Im Vergleich zum Vorjahr werden den landwirtschaftlichen Kulturen insgesamt günstigere Startbedingungen in die neue Vegetationsperiode geboten. Der Bestandesführung (Düngung, Einsatz von Wachstumsregulatoren) wird daher nach aktuellem Kenntnisstand im Vergleich zu den Vorjahren nicht ganz so viel Fingerspitzengefühl abverlangt. Bei derartigen Prognosen ist aber Vorsicht geboten. Die Monate März und April, für die die Wetteraussichten bei Abfassung dieses Artikels noch absolut offen waren, könnten sich entscheidend auf die zukünftige Bestandesentwicklung auswirken. Aus diesem Grund sind auch keine Prognosen zu möglichen Herausforderungen in der diesjährigen Absicherung der Standfestigkeit der Getreidekulturen möglich.
Die Niederschlagsintensität der zurückliegenden Herbst- und Wintermonate ist mit der des Vorjahres nicht vergleichbar. Insbesondere der Monat Februar sticht mit einer geringen Niederschlagsmenge hervor. Die nutzbare Feldkapazität (% nFK) liegt dadurch auf den meisten Böden zu Vegetationsbeginn weit unter der Wassersättigung. Des Weiteren bescherte eine ausgeprägte Frostphase im Februar dem Oberboden eine deutlich bessere Gare. Der Luftaustausch und das Bodenleben werden gefördert und die Böden erwärmen sich bei einem nachhaltigen Temperaturanstieg insgesamt schneller. Dadurch werden auch Nährstoffe aus organischen und mineralischen Düngemitteln schneller umgesetzt. Auf erste N-Gaben zu Vegetationsbeginn haben die Pflanzen zügig mit Wachstum reagiert.
Die beschriebenen Rahmenbedingungen werden sich in den meisten Fällen positiv auf die Entwicklung der Getreidebestände im Frühjahr auswirken und dann womöglich eine gute Bestockung begünstigen. Insgesamt scheint die Entwicklung der Getreidebestände, in Abhängigkeit von Saattermin und Bestellbedingungen, weitaus homogener. Mastige Getreidebestände mit einer zu üppigen Vorwinterentwicklung sind genauso die Ausnahme wie Getreidebestände mit einer zu schwachen Vorwinterentwicklung.
Foto: Ludger Lüders
Lagergefahr richtig einschätzen
In den allgemeinen Empfehlungen zur Absicherung der Standfestigkeit der Getreidekulturen und der damit verbundenen Mittelwahl haben sich im Vergleich zu den Vorjahren keine relevanten Änderungen ergeben:
Die diesjährigen allgemeinen Empfehlungen zum Einsatz von Wachstumsregulatoren können den Abbildungen 1 bis 3 entnommen werden. Die dargestellten Strategien in der jeweiligen Getreidekultur sind nach Intensitäten gestaffelt. Daher steht man als praktizierender Ackerbauer weiter vor der Herausforderung, die Lagergefahr richtig einzuschätzen und die Strategie an die jahresspezifischen Rahmenbedingungen (zum Beispiel Witterung, N-Versorgung, Bestandesdichte) anzupassen.
Eine Übersicht der wichtigsten Einflussgrößen auf die Lagergefahr beziehungsweise die daraus resultierende Wachstumsreglerintensität zeigt Abbildung 4. Auf die wichtigsten Einflussgrößen wird im Folgenden wie bereits im Vorjahr kurz eingegangen.
Die Mittel- und Wirkstoffauswahl hat sich ebenfalls nicht verändert. So sind es auch weiterhin die Wirkstoffe Chlormequat-chlorid (zum Beispiel CCC 720, Regulator 720), Trinexapac-ethyl (zum Beispiel Moddus), Mepiquat-chlorid (zum Beispiel Medax Top), Prohexadion (zum Beispiel Prodax) und Ethephon (zum Beispiel Cerone 660), die einzeln oder geschickt kombiniert zur Einkürzung der Getreidebestände zum Einsatz kommen können. Eine Übersicht der zugelassenen Wachstumsregler (Stand: 19. Januar 2024) ist auf der Homepage der Landwirtschaftskammer (www.lksh.de) einsehbar. Im Laufe des Jahres wird sie vermutlich auch aktualisiert.
Versuchsergebnisse zur Wintergerste
Aufgrund letztjähriger Versuchsergebnisse ergaben sich lediglich kleinere Änderungen in der Empfehlung für die Wintergerste. Am Standort Kastorf wurde in der Sorte ‚SU Midnight‘ zu einem frühen Behandlungstermin im Stadium 31 (10. April 2024) ein Wachstumsregler-Mittelvergleich verschiedener Wirkstoffkombination durchgeführt. Die Ergebnisse sind in Abbildung 5 dargestellt. Die Behandlung erfolgte in einer warmen, wüchsigen Witterungsphase, die mit Einschränkung bis zum 18. April anhielt. Dieser schloss sich eine sehr kühle Phase mit Durchschnittstemperaturen von 5 °C vom 18. bis 26. April an. Am 29. April im Stadium 37 erfolgte eine einheitliche Behandlung aller Versuchsvarianten inklusive der unbehandelten Kontrolle. Eine erste Wuchshöhenbonitur 14 Tage nach der Behandlung zeigte gute Einkürzungsleistungen aller Präparate beziehungsweise Wirkstoffkombinationen und geringe Unterschiede zwischen den Behandlungen. Lediglich die Kombination der Produkte Regulator 720 und Prodax stach positiv hervor.
Auch die Ergebnisse der zweiten Wuchshöhenbonitur am 30. April waren im Schwerpunkt noch auf den Behandlungsvergleich im Stadium 31 zurückzuführen. Dabei zeigten die Produktkombinationen, die drei Wirkstoffe enthielten, eine auffällig höhere Wirksamkeit. Dieser Wirkungsunterschied war in der letzten Bonitur am 16. Mai sogar noch deutlicher. Dabei war die Zusammensetzung der Wirkstoffe weniger entscheidend. Leichte Vorteile in der Wirkung zeigte jedoch weiterhin die Kombination der Produkte Regulator 720 plus Prodax. Der kombinierte Einsatz von drei Wirkstoffen ermöglichte eine nachhaltigere und längere Wirkung. Positive Effekte auf die Halmstabilität der Wintergerste sind vornehmlich bei ungünstigen Witterungskonstellationen (fehlende Wüchsigkeit, längere Streckungsphase) zu erwarten. Die gewonnenen Erkenntnisse werden in der diesjährigen Empfehlung für etwas lageranfälligere Bestände berücksichtigt.
Immer den Sortentyp beachten
Bereits die Sortenwahl hat einen entscheidenden Einfluss auf die Standfestigkeit der Getreidebestände und die daraus resultierend notwendige Wachstumsreglerintensität im Frühjahr. Zweizeilige Wintergerste (etwa ‚Bordeaux‘, ‚SU Laubella‘) und einige mehrzeilige Sorten (etwa ‚Viola‘, ‚SU Midnight‘) reagieren intensiver auf Wachstumsregler. Großrahmige Sorten (etwa ‚Avantasia‘, ‚KWS Morris‘, ‚SU Jule‘) und Hybridgersten (‚SY Galileoo‘, ‚SY Loona‘, ‚SY Dakoota‘) vertragen wiederum robuste Aufwandmengen. Die agronomischen Eigenschaften der Sorten, wie Standfestigkeit oder bei der Wintergerste auch die Neigung zum Halm- und Ährenknicken, sollten bei der Wachstumsreglerstrategie keinesfalls unberücksichtigt bleiben. In der Beschreibenden Sortenliste des Bundessortenamtes wird jede Sorte nach ihrer Lageranfälligkeit und agronomischen Eigenschaften benotet. Die Bonituren der letztjährigen Landessortenversuche Winterweizen (Abbildung 6) und Wintergerste (Abbildung 7) erlauben zudem Rückschlüsse auf die Wuchshöhe (mit Wachstumsreglern behandelt/unbehandelt) respektive darauf, wie intensiv die Sorten auf Wachstumsregler reagieren.
Getreide braucht ein stabiles Fundament
Im Wintergetreide entscheidet hauptsächlich eine an die Witterung angepasste Wachstumsreglerstrategie über Erfolg und Misserfolg standfester Bestände. Erste Wachstumsreglermaßnahmen sind ideal in ES 31 bis ES 31/32 platziert, um die unteren Halmabschnitte ausreichend zu stabilisieren. Bei späteren Einsätzen ab ES 32 wird oftmals kein ausreichender Einkürzungseffekt auf den untersten Halmabschnitt erzielt. Unter günstigen Anwendungsbedingungen, das heißt bei intensivem Pflanzenwachstum mit Tagestemperaturen über 15 °C und hoher Sonneneinstrahlung, können die Wachstumsregler ihre Wirkung optimal entfalten. Bei ungünstiger Witterungslage (zum Beispiel kühle und strahlungsarme Witterung) sind robustere Aufwandmengen zu wählen, um ausreichende Stabilisierungseffekte zu erzielen.
Auch auf leichteren Standorten ist es erfahrungsgemäß sinnvoll, in der frühen Schossphase etwas robustere Aufwandmengen einzusetzen. In den vergangenen Jahren war zu diesem Zeitpunkt stets eine ausreichende Wasserversorgung der Kulturen gewährleistet, sodass mögliche Schäden durch überzogene Wachstumsreglereinsätze ausblieben.
Bestände mit hoher Lagergefahr
In Beständen mit hoher Lagergefahr (zum Beispiel üppige Bestandesdichte, lageranfällige Sorte) hat sich oftmals ein zweimaliger Einsatz von Wachstumsreglern in der frühen Schossphase bewährt. Dabei erfolgt ein erster Wachstumsreglereinsatz mit angepassten Aufwandmengen zu ES 30 bis 31, eine weitere Maßnahme folgt zu ES 31/32 der Kultur. Durch diese Vorgehensweise werden die untersten Halmabschnitte gleichmäßiger eingekürzt und stabilisiert sowie das Risiko ungünstiger Witterungsbedingungen für Wachstumsregler auf zwei Termine verteilt.
Folgebehandlungen in ES 33/37 bis ES 45 haben das Ziel einer möglichst starken Reduzierung der Pflanzenlänge. Je früher die Maßnahme erfolgt, desto größer sind die Effekte beziehungsweise Einkürzungen sich noch streckender Halmabschnitte. Dies bestätigen auch Versuchsergebnisse, in denen Maßnahmen in ES 33 bis 37 stärkere Einkürzungen ermöglicht haben als Maßnahmen in ES 39 bis 45. In Beständen mit erhöhter Lagergefahr kann dies das Zünglein an der Waage sein, auch wenn eine extra Durchfahrt in Kauf genommen werden muss.
Vorsicht vor Stickstoff-Schüben
Allgemein ist bei der Gestaltung der Wachstumsreglerstrategie auch die Wasser- und Nährstoffversorgung der Bestände stets zu berücksichtigen. Bei hohem Angebot von Nitratstickstoff oder hoher N-Nachlieferung (zum Beispiel Gülle-Standort) während der Streckungsphase sind robuste Aufwandmengen zu wählen. In diesem Zusammenhang sind Wachstumsregler auch oft gut terminiert, wenn nach längerer Trockenheit größere Regenereignisse viel Stickstoff im Boden freisetzen und dadurch mit größeren Entwicklungsschüben zu rechnen ist. Bei anhaltender Trockenheit während der Schossphase wird das Längenwachstum wiederum ausgebremst, insbesondere auf leichten Standorten ist ein sehr vorsichtiger Einsatz von Wachstumsregulatoren angeraten.
Fazit
Die von Jahr zu Jahr sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen verlangen angepasste Strategien in der Intensität und Terminierung von Wachstumsreglermaßnahmen. Auch die Mittelwahl nimmt Einfluss auf den Erfolg und Misserfolg standfester Getreidebestände. Sehr viel größere Bedeutung haben aber präventive Maßnahmen (zum Beispiel Anbau standfester Sorten und Vermeidung zu früher Saattermine) sowie eine optimale Terminierung der Wachstumsreglermaßnahmen unter Berücksichtigung der Witterungsbedingungen, Wasser- und Nährstoffversorgung und den Entwicklungsstadien der Getreidekultur.




