Auf dem 22. Internationalen Fachkongress für Erneuerbare Mobilität diskutierten 600 Teilnehmer Lösungen für Klimaschutz im Verkehr. Die Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Bioenergie (BBE), Marlene Mortler, eröffnete den zweitägigen Kongress, der als wichtigste Veranstaltung der Branche gilt. Internationale Teilnehmer aus 30 Nationen und vier Kontinenten begrüßten die fünf veranstaltenden Verbände der deutschen Biokraftstoffwirtschaft am ersten Kongresstag. „Das unterstreicht den internationalen Stellenwert des Kongresses“, betonte Mortler.
Angesichts des enormen Energiebedarfs von Straßen-, Schiffs- und Luftverkehr und der drängenden Herausforderung des Klimaschutzes waren sich die Experten an den beiden Kongresstagen vom 20. bis 21. Januar einig, dass für eine zügige Defossilisierung des Transportsektors neben einem ambitionierten Hochlauf der Elektromobilität alle Nachhaltigen, Erneuerbaren Kraftstoffe wie Biodiesel, Bioethanol, Biomethan, HVO und E-Fuels benötigt werden.
Vertreter aus Wissenschaft und Wirtschaft appellierten an die Politik, langfristig verlässliche Ziele und Rahmenbedingungen für den Hochlauf aller Erneuerbaren, nachhaltig produzierten Kraftstoffoptionen im Verkehr zu schaffen. Die hierfür benötigten Milliardeninvestitionen erforderten einen langfristig sicheren Rechtsrahmen, der weit über das Zieljahr 2030 der Erneuerbare-Energien-Richtlinie RED III, deren nationale Umsetzung jetzt ansteht, hinausgehen müsse. „Wir brauchen Rückendeckung durch die Politik“, sagte Mortler mit Blick auf die näherrückende Bundestagswahl. Die Akteure hoffen darauf, dass eine neue Bundesregierung in ihrer Politik Biokraftstoffe wieder stärker in den Fokus rücken wird.
Komplexes Regelungs-und Marktumfeld
In der ersten von insgesamt fünfzehn Sessions wurden die Klimaschutzziele im Verkehr diskutiert und das Potenzial Nachhaltiger Kraftstoffe und Antriebstechnologien beleuchtet. Mortler erläuterte die künftigen Herausforderungen für Erneuerbare Kraftstoffe in einem zunehmend komplexeren Regelungs- und Marktumfeld: „Damit die Klimaschutzlücke geschlossen werden kann und alle Erneuerbaren Optionen ihr Potenzial entfalten können, muss die Treibhausgasminderungs-Quote auf mindestens 37 Prozent im Jahr 2030 deutlich angehoben und für die langfristige Planungssicherheit zudem bis 2040 fortgeschrieben werden. Aktuell verschenkt Deutschland mit der künstlich niedrig angesetzten Obergrenze zur Anrechnung Nachhaltiger Biokraftstoffe aus Anbaubiomasse erhebliches Klimaschutzpotenzial, weshalb diese Obergrenze im Zuge der RED-III-Umsetzung auf das europarechtlich zulässige Maß von 5,3 Prozent angehoben werden sollte.“ Deutlich kritisierte die BBE-Vorsitzende die Marktverzerrung durch Biodieselimporte aus China, die doppelt angerechnet werden und so zu einem Verfall der THG-Quotenpreise geführt haben.
Hartmut Höppner, Staatssekretär im Bundesministerium für Digitales und Verkehr, stellte heraus, wie die Klimalücke im Verkehr durch Erneuerbare Kraftstoffe gefüllt werden kann: „Erneuerbare Kraftstoffe sind wichtig, um unsere Klimaziele im Verkehr zu erreichen. Sie ermöglichen es, vorhandene Technologien klimaneutral zu betreiben. Um ihr Potenzial schnell zu heben, brauchen wir klare gesetzliche Rahmenbedingungen. In Kombination mit einer gezielten finanziellen Förderung schaffen wir so Anreize für Investitionen in den Hochlauf klimafreundlicher Kraftstoffe und damit für mehr Klimaschutz.“ Auch wenn Deutschland im Jahr 2045 klimaneutral sein will, werden zu diesem Zeitpunkt noch Millionen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor unterwegs sein. „Erneuerbare Kraftstoffe sind eine Ressource, auf die wir nicht verzichten können“, sagte er. Vor allem könne so auch die vorhandene Infrastruktur für eine klimaschonende Mobilität genutzt werden.
Immer mehr Dieselmotoren werden ab Werk mit einer Tankfüllung des aus Abfall- und Reststoffen gewonnenen HVO versehen. Das gilt für führende Landmaschinenhersteller, aber auch BMW betankt seit Januar alle neuen Dieselfahrzeuge damit, wie Dr. Lars Menger von der BMW Group auf dem Kongress bestätigte. „Erneuerbarer Diesel spielt weltweit eine wichtige Rolle auf dem Weg zur Nachhaltigen Mobilität“, ergänzte Jörg Hübeler vom Biokraftstoffhersteller Neste Germany GmbH.
Niels Anspach, Vizepräsident Wertschöpfungskette Biokraftstoffe der BP Europa SE, erläuterte, wie Biokraftstoffe den Übergang zu Netto-Null in verschiedenen Branchen beschleunigen könnten: „Die kosteneffizientesten Lösungen sollten Vorrang haben, während neue Rohstoffe und neue Technologien wie Fischer Tropsch oder Methanol to Jet entwickelt und verbreitet werden sollten. Anstatt die Optionen einzuschränken, brauchen wir alle Wege, die in ihrem eigenen Tempo entwickelt und eingesetzt werden, und zwar nach einem ganzheitlichen Ansatz, der keine der nachhaltigen Optionen einschränkt.“
E-Kraftstoffe oder Elektromobilität?
Claire Couet, Business Development Manager bei SGS Inspire, stellte heraus, was für die Dekarbonisierung des europäischen Verkehrssektors bis 2030 zu erwarten sei: „Die ehrgeizige Klimaagenda der Europäischen Union wird auch weiterhin eine treibende Kraft bei der Gestaltung der Zukunft des Straßenverkehrs sein. Allerdings steht die EU vor einer wichtigen Entscheidung: ob sie die Rolle von E-Kraftstoffen und anderen Erneuerbaren Kraftstoffen in der Dekarbonisierungsstrategie neben der Elektrifizierung ausbauen will. Diese Entscheidung könnte die Zukunft der europäischen Automobilindustrie und ihre Fähigkeit, auf der globalen Bühne wettbewerbsfähig zu bleiben, erheblich beeinflussen.“
Prof. Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer von en2x – Wirtschaftsverband Fuels und Energie, stellte die regulatorischen Hemmnisse für Investitionen in innovative Technologien für Grüne Moleküle heraus: „Die Molekülwende ist elementar für das Gelingen der Energiewende. Denn ohne CO2-neutrale Kraft-, Brenn- und chemische Grundstoffe für die Industrie werden wir eine starke Wirtschaft nicht mit Klimaschutz in Einklang bringen können. Damit die Transformation endlich Fahrt aufnimmt, muss die nächste Bundesregierung dringend die regulatorischen Weichen so stellen, dass Investitionen in Grüne Technologien möglichst attraktiv werden. Dabei sollte keine Alternative von vornherein durch Verbote ausgeschlossen werden. Wir brauchen weniger Bürokratie und einen Wettbewerb um die besten Lösungen für mehr Klimaschutz.“
Planungs- und Investitionssicherheit seien entscheidend, damit Unternehmen in den Auf- und Ausbau der Produktionskapazitäten von Erneuerbaren Kraftstoffen investierten. Dies sei jetzt erforderlich, damit fossile Kraftstoffe in zunehmend globalisierten Märkten durch Erneuerbare Alternativen ersetzt würden. Um den auch in den nächsten Jahrzehnten noch enormen Fahrzeugbestand mit Verbrennungsmotor und zusätzlich die nicht elektrifizierbaren Anwendungen klimaschonend zu gestalten, seien alternative Kraftstoffoptionen notwendig, die einen ganzheitlichen Förderansatz bei sachgerechter Ausgestaltung erforderten.
Betrugsskandal belastet Vertrauen
Die Podiumsdiskussion fokussierte sich darauf, wie mutmaßliche Betrugsfälle mit angeblich fortschrittlichen Biokraftstoffimporten aus China künftig verhindert werden können. Der Betrugsskandal und auch die Unregelmäßigkeiten bei Klimaschutzprojekten im Rahmen der Erdölförderung in China belasten das Image und das Vertrauen in die gesetzlich vorgegebene Zertifizierung, weil die erforderliche begleitende Verwaltungskontrolle der zuständigen Stellen im Bundesumweltministerium (BMUV) versagt haben. Auch die mangelnde Verantwortungsübernahme vonseiten der EU-Kommission wurde kritisiert und der Nachbesserungsbedarf in der behördlichen Zuständigkeit angemahnt. Dies gelte insbesondere dann, wenn die noch immer im Aufbau befindliche Unionsdatenbank ihrer Aufgabe der Rückverfolgbarkeit, auch im Sinne der Betrugsprävention, gerecht werden solle.
Die im Verlauf der Podiumsdiskussion durchgeführte Umfrage bestätigte nachdrücklich die erforderliche und auch von der Biokraftstoffwirtschaft selbst geforderte Verschärfung der Überwachung. Von den Fachkongressteilnehmern stimmten 80 % in einer Umfrage der Aussage zu, dass behördliche Vor-Ort-Kontrollen das wirkungsvollste Mittel zur Betrugsvermeidung seien. Ob entsprechende Gesetzesänderungen, die jetzt doch noch kurzfristig vom BMUV erarbeitet und dem scheidenden Parlament übermittelt wurden, noch vor dem Ende der Legislaturperiode und den Neuwahlen zum Deutschen Bundestag beschlossen werden, blieb allerdings offen. Die Veranstalter des Fachkongresses kündigten an, dass diese Herausforderungen auch Thema des nächsten Fachkongresses sein würden, wenn die EU-Mitgliedstaaten bis Mitte 2025 die RED III in nationales Recht umgesetzt haben müssten.
Erneuerbare Antriebeauf dem Acker
Erneuerbare Antriebsenergien kommen aktuell in der Land- und Forstwirtschaft noch wenig zum Einsatz. Das war vor mehr als 20 Jahren schon einmal anders, als in der landwirtschaftlichen Praxis bereits einige Schlepper mit Rapsöl und Biodiesel liefen. Dabei gibt es durchaus marktreife Technologien, die perspektivisch das gesamte Leistungsspektrum des Fuhrparks bedienen können. In einer Session am zweiten Kongresstag wurden die Potenziale sowie vor allem die noch bestehenden Hürden diskutiert.
Vor einem Jahr war der Wunsch nach Dieselalternativen besonders groß: Die von der Bundesregierung beschlossene Abschaffung der Agrardieselsteuerrückerstattung, die notwendige Verringerung der CO2-Emissionen in allen Wirtschaftssektoren und der Wunsch nach einer energieautarken Landwirtschaft hatten das Interesse an Erneuerbaren Antriebsenergien für die Land- und Forstwirtschaft deutlich erhöht. Denn obgleich die Landtechnikunternehmen mit diversen innovativen Technologieoptionen theoretisch das gesamte abzudeckende Leistungsspektrum bedienen könnten und in der Praxis schon mehrfach die Tauglichkeit und Zuverlässigkeit wissenschaftlich bewiesen wurden, kommt die Mobilitätswende auf dem Acker nicht ins Rollen.
Die Ursachen hierfür sind vielfältig: Die größte Herausforderung ist, dass eine sofortige komplette Umstellung des landwirtschaftlichen Maschinenparks nicht zu realisieren ist (siehe Seite 25). Verschärft wird dies dadurch, dass viele Maschinen eine sehr lange Lebensdauer haben. Für vorzeitige Neuanschaffungen oder Umrüstungen müssen die Betriebe enorme Investitionen stemmen, jedoch fehlt es hier gegenwärtig an klaren politischen Signalen sowie wirtschaftlichen und vor allem verlässlichen Investitionsanreizen sowohl für die landwirtschaftlichen Betriebe als auch für die Landtechnikunternehmen. Dabei sei die Bereitschaft der Landwirte zur Umstellung durchaus vorhanden, wie Johannes Buchner von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf ausführte: „Gerade bei jüngeren Landwirten ist das Interesse groß, auch alternative Antriebe auszuprobieren.“
Problem der Wirtschaftlichkeit
Buchner räumte aber auch ein, dass in wirtschaftlicher Hinsicht ein Umstieg derzeit nicht lohnt: „Die Landwirte sagen, dass sie mit fossilem Diesel immer noch günstiger fahren.“ Vom Hörensagen existierten auch noch negative Erfahrungen mit alternativen Kraftstoffen in der Landwirtschaft. „Es ist aber auch viel Wissen über die Lagerung etwa von Pflanzenöl verloren gegangen“, machte Dr. Peter Emberger vom TFZ Straubing deutlich. Wer einen offenen IBC-Behälter mit Pflanzenöl in der staubigen Scheune abstelle, brauche sich über verstopfte Kraftstofffilter später nicht zu wundern.
Pflanzenöltraktoren müssen der Dieselvariante in Bezug auf Leistung, Emissionen und die Einsatzfähigkeit ebenbürtig sein. Dass dies gelingen kann, wird im Projekt „ResiTrac“ in Bayern mit einer Testflotte von John Deere-Schleppern im realen Einsatz erprobt. Dabei solle betont werden, dass neben der Ölproduktion weitere Produkte anfallen, wie etwa Presskuchen für die Milchviehfütterung.
Auf politischer Ebene könnten eine zeitnahe Novellierung der EU-Energiesteuerrichtlinie und eine Umsetzung in nationales Recht ein notwendiger Impulsgeber sein. Dies sei ein wichtiger Schritt zur Harmonisierung der Energiebesteuerung in der EU und sehe eine nach Umweltleistung ausgerichtete Steuerfestsetzung unter anderem für die in der Land- und Forstwirtschaft eingesetzten Biokraftstoffe vor. Hürden gebe es aber auch beim Landmaschinenhandel und den Werkstätten. So rieten Verkäufer häufig von Antriebsalternativen ab. Praktische Erfahrungen könnten Interessenten nicht sammeln, wenn kein Vorführschlepper vor Ort zur Verfügung stehe. Zudem müssten die Mitarbeiter in den Werkstätten für die alternative Technologie trainiert werden.



