Manch Wanderer mag vom Parkplatz Karberg an der Bundesstraße 76 in Höhe Fahrdorf schon zu einer Tour um das Haddebyer Noor aufgebrochen sein, ohne das Areal zu entdecken, das dahinter auf einer Anhöhe liegt. Hier befindet sich eine Gedenk- und Kriegsgräberstätte, wo Tote des Zweiten Weltkriegs ihre letzte Ruhe fanden. Ein Besuch.
Vom Parkplatz aus führt eine steile Treppe zum Ehrenfriedhof hinauf. Inmitten der weitläufigen Fläche von 1,3 ha ruhen dort seit Einweihung am 28. Juli 1962 in fünf Feldern 1.074 Kriegstote, davon 800 Soldaten verschiedener Nationalitäten und 274 Männer, Frauen und Kinder, die ohne Beteiligung an Kampfhandlungen ihr Leben verloren. Im Jahr 1963 kamen 50 Opfer der Bombenangriffe in der Lübecker Bucht vom 3. Mai 1945 hinzu, die vorher in Timmendorfer Strand bestattet waren. Von zirka 500 Kriegstoten konnten später noch Angehörige ermittelt und benachrichtigt werden. Manche erhielten erst dadurch Kenntnis vom Schicksal ihrer Vermissten.
Die Toten hatten zuvor Schlimmes erlebt. Einen Blick zurück gewähren Infotafeln auf dem Gelände und ein Faltblatt, das über einen QR-Code am Eingang abrufbar ist. Demnach wollten sich viele Menschen in den letzten vier Kriegsmonaten des Jahres 1945 vor dem Vordringen der Sowjetarmee in den Ostgebieten in Sicherheit bringen. Sie flüchteten über die freie Ostsee an die Küste Schleswig-Holsteins. Mit dieser Flüchtlingswelle kam es zu unzähligen Toten infolge von Kampfhandlungen, Schiffsuntergängen und Bombardierungen der Städte durch die Alliierten. Erlittene Strapazen während der Flucht trugen dazu bei, dass Flüchtlinge auch im Nachhinein durch Entkräftigung starben. Unter den ausländischen Soldaten, die teilweise jahrelang unter Zwangsarbeit, Erniedrigung und Misshandlung gelitten hatten, gab es ebenfalls Tote. Die Verstorbenen wurden zunächst an Ort und Stelle provisorisch bestattet.
Der Kreisausschuss Schleswig beschloss jedoch 1960 eine Umbettung der größtenteils verstreuten Feld- und Soldatengräber im Kreisgebiet sowie aus anderen Teilen des Landes. Vor allem ging es um die Gräber, deren dauerhafte Pflege ungeklärt war. Mit der Umbettung sollten Grabpflege und ein ständiges Ruherecht gesichert werden. Außerdem sollte der zentrale Ehrenfriedhof – der seit Beginn in der Obhut des Kreises und des Amtes Haddeby ist – Besuchern und Familienangehörigen aus dem In- und Ausland ein stilles Gedenken ermöglichen.
Nach einiger Überlegung fiel die Wahl auf das Gelände des Karbergs am Haddebyer Noor. Es war schon zu Wikingerzeiten ein Begräbnisplatz für die Bewohner von Haithabu gewesen. Für die Gestaltung der Anlage schrieb das Innenministerium einen Ideenwettbewerb aus. Sieben Garten- und Landschaftsarchitekten fertigten daraufhin Entwürfe an. Der, der schließlich das Rennen machte, sah eine Bewaldung des Hügels vor, in einer Mulde unterhalb des Gipfels sollte der repräsentative Mittelpunkt des Friedhofs in Form einer sternförmigen, 10 x 18 m großen Grabplatte aus Beton entstehen, die auf vier rohen Betonpfeilern ruht, mit einer wie durch Bomben- und Granateinschlag durchbohrten Decke. Die Entscheidung des Preisgerichts stieß beim damals amtierenden Geistlichen der nahen St. Andreas-Kirche auf Kritik. Er bemängelte, dass eine auf Pfeilern ruhende Grabplatte zu sehr an Grabdenkmäler germanischer, also heidnischer Art erinnere. Die neue Kriegsgräberstätte wurde dennoch wie geplant errichtet und durch Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel (CDU) eingeweiht.
Ein historisches Foto von diesem Sommertag vor 62 Jahren zeigt, dass zu diesem Anlass auf dem Vorplatz je ein Zug des Heeres, der Marine, der Luftwaffe, der Bereitschaftspolizei und des Bundesgrenzschutzes in Paradeaufstellung angetreten war. Unter den Klängen des Preußischen Präsentiermarsches schritten der Ministerpräsident, Innenminister Dr. Helmut Lemke (CDU) und Flottillenadmiral Hans-Rudolf Rösing die Front ab. Auch Angehörige der Umgebetteten und mehr als 1.000 Bürger wohnten dem feierlichen Akt bei. Die Einweihung war die größte Totenfeier, die der Kreis Schleswig-Flensburg bis dato erlebt hatte.
1966 wurde die Anlage um das Vertriebenendenkmal „Den Toten der Vertreibung“ des Glücksburger Bildhauers Siegbert Amler (1929-2019) ergänzt. Auch erfuhr sie in den vergangenen Jahren eine umfangreiche Sanierung. Unter anderem entstanden neue Treppen und ein barrierefreier Zugang. Die gärtnerische Pflege leistet der Bauhof des Amtes Haddeby. Bei der Amtsverwaltung Haddeby in Busdorf kann eine Liste der Bestatteten mit personenbezogenen Informationen eingesehen werden.
Regelmäßig finden auf dem Karberg öffentliche Festakte und zentrale Gedenkfeiern zum Volkstrauertag statt. Anlässlich der 70 Jahre währenden Friedenszeit von 1945 bis 2015 wurden hier zudem vom Amt Haddeby symbolisch als Zeichen und Mahnung zum Frieden 70 weiße Friedensrosen der Sorte ,Charity-Rose Friedenslicht‘ gesetzt. Während einer Gedenkveranstaltung zum 55. Jahrestag des Bestehens der Anlage im Jahr 2017 machte der damalige Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU) deutlich: „Das Erinnern an die Toten der Vergangenheit ist immer auch eine Mahnung an die Gegenwart, für eine friedliche Zukunft alles Menschenmögliche zu tun.“ Der Landesvorsitzende des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, Dr. Ekkehard Klug, wies darauf hin, dass auf dem Karberg auch Projekte von jungen Menschen aus den Schulen der Region sowie internationale Jugendbegegnungen des Volksbundes stattfänden. Dies sei ein Beispiel für eine Bildungsarbeit, die auf die Werte von Menschenrechten, Demokratie und Frieden ausgerichtet sei und sich entschieden mit Extremismus, Nationalismus, Rassismus und willkürlicher Gewalt auseinandersetze. Schüler der Dannewerkschule Schleswig stellen dies im Rahmen der damaligen Feststunde eindrücklich unter Beweis. Sie hatten einen Wortbeitrag „Karberg-Geflüster“ vorbereitet, mit dem sie den dort gebetteten Toten stellvertretend eine Stimme gaben. Schon seit 1982 ist es gelebte Tradition, dass Dannewerkschüler am Volkstrauertag aktiv am Programm mitwirken.
Aber reisen wir jetzt gedanklich von der Vergangenheit in die Gegenwart. Beim spätsommerlichen Rundgang durch das Gelände wird einmal mehr deutlich, was für ein besonderer Ort die Gedenk- und Kriegsgräberstätte Karberg ist. Beim Betreten erwartet den Besucher nach einigen Schritten eine faszinierende Aussicht auf das Noor, Haithabu, die alte Feldsteinkirche St. Andreas, die Schlei und den Schleswiger St. Petri-Dom. Danach geht es auf dem Weg weiter und es erscheint der Mittelpunkt der Anlage, die sogenannte Halle. Rechts davon stehen die Friedensrosen zart duftend noch in Blüte. In der Halle wandert das Auge unwillkürlich nach oben. Durch das Loch in der Decke blitzt an diesem sonnig-heißen Tag der strahlend blaue Himmel mit luftig leichten Wolken hervor. Was für ein Kontrast zum schweren, rauen Beton!
Mehrere Schritte weiter bergab steht in einer schlichten, leicht gestuften Betonnische die Bronzeplastik von Siegbert Amler. Sie ist in Form einer stilisierten, trauernden Figur mit gesenktem Kopf und betenden Händen gestaltet. Seitlich ist der Schriftzug „Den Toten der Vertreibung“ angebracht. Eine Bank daneben lädt zum Verweilen und stillen Gedenken ein. Von dort geht es wieder auf die Anhöhe hinauf, mehrere Treppenanlagen durchziehen die Rasenfläche. Auf ihr finden sich die Gräber der insgesamt 1.124 Toten in langen Steinreihen oder einzelnen Steinblöcken. Falls bekannt, sind darauf die Namen sowie Geburts- und Sterbejahr eingraviert. Bei 180 Toten steht „Unbekannt“. Unabhängig von ihrem Rang oder ihrer Nationalität wurden sie Seite an Seite bestattet. 343 von ihnen waren Ausländer aus 14 Nationen. Welche Wünsche, Hoffnungen und Zukunftspläne mögen sie gehabt haben, bevor ihr oft erst junges Leben durch den Krieg jäh ein tragisches Ende fand? Ihre Gräber könnten heute Botschafter wider das Vergessen sein, hob der Landrat des Kreises Schleswig-Flensburg, Wolfgang Buschmann, anlässlich einer vergangenen Gedenkfeier hervor. „Sie halten die Erinnerung nicht nur wach, sondern erinnern uns daran, immer wieder und aufs Neue aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.“




