biotoppflege eingesetzt. Gerade im artenreichen Dauergrünland werde zurzeit knapp die Hälfte der Flächen als Wiese, Mähweide oder Weide für Pferde genutzt. Pferde verwerten auch ältere Aufwüchse und hartblättrige Süß- und Sauergräser gut. Das trifft vor allem auf die Robustrassen zu. Die im Naturschutz häufig gewünschten späteren Nutzungstermine entsprechen auch den Empfehlungen für die Pferdeweide und für Pferdeheu.
Dabei hängt die Eignung der Fläche als Pferdeweide von den eingesetzten Pferderassen ab: Nordpferderassen wie die meisten Ponys kommen am besten mit mageren Standorten wie Sandheiden oder Feuchtgrünland zurecht. Dagegen können sportlich genutzte Großpferde vor allem auf mäßig nährstoffreichen Standorten eingesetzt werden, dem sogenannten mesophilen Grünland. Sie drohen auf mageren Standorten unterversorgt zu sein.
Herausforderung Giftpflanzen
Allerdings warnte Finke: „Wenn wir artenreiches Grünland haben, haben wir auch Ertragsverluste.“ Gegenüber Hochleistungsgrünland sei mit 15 bis 20 % Ertragsrückgängen zu rechen. Das könnten sich nur Betriebe leisten, die in der Fläche nicht zu knapp bemessen seien. Der landwirtschaftliche Futterwert sinke ebenfalls, allerdings nicht im gleichen Maße wie der Ertrag. Für leichtfuttrige Pferde könne der gesunkene Futterwert sogar positiv sein. Demgegenüber stünden eine hohe Nutzungselastizität und ein hoher diätetischer Wert des Futters.
Es gibt jedoch auch Probleme. Zum einen gedeihen auf Naturschutzflächen oft unerwünschte Giftpflanzen wie die Herbstzeitlose, das Jakobskreuzkraut oder der Sumpfschachtelhalm. Hier gilt es, frühzeitig einzelne aufkommende Pflanzen auszustechen oder mit der Wurzel auszureißen, da das frühe Ausmähen im Naturschutz oft nicht erwünscht ist. Zwar meiden Pferde Giftpflanzen auf der Weide, sofern ihnen genügend anderes Futter zur Verfügung steht. Ist die Weide aber zu stark abgegrast, sollte man sich darauf nicht verlassen. Zudem verlieren gerade diese drei genannten Arten auch im Heu nicht ihre Giftigkeit, werden im getrockneten Zustand aber eher gefressen.
Zum anderen ist Pferdehaltung besonders in Ballungsgebieten häufig von hohen Besatzdichten und geringem Flächenangebot geprägt. Daraus entstehen Schwierigkeiten wie ein kurzes Abweiden der Grasnarbe, starke Trittschäden durch das hohe Bewegungsbedürfnis der Tiere und verkotete Geilstellen. Durch eine angepasste Besatzstärke und gutes Weidemanagement könne man diese Schäden weitestgehend vermeiden, so Finke.
Aus naturschutzfachlicher Sicht wird für naturnahe Weidelandschaften eine ganzjährige Beweidung gefordert. Gerade benachteiligte Weidelandschaften, zum Beispiel in Feuchtgebieten, profitieren von der ganzjährigen, gleichmäßigen Nutzung: Vor allem in aufwuchsarmen Phasen wird auch überständiges Gras gefressen oder Bäume und Büsche geschält. Der Kot wird gleichmäßig und regelmäßig auf der Fläche verteilt. Das zieht Insekten an, die wiederum attraktive Beute für Vögel sind. Besonders vorteilhaft sind gemeinsame Weideprojekte mit Pferden und Wiederkäuern, weil deren Fraßverhalten sehr unterschiedlich ist.
Kompromisse finden
Warum die Ganzjahresbeweidung nicht nur für den Naturschutz, sondern auch für das Pferd ideale Bedingungen bietet, erklärte Prof. Konstanze Krüger-Farrouj von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen in Baden-Württemberg: Es fänden keine abrupten Futterwechsel statt, wie es bei Heufütterung im Winter und Weidegang im Sommer der Fall sei. So werde das empfindliche Verdauungssystem geschont. Zudem werde der Bewegungsbedarf des Pferdes in dieser Haltungsform am besten gestillt. Probleme bereite bei Weidehaltung allerdings häufig der geforderte Witterungsschutz. Schutzhütten müssten genehmigt werden, angrenzende Wälder seien in der Regel nicht zur Beweidung zugelassen. Nur wenn die Gemeinde die Nutzung genehmige, dürfe ein Wald als Witterungsschutz integriert werden.
Die Realität sieht in den meisten Gegenden Deutschlands anders aus: Viele Pferdebetriebe müssen mit wenig Fläche auskommen, auf der viele Pferde gehalten werden, damit das Unterfangen wirtschaftlich betrieben werden kann. „Die Boxenhaltung ist immer noch die bevorzugte Haltungsform. Davon müssen wir wegkommen, wenn wir Pferde pferdegerecht halten und ein artenreiches Grünland haben wollen“, so die Professorin. Pferden in Boxen oder in Kleingruppen stünden häufig auch kleine Koppeln zur Verfügung, die dann dauerhaft belastet seien. Zudem hätten sie einen stärkeren Bewegungsdrang als Pferde in Offenstall- oder Weidehaltung und verursachten dadurch mehr Trittschäden.
Um die Weiden möglichst verträglich für den Naturschutz, aber auch für Pferd und Mensch zu bewirtschaften, müssen Kompromisse gefunden werden. Bewährt habe sich die Haltung von Großgruppen auf Umtriebsweiden. So könnten schützenswerte Pflanzen erhalten werden. Allerdings leide die Biodiversität durch den Umtrieb, da biologische Ketten unterbrochen würden. Bei sehr großen Gruppen gebe es immer einen stark belasteten Bereich um den Eingang zur Weide, berichtete Krüger. Der sei jedoch unter Umständen zu vernachlässigen, wenn dafür die Gesamtweide schonend beweidet werden könne.
Besonders zu empfehlen sei der Expertin zufolge der Aktivstall, denn durch den ganzjährigen Auslauf in einem befestigten Bereich seien die Pferde ausgeglichener und hätten auf der Weide selbst weniger Bewegungsdrang. Der Zugang zur Weide kann mittels Computersteuerung gut kontrolliert und für verschiedene Pferdetypen unterschiedlich gehandhabt werden. Nach Medikamentengaben kann die Weide geschlossen bleiben, sodass keine Rückstände in den Boden gelangen.
Artenvielfalt wiederherstellen
Für die Rückentwicklung von Flächen zu artenreichem Grünland gibt es zwei Optionen: die Ansaat mit Regiosaatgut und die Verwendung von Mahdgut. Bei der ersten Variante wird gebietseigenes Saatgut aus Wildsammlungen in Fachbetrieben vermehrt und kann dann erworben werden. Das Saatgut wird von den Anbauverbänden RegioZert und VWW-Regiosaaten zertifiziert und ist nach Ursprungsgebieten eingeteilt. Teilweise gibt es Fördermöglichkeiten, um die relativ hohen Kosten auszugleichen. Diese belaufen sich auf mindestens 600 bis 800 €/ha.
Viele Gräser- und Kräuterarten sind allerdings nicht zertifizierbar und im Regiosaatgut nicht vorhanden. Für hochwertige Naturschutzflächen wird daher eher auf die Mahdgutsaat zurückgegriffen. Dabei wird ein bestehendes artenreiches Grünland geerntet und direkt auf die Maßnahmenfläche ausgebracht. Aus dem Mahdgut keimen dann vielfältige Samen aus.
Wichtig bei der Ansaat von artenreichem Saatgut: Die Grasnarbe muss aufgefräst werden, damit die junge Saat an den Boden gelangt und die Konkurrenzkraft der Altnarbe gebrochen wird. Der Erfahrung nach laufen 65 bis 70 % der gesäten Arten auf. „Nach drei bis fünf Jahren kann man so eine Wiese von einem historischen artenreichen Grünland fast nicht mehr unterscheiden“, sagt Detlev Finke. Wichtig für Landwirte: Nach der Ökoregelung fünf (ÖR 5) der Gemeinsamen Agrarpolitik können einige dieser Arten besonders gefördert werden.




