Um über das Sorgenkind in der Fruchtfolge landwirtschaftlicher Betriebe Schleswig-Holsteins zu sprechen, besuchte das Bauernblatt Ute Kropf, Pflanzenbau-Professorin der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Kiel, Aaron Heppe, Versuchstechniker des Standortes, und Rene Brand, der bis zum Jahreswechsel bei der Norddeutschen Pflanzenzucht (NPZ) tätig war, auf dem Lindenhof bei Rendsburg. Dort begleiten sie Versuche, deren Ergebnisse im besten Fall zur Stabilisierung der Rapsertäge Schleswig-Holsteins beitragen können.
Dass der Rapsanbau in Schleswig-Holstein zunehmend herausfordernd wird und pflanzenbauliches Verständnis und Gefühl gefragt sind, ist keine Frage. Antworten auf die veränderten Witterungs- und Wachstumsbedingungen braucht es trotzdem, gibt es bisher jedoch nur wenige. Daher forschen die NPZ und die HAW Kiel gemeinsam an Lösungen für bessere Rapsertäge. Drei entsprechende Versuche stellten Brand und Kropf dem Bauernblatt vor.
Der Lindenhof
Die Versuchsfelder der HAW Kiel befinden sich in Ostenfeld, südlich des Nord-Ostsee-Kanals in der Nähe von Rendsburg. Sie umfassen 23 ha Versuchsfläche, auf denen jährlich etwa 4.000 bis 5.000 Parzellen angelegt sind. Die Böden sind durchschnittlich mit 45 Bodenpunkten bewertet, eher leicht und sehr schluffhaltig. Während der Jahresniederschlag mit etwa 850 bis 870 mm jährlich konstant bleibt, hat sich die Jahresdurchschnittstemperatur die letzten Jahre von 8,8 auf 10 °C erhöht. Besonders die Winter seien sehr mild, was Kropf zufolge neben dem massiven Rapserdflohbefall ein wesentlicher Grund für die schlechten Rapserträge ist.
Während die Versuche auf dem Lindenhof in erster Linie Lehre und Forschung dienen, finden auch Versuche mit Kooperationspartnern aus Züchtung, Pflanzenschutz oder der Landwirtschaftskammer statt. Der Versuchsstandort ist GEP-zertifiziert, also amtlich und international anerkannt als Standort mit „guter experimenteller Praxis“. Das Qualitätszertifikat wird benötigt, um Versuche mit Produkten durchzuführen, die noch nicht zugelassen sind, deren Ergebnisse aber für eine Zulassung benötigt werden.
Um Probleme im Rapsanbau zu lösen, braucht es zunächst Erkenntnisse zu Ursachen und Lösungen. Die pflanzenbauliche Ursache liegt für Kropf auf der Hand: Um Erdfloh und Regenrisiko aus dem Weg zu gehen, drillen Landwirte immer früher. Das sei jedoch aufgrund der veränderten Tageslängenreaktion der aktuellen Sorten ein echtes Problem. Zu hohe Temperatursummen führten dazu, dass der Raps zu früh in die Streckung gehe und damit Triebe und Knospen reduziert würden. Das optimale Saatzeitfenster sei deutlich verengt. Eine technische Lösung sei mehr Schlagkraft beim Drillen. Um pflanzenbauliche Lösungen zu finden, stellten Kropf und Brand drei Versuche auf dem Lindenhof vor.
Bohne sticht Gerste
„Weite Fruchtfolgen sind kein Allheilmittel, aber auf jeden Fall sinnvoll,“ findet Kropf. Der Rapsanteil in der Fruchtfolge sollte ihr zufolge 20 % nicht überschreiten. Doch welche Vorfrucht ist am geeignetsten? Ein Fruchtfolgeversuch im zweiten Versuchsjahr soll Aufschluss geben. Verglichen wird der Einfluss von Gerste und Ackerbohne als Vorfrucht, mit fünf verschiedenen N-Stufen. Schon im ersten Jahr hat der Bohnen-Raps trotz einer Woche späterer Aussaat als der Gersten-Raps um 0,8 t besser gedroschen. Auch mit 60 kg/ha weniger mineralischem Stickstoff zum Bohnen-Raps hatte dieser den gleichen Ertrag wie der Raps nach Gerste. Die Bohnen hinterlassen etwa 60 bis 80 kg N/ha. Und der Raps kann es gebrauchen. Während sich 30 kg N/ha im Herbst früher selten gerechnet hätten, brauche er den Stickstoff nun, um im Winter nicht auszuhungern.
Wurzel sticht Spross
In einem weiteren Versuch geht es um den Effekt auf Entwicklung und Ertragsbildung von verschiedenen Wachstumsreglerintensitäten zu unterschiedlichen Aussaatterminen. Während Brand das Kosten-Nutzen-Verhältnis für gering hält, müsste man laut Kropf ab dem Vier- bis Sechsblattstdium gezielt zu jedem Blattpaar einkürzen. Brand erzählte von einem Versuch im vergangenen Jahr, bei dem es zwischen einer minimalen und einer maximalen Wachstumsreglerintensität im Januar keine Unterschiede in der Sprosslänge gegeben habe. Bei einer Frühsaat mit sehr intensiver Führung habe es jedoch Effekte gegeben. Dort sei unterm Strich sogar monetär etwas hängen geblieben. Da die Erfahrungen und Meinungen auseinander gehen, sich die Wachstumsbedingungen verändert haben und geprüft werden muss, ob die alten Mittel auch mit neuen Sorten funktionieren, sind die Versuche auf dem Lindenhof von großer Bedeutung. Bei der Führung durch die Versuchsflächen waren im Dezember erste Unterschiede in Blattgröße und Blattstiellänge sichtbar. Der Blick auf das unterirdische Wurzelwachstum war jedoch beeindruckender. Während auf den intensiv geführten Parzellen mit 0,6 l/ ha Carax und 1,6 l/ha Architect mit Turbo in jeweils einer Maßnahme die Pfahlwurzel kürzer, kräftiger und mit vielen Seiten- und Haarwurzeln ausgestattet war, hatten die Pflanzen ohne Wachstumsregler längere, dünnere Pfahlwurzeln, die kaum Feinwurzeln ausgebildet hatten. Ob sich der Effekt später auch im Ertrag widerspiegelt und sich der hohe Kostenaufwand lohnt, bleibt abzuwarten.
Mit Schwefel zum Meister
Auch die Düngung müsse an die veränderten Wachstumsbedingungen angepasst werden. Die N- und S-Aufnahme im Winter zeige laut Kropf, dass der Raps nicht ruhe und entsprechend versorgt werden müsse. Bei den Rapsmeisterschaften 2023/2024 in Schweden sei zudem aufgefallen, dass die Teams mit Schwefeleinsatz im Herbst am besten abschnitten. Daher ist in Ostenfeld ein weiterer Versuch zur S-Düngung angelegt, der den Einfluss von Schwefel und stabilisiertem Stickstoff im Herbst und Schwefel im Frühjahr auf Ertrag, Qualität und Gesundheit zeigen soll. Verglichen wird zudem Sulfat mit Schwefellinsen. Der Versuch läuft im Rahmen einer Bachelorarbeit, auf deren Ergebnisse gespannt gewartet werden darf. Denn die Rapspflanzen im Dezember zeigten schon sichtbare Unterschiede. Kropf geht von einem Bedarf von 100 kg N/ha und 25 kg S/ ha bis zum Winter aus.
Der Raps-Salat
Die schleswig-holsteinischen Landwirte reagierten laut Kropf je nach Region unterschiedlich auf die Herausforderungen im Rapsanbau. „Im Lauenburgischen sind sie ziemlich angefressen, weil der massive und anhaltende Zuflug des Rapserdflohs im Herbst die Bestände nicht selten umbruchreif macht.“ An der Westküste habe man das Problem der nassen Winter, die die Rapsentwicklung stark beeinträchtigten, während hier im Hügelland zur vergangenen Ernte einige von guten Erträgen überrascht worden seien. Doch um die hohe Volatilität der Erträge wüssten alle. Nicht ohne Grund nehme die Rapsanbaufläche ab, was nicht zuletzt natürlich auch an den aktuellen Preisen liege. Die Australier und Kanadier hätten gut gedroschen. In Kanada liege der GVO-Anteil bei 100 % und in Australien nehme er auch weiter zu, da dort immer mehr Resistenzprobleme aufträten. Als Biodiesel dürfe das Rapsöl dann auch in Europa auf den Markt. „Wir dürfen GVO-Raps im Auto fahren, nicht aber im Salat haben“, stellte Kropf fest.
Auch aus Ländern, in denen noch Neonicotinoide angewendet würden, werde importiert, während uns die Optionen gegen den Erdfloh ausgingen. Kropf ist der Meinung, dass sich durch die langfristige Wirkung der Neonicotinoide die Insektenpopulationen gar nicht erst so hätten aufbauen können, wie man es jetzt erlebe. Dazu komme die Lebendüberwinterung, forciert durch den Klimawandel. Bei Läusen gebe es das gleiche Problem. Während die milden Winter den Pflanzen physiologische Nachteile bescherten, verschafften sie den Insekten und Krankheiten Entwicklungsvorteile. Kropf wünscht sich daher mehr Pragmatismus von der Politik und eine ergebnisoffene Forschung, die in Politik und Praxis Gehör findet. Letzteres kann Kropf auf dem Lindenhof in kleinem, aber beachtlichen Maßstab beeinflussen. Für die Zukunft des Rapsanbaus in Schleswig-Holstein ist dieser Beitrag von hohem Wert. Denn eine echte Alternative zum Raps als Blattfrucht gebe es laut Kropf nicht.
Der Aussaattermin als wichtigste Stellschraube
Rene Brand über die Herausforderungen des heutigen Rapsanbaus
„Mit dem traditionellen Anbau werden wir im Raps keinen Schritt vorwärtskommen“, ist Rene Brand überzeugt, der die Versuche in Ostenfeld mit Prof. Ute Kropf und Versuchstechniker Aaron Heppe begleitet. Der Agrarwissenschaftler war lange Zeit im internationalen Vertrieb für die Norddeutsche Pflanzenzucht (NPZ) tätig. Er geht für die Zukunft fest davon aus, „dass wir den Raps im Herbst ohne Stickstoff fahren müssen“. Vielmehr müsse dieser von seinem eigenen Potenzial her an genug Stickstoff kommen, ohne dass er zusätzlich gefüttert werde. Die Versuche in Ostenfeld zeigten, dass die Pflanzen diese Fütterung nicht genügend umsetzten.
Nach anfänglichen Erprobungen zur Begleitsaat und einer 30-kg-Stickstoffgabe im Herbst sei man zu Versuchen mit Wachstumsreglern und Vorfrucht übergegangen, um Effekte in Kombination mit einer Früh- und Spätsaat sowie einer Normal- und Spätsaat zu untersuchen. Neben einem, wie Brand sagt, „neu gedachten“ Anbau wäre es ihm zufolge wünschenswert, wenn diese Versuchsergebnisse in die Züchtung einflössen. „Doch dafür sind nicht alle offen genug, um zu erkennen, dass der Raps von heute und der Raps von vor fünf Jahren schon zwei Paar Schuhe sind,“ ist sein Eindruck. Heute habe es die Branche mit Sorten zu tun, die unmittelbar auf den ersten Erkenntnissen nach dem Verlust der neonicotinoiden Beize basierten. „Die Anpassungen, die damals gemacht wurden, sehen wir jetzt in den Sorten“, erklärt der gebürtige Thüringer.
Nach niederschlagsarmen Jahren und einem extrem trockenen Jahr 2018 hätten die Züchter auf Sorten gesetzt, „die richtig Gas geben“. Nun gebe es das besonders frohwüchsige Material, jedoch massive Probleme mit dem Erdfloh. Hierauf werde entweder mit einer frühen Aussaat reagiert – mit negativen Effekten aufgrund des Wuchses im Herbst – oder aber mit einer späteren Saat. „Wir zählen uns eher zu den Befürwortern eines späteren Aussaattermins. Der Punkt, dass wir mit Wachstumsreglern so richtig eingreifen, ist eigentlich überholt“, sagt Rene Brand. Dies sei einer der Gründe, warum die Versuche in Ostenfeld in dieser Form stattfänden.
„Alles, was ich von der Pflanzenschutzmittelindustrie, aber auch von der Beratung an Informationen bekomme, ist häufig uralt und mit Sorten gemacht, die wir heute gar nicht mehr haben“, so Brand. Das Klima werde milder und feuchter, die Temperaturen stiegen: „Wir haben diese neuen Sorten, aber teilweise noch die gleichen Aussaattermine.“ Dabei würden die Umstände extremer, doch blieben die Mittel noch immer die Gleichen: „Wie soll ich mit einem Mittel, das das Gleiche ist wie vor 15 Jahren, wenn die Genetik sich komplett verändert hat, noch den gleichen Effekt haben?“
Brand spricht sich dafür aus, die Bestandesführung mit Wachstumsregler anders zu denken. „Ich glaube, wenn man das zweite Mal spritzt, hat man schon den ersten Fehler gemacht. Mit dem Aussaattermin hat man die erste und wahrscheinlich auch stärkste Stellschraube, wie der Raps im Herbst zu führen ist.“ Dies hängt für ihn jedoch auch mit einer großen Schlagkraft der Betriebe zusammen, um gegebenenfalls ein paar Tage später säen zu können.
Von Pauschalaussagen, nach denen der Raps bis zu einem bestimmten Tag in der Erde zu sein habe, müsse man sich lösen. Vielmehr sollten Landwirte in eine Wetterstation investieren und sich fragen, wie hoch die Temperatursumme am eigenen Standort sei. Mit einer guten Sortenwahl und einer angepassten Bestandesführung sei man dann auf einem guten Weg. „Wir kommen wieder zurück zu den Basics“, resümiert er. Gute Betriebe zeichneten sich heute dadurch aus, dass sie „wirklich Fingerspitzengefühl für einen guten Acker- und Pflanzenbau haben. Darüber müssen wir den Erfolg steuern“. Probleme kämen Brand zufolge dagegen heute umso deutlicher zum Vorschein: „Betriebe, die ihre pflanzenbaulichen Fehler früher mit 50 Kilogramm Stickstoff oder einer weiteren Fungizidspritzung überdeckt haben, können heute so nicht mehr arbeiten.“




