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Eine historische Bahnstrecke feiert Jubiläum

160 Jahre Ostholsteiner Eisenbahn – Regionalforscher Volker Griese beleuchtet die Geschichte in seinem neuen Buch
Von Sven Tietgen
Im spätklassizistischen Stil erbaut: der Bahnhof Wankendorf im Kreis Plön. Er war eine der wichtigen Haltestellen auf der historischen Strecke der Ostholsteiner Eisenbahn. Foto: Sven Tietgen

Die Ostholsteiner Eisenbahn feiert Jubiläum: Am 27. Mai wurde die historische Bahnverbindung zwischen Neumünster und Neustadt genau 160 Jahre alt. Grund genug für den Regionalforscher Volker Griese, die historische Strecke mit einer spannenden Buchveröffentlichung zu feiern. Unter dem Titel „Die Ostholsteinische Eisenbahn – Planung, Bau, Betrieb“ beleuchtet der Autor aus Wankendorf (Kreis Plön) die Entstehung und Entwicklung der Bahnstrecke – und berichtet dabei auch von einer ungewöhnlichen Wette.

Volker Griese mit seinem Buch über die Ostholsteiner Eisenbahn
Foto: Sven Tietgen

Volker Griese kennt die Bahnverbindung noch aus eigenem Erleben. Nicht nur zur Schule nach Plön fuhr der heute 61-jährige Orts- und Regionalhistoriker mit der ostholsteinischen Eisenbahn. Auch Einkäufe in Neumünster erledigte er mit dem Zug. „Das haben viele Wankendorfer damals gemacht, Neumünster galt als Einkaufsstadt. In 20 min waren wir dort, das schafft man nicht einmal mit dem Auto, geschweige denn mit dem Bus“, sagt der Diplom-Ingenieur. Im Jahr 1985 stiegen allerdings letztmals Reisende in die Ostholsteiner Eisenbahn, drei Jahre später rollte der letzte Güterzug nach Wankendorf.

Die Bahnstrecke fiel den Rationalisierungsplänen der Bundesbahn zum Opfer – trotz heftiger Proteste in den betroffenen Gemeinden, schreibt Volker Griese in seiner 140-seitigen Dokumentation. Inzwischen ist die 62,1 km lange Bahnverbindung nur noch in Teilen befahrbar, nachdem teilweise Gleisanlagen und auch Brücken abgebaut wurden. Dennoch hat es immer wieder Versuche gegeben, die Ostholsteiner Eisenbahn zu reaktivieren. Bislang vergeblich.

Die Geschichte der Bahnstrecke geht zurück bis ins Jahr 1837. Damals gab es Überlegungen, die erste Bahnstrecke in Schleswig-Holstein von Hamburg-Altona nach Kiel alternativ über Preetz, Wankendorf, Bornhöved und Segeberg zu bauen. Die Entscheidung für die heutige Strecke, die 1844 eröffnet wurde, fiel dann wegen des deutlich flacheren Bodenreliefs – und weil die Stadt Elmshorn eine höhere Beteiligung am Aktienkapital angeboten hatte.

Diese Postkarte zeigt den Bahnhof Wankendorf im Jahr 1900. Foto/Postkarte: privat

Der Erfolg der ersten Eisenbahnverbindung im Land rief dann die dänische Regierung auf den Plan. Jetzt sollte auch die ostholsteinische Region, die damals zu Dänemark gehörte, mit einer Bahnlinie erschlossen werden. „Die Region war sehr rückständig, Wankendorf zum Beispiel bestand in dieser Zeit nur aus 15 Bauernhöfen und ebenso vielen Tagelöhnerkaten“, erzählt Volker Griese, der seit Jahrzehnten die örtliche und regionale Historie aufarbeitet. Die Idee einer Bahnlinie von Neumünster nach Neustadt fiel besonders in den bisher abgehängten Orten wie Plön auf fruchtbaren Boden. Die Planungen der Altona-Kieler Eisenbahn-Gesellschaft (AKEG), die vom dänischen Königreich entsprechende Lizenzen erhielten, zogen sich aber über viele Jahre hin. Widerstände gab es bei der Streckenführung von Gutsbesitzern und auch vom dänischen König, der ein Dampfross auf Gleisen durch seinen Schlossgarten am Plöner See vehement ablehnte. Zudem gab es unter vielen Aktionären in der AKEG Befürchtungen, dass sich die Investition über 4 Mio. Mk nicht rechnen könnte.

Nur für die Kaiserfamilie: der Haltepunkt am Plöner Schloss
Foto/Postkarte: privat

Dazu gehörte auch der Hamburger Senat, der den Projektbefürwortern mangelnde Rentabilität vorwarf. Über Jahre zogen sich Verhandlungen und Gespräche hin – bis ein britischer Eisenbahnunternehmer für den Durchbruch und eine Einigung mit der AKEG sorgte. Samuel Morton Peto hatte sich mit seinen Gesellschaften über den ganzen Kontinent ausgebreitet, in der Region besaß der Brite bereits die Bahnstrecke Rendsburg-Neumünster. Der Beschluss habe auch mit geopolitischen Entwicklungen zu tun gehabt, schreibt Volker Griese: Nachdem Dänemark im Jahr 1864 den Krieg gegen Preußen und Österreich verlor, verschwand der Einfluss der dänischen Regierung auf das Bahnprojekt.

Detailliert schildert Griese die Hintergründe um die Planung und den Bau der Bahnlinie. Innerhalb von nur zwei Jahren bauten Heerscharen von Arbeitern unter Leitung britischer Ingenieure Gleisanlagen, dazu wurden Bahnhöfe im spätklassizistischen Stil gebaut – in Plön, Eutin und Neustadt ebenso wie in Wankendorf und weiteren Orten. Weiterhin wurden Brücken und Dämme errichtet, dabei bewegten die Arbeiter viele Tausend „Pott“ Erde. Während der Bauarbeiten sprach sich in der Region auch die Wettleidenschaft der britischen Eisenbahnexperten herum. Ein Kaufmann aus Neustadt – in der Zeitung als „Herr J. L. jr.“ vorgestellt – forderte die Ingenieure wenige Wochen vor der Fertigstellung zu einer Wettfahrt auf. Mit seinen zweispännigen Kutsche wollte der Neustädter schneller von Eutin nach Plön fahren als die Briten mit einer Handhebel-Draisine. Nach 38 min rauschte der Kaufmann unter dem Jubel vieler Schaulustiger als Erster ins Ziel, die Briten kamen erst 9 min später an.

Ein historischer Moment: der Bahnhof von Ascheberg mitsamt Personal im Eröffnungsjahr 1866
Foto/Postkarte: privat

Nach der festlichen Einweihung inklusive Befahrung der neuen Bahnlinie am 27. Mai 1866 ging es mit der Region wirtschaftlich steil bergauf. Innerhalb weniger Jahre wuchsen durch den Schienenverkehr mit Personen- und Güterzügen die Bevölkerung und die Wirtschaft in der ostholsteinischen Region massiv an. „In Wankendorf verdoppelte sich die Einwohnerzahl, rund um den Bahnhof siedelten sich Handwerks- und Industriebetriebe an, die vorher abgeschiedene Region hatte nun eine Verbindung zur großen weiten Welt“, erklärt Volker Griese.

Der Regionalforscher dokumentiert in seinem Buch auch die weitere Entwicklung der ostholsteinischen Eisenbahn. So schildert der Wankendorfer den Bau einer Haltestelle unterhalb des Plöner Schlosses, die extra für die Söhne von Kaiser Wilhelm II. errichtet wurde. „Den kaiserlichen Sprösslingen sollte nicht zugemutet werden, den langen Weg vom Stadtbahnhof auf sich zu nehmen“, berichtet Volker Griese. Die kaiserliche Haltestelle wurde mit einem 175 m langen Bahnsteig versehen. Dazu entstand eine Wartehalle im norwegischen Stil – als 23 m langes Blockhaus mit zwei Seitenflügeln.

Der letzte Zug von Neumünster nach Ascheberg hält am 28. September 1985 in Wankendorf.

Auf rund einem Dutzend Seiten listet der Regionalforscher Unfälle, Zusammenstöße mit Randalierern und kriminelle Aktivitäten auf. Überregional bekannt wurde der sogenannte Preetzer Butterdiebstahl im Oktober 1919. Als sich ein Zug langsam in Bewegung setzte, sprang ein Jugendlicher von der dem Bahnsteig abgewandten Seite auf einen Güterwaggon und warf zwischen Preetz und Kühren zwölf Fässer mit zusammen 600 kg Butter aus dem Wagen – und verschwand spurlos beim nächsten Halt. Kriminalbeamte aus Altona ermittelten Monate später sechs Tatbeteiligte. Der Haupttäter, ein Bahnbediensteter, wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Griese widmet weiterhin dem Alltagsbetrieb der ostholsteinischen Eisenbahn und der Nachkriegszeit eigene und detailreiche Kapitel. Unter der Überschrift „Das Ende“ beleuchtet der Wankendorfer den Rückzug der Deutschen Bundesbahn aus dem Güter- und Personenverkehr im Land. 1978 wurde die „Sonntagsruhe“ auf der Strecke eingeführt, 1982 und 1983 stellte die Bahn zwischen Eutin und Neustadt den Schienenverkehr ein, 1985 kam dann das von Protesten begleitete Aus für den Abschnitt zwischen Neumünster und Wankendorf.

Schon lange fährt kein Zug mehr über die zugewachsenen Gleise.
Foto: Sven Tietgen

Eine Reaktivierung der historischen Strecke kann sich Volker Griese nur schwer vorstellen. „Aus Umweltgründen wäre das sicherlich eine gute Sache. Aber der Bahnhof in Wankendorf ist mittlerweile an privat verkauft worden, die Eisenbahnbrücke vor Ascheberg wurde abgerissen, und der Unterbau unter den noch vorhanden Gleisen ist durch Pflanzenbewuchs beschädigt, da müsste wohl sehr viel investiert werden.“



Literatur:

Die Ostholsteinische Eisenbahn – Planung, Bau, Betrieb, von Volker Griese, 140 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, ISBN 978-3-6951-7227-6. Das Buch ist für 10 € im Buchhandel erhältlich. Weitere Informationen gibt Volker Griese per E-Mail an:
vgriese@aol.com

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