Die Rolle der Frauen in Landwirtschaft und Gesellschaft stärken, Demokratie stabilisieren und sich gegen Verein-
nahmungen des ländlichen Raumes durch Rechtsextreme verwahren – das waren die Themen des Forums des Land-
Frauenverbandes (LFV) Schleswig-Holstein am vergangenen Sonnabend. Über 300 Delegierte und Gäste waren ins neue Deula-Schulungszentrum in Rendsburg-Süd gekommen.
„Was wir brauchen in bewegten Zeiten, ist der Schulterschluss. Wir dürfen uns im ländlichen Raum nicht abhängen lassen“, sagte LFV-Präsidentin Claudia Jürgensen. Sie trug wie alle Redner und viele Ehrengäste des Tages die „Awareness-Schleife“ des dlv als Zeichen der Solidarität: Die UNO hat 2026 zum Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft erklärt. Dass dieser Schulterschluss auch zur Stärkung der Demokratie unverzichtbar ist, zog sich als roter Faden durch die weiteren Beiträge.
Mühsam erkämpfte Gleichberechtigung werde rückgängig gemacht, längst überholt geglaubtes Rollenverständnis der Frau wieder salonfähig, so Jürgensen. „Eure Torten sind der Renner, aber auf Bundesebene ist unser Kuchen politisch“, rief sie den LandFrauen zu.
Wie wichtig die Rolle der Frauen in der Landwirtschaft ist, strich der Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein (BVSH), Klaus-Peter Lucht, heraus. Bei Ausfällen übernähmen die Frauen selbstverständlich die Aufgaben auf dem Hof. Im Zuge der Diversifizierung „werden wir alle Multiunternehmer, das geht nicht ohne Frauen“. Allerdings hinkt Deutschland beim Anteil weiblicher Betriebsleitender hinter anderen EU-Ländern her. Der Bauernverband müsse „jünger und weiblicher“ werden, so Lucht. „Mit Frauen werden die Diskussionen besser, sie bekommen andere Blickwinkel.“ In den Referaten des Hauptamtes des BVSH seien inzwischen mehr Frauen als Männer beschäftigt.
LandFrauen als Vorbilder
Zur Stärkung der Demokratie setzt Lucht, der sich gegen Extremismus, egal von welcher Seite, aussprach, auf die Mitte der Gesellschaft. „Sie muss sichtbar und hörbar sein. Wir können uns nicht leisten, auf demokratisch denkende Menschen zu verzichten.“ Da seien die LandFrauen seit jeher Vorbilder.
Das Gastreferat mit dem Titel „Demokratie beginnt nebenan: Rechtsextremismus im ländlichen Raum erkennen und begegnen“ hielt Lyn Blees von den Regionalen Beratungsteams (rbt) gegen Rechtsextremismus Schleswig-Holstein (www.rbt-sh.de). Deren Beratungen sind dank Förderung kostenlos von vier Büros in Flensburg, Itzehoe, Kiel und Lübeck aus. Zuvor hatte die LFV-Präsidentin das AfD-Strukturpapier „Raus aufs Land“ aus Rheinland-Pfalz erwähnt, in dem aufgefordert worden sei, „den ländlichen Raum einzunehmen“. Man hätte diese Hilfsangebote für ein erfreuliches Konzept halten können, doch diese Leute seien nur darauf aus, Leerräume zu füllen, wo es schlimm aussehe und wo jemand gebraucht werde.
Rechte gehen aufs Land
„Rechtsextreme nutzen den ländlichen Raum als Rückzugs- und Wirkungsraum“, bestätigte Lyn Blees. „Sie finden dort ungestörte Ruhe, Platz und mangelnde Daseinsvorsorge.“ Dies werde umgesetzt durch Immobilienkauf, durch Vereinnahmung von oft einzig verbliebenen sozialen Orten wie Bürgerzentren oder Jugendtreffs oder durch rituelle Feiern fern von belebten Plätzen wie eine Sonnwendfeier am Plöner See oder ein rechtes Wikingertreffen bei Haithabu. Rechtsextreme „kümmerten“ sich um die Anliegen der Bevölkerung, machten sportliche oder gesellige Angebote (Dämmerschoppen, Bratwurststand) oder ließen sich in Vereinsvorstände oder Ortsgremien wählen, um dann nach und nach ihre Inhalte zu propagieren.
Gewalt nimmt zu
Ein verbindendes Kennzeichen des Rechtsextremismus sei laut Blees die „Ungleichwertigkeitsvorstellung“ von Menschen: „Manche sollen mehr wert sein als andere, es richtet sich gegen das schiere Dasein bestimmter Gruppen.“ Das schlage sich auch nieder in Befürwortung von Diktatur und Verharmlosung des NS-Regimes. In der deutschen Bevölkerung ernteten solche Vorstellungen zwar nur bei 3,3 % komplette Zustimmung, aber bei 20,6 % doch eine teilweise. „Die Ansichten sind gesellschaftlich stark verankert, junge Leute machen da keine Ausnahme.“ Die Folge davon sei die Zunahme rechter Delikte und von Gewalt gegen Migranten oder politische Gegner – zum Beispiel die Brandanschläge auf Büros der demokratischen Parteien in Flensburg Anfang April.
Wie sich dagegen wehren? Sich positionieren für Toleranz, Vielfalt und Gleichberechtigung, wie es etwa der Turnverein Grundhof getan habe, rät Lasse von Bargen von den rbt, und solche Prinzipien in Satzungen verankern. Wenn in Sitzungen rechtsradikale Parolen geäußert würden, die Rede unterbrechen und auf die Tagesordnung verweisen. Bei entsprechenden Sprüchen eine Antwort parat haben, denn „wer schweigt, erweckt den Eindruck, er stimme zu“. Etwa so: „Was meinen Sie genau?“ – „Wann und wo war das?“ – „Was hätte Ihre Meinung für Konsequenzen?“ Wenn einem spontan nichts anderes einfällt, zumindest: „Ich bin nicht dieser Meinung!“
Die anschließenden Fragen aus dem Saal, die eher Ergänzungen waren, zeigten, wie bewusst und ernst den LandFrauen das Thema ist. Eine LandFrau aus Berkenthin empfahl einen Workshop, der ihr bei der Konfrontation mit Parolen geholfen habe. Als Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) am Schluss das Grußwort hielt, betonte er die Bedeutung der LandFrauen für den demokratischen Zusammenhalt der Gesellschaft (siehe Seite 7).




