Wird ein Baum gefällt, ist das normalerweise ein Todesurteil. Doch es gibt Ausnahmen – Laubbaumarten, die es fertigbringen, aus dem Baumstumpf wieder auszutreiben. Diese Fähigkeit wurde früher und wird noch heute genutzt.
Bei einer Fällung wird der Baum oberhalb der im Boden befindlichen Wurzel abgesägt. Im Normalfall stirbt der Baum dann ab und der verbleibende Baumstumpf, auch Stubben, Stuken oder Stock genannt, wird allmählich zersetzt. Es gibt jedoch Bäume, die aus dem Stock wieder austreiben. Dieses Stockausschlagvermögen ist bei vielen Straucharten verbreitet. Das Auf-den-Stock-Setzen nutzt man beispielsweise, um verkahlte Hecken mit dem Neuaustrieb wieder in Form zu bringen.
Zu den laubtragenden Strauch- und Baumarten, die als Stockausschlag wieder austreiben, zählen beispielsweise Haselnuss, Buche, Linde, Weide und Hainbuche. Das Wissen darüber prägte bis zum ausgehenden Mittelalter die damals ausgeübte Wirtschaftsweise des sogenannten Niederwaldes. In der Niederwaldwirtschaft wurden die Austriebe etwa alle zehn bis 20 Jahre wieder auf den Stock gesetzt.
Wirtschaften im Niederwald
In einer Zeit, in der keine technischen Geräte wie Motorsägen und Schlepper zur Verfügung standen, boten die geernteten Stämme eine gute Brennholzgröße. Auch Material für Flechtwerk konnte aus dem Stockausschlag gewonnen werden, beispielsweise Weidenruten. Eine wichtige Nutzungsform jener Zeit war zudem die Köhlerei.
Bei der Niederwaldwirtschaft handelte es sich also um eine Art antiker Kurzumtriebsplantage. Auch heutzutage dient diese Bewirtschaftungsform vorwiegend der Energieholzproduktion.
Moderne Kurzumtriebsplantage
Allerdings werden die Bäume dazu in der Regel außerhalb des Waldes auf einer Ackerfläche in Plantagenform angepflanzt. Man nutzt schnell wachsende Baumarten wie Pappeln und Weiden, erntet den Stockausschlag in einem mehrjährigen Turnus und verarbeitet das Holz meist zu Hackschnitzeln.
Eine weitere Form der historischen Bewirtschaftung ist der Mittelwald. Davon spricht man, wenn bei der Ernte der Stockausschläge einzelne Stämme von gewünschten Baumarten als Kernwüchse stehen gelassen werden.
Nutzholz aus dem Mittelwald
Diese durchwachsenden Stämme bildeten dann ein Oberholz, aus dem sich Bauholz gewinnen ließ. An manchen alten Waldstandorten sind noch Reste dieser durchgewachsenen Stockausschlagswälder zu erkennen. Oftmals sind mehrere Stämmlinge im Kreis zu sehen, die zum Teil sehr unterschiedlich gewachsen sind – aber alle Stämme stammen aus einem alten Stuken, sind also genetisch identisch.
Beide Wirtschaftsformen wurden schließlich von der heutigen Hochwaldwirtschaft abgelöst, die auf reine Stammholzproduktion setzt.
Ein interessantes Phänomen ist bisweilen bei Nadelhölzern zu beobachten, die eigentlich nicht über ein derartiges Stockausschlagvermögen verfügen, wie hier für einige Laubbaumarten beschrieben: So sind an alten Baumstuken in Fichtenforsten bisweilen massive Überwallungen zu sehen, die teils so stark gewachsen sind, dass sich die Wülste in der Mitte treffen und eine geschlossene Kuppe bilden.
Wundersame Wundheilung
Während ein lebender Baum eine Verletzung durch die Ausbildung von Wundgewebe (Kallus) zu verschließen versucht, kann von einem abgeschnittenen Baum theoretisch kein Kallus mehr gebildet werden. Dass dies mitunter dennoch geschieht, dafür kommen zwei Erklärungen in Betracht:
Der Stuken wurde über Wurzelverwachsungen mit benachbarten Bäumen und/oder Mykorrhizapilzverbindungen weiter mit Nährstoffen versorgt. Eine andere Erklärung könnte sein, dass die damals noch lebenden Baumwurzeln Reservestoffe mobilisiert haben, um die Wunde zu überwallen. In gut wüchsigen Nadelholzbeständen, vornehmlich Fichte und Douglasie, ist das Bild von teilweise überwallten Stubben in Form eines Überwallungsringes öfter anzutreffen. Eine komplett gelungene Überwallung ist dagegen eher selten.



