Dieses Interview mit Julia Kortum dreht sich um Chancen, Herausforderungen und die Zukunft des Landtourismus in Schleswig-Holstein.
Wer schon einmal in einem Hofcafé Kuchen gegessen, im Heu übernachtet oder einen Kindergeburtstag zwischen Hühnern und Ponys gefeiert hat, der weiß: Landtourismus ist viel mehr als nur „ein Bett im Bauernhaus“. In Schleswig-Holstein kümmert sich der Bauernhofurlaub & Landtourismus Schleswig-Holstein e. V. (BL.SH) darum, dass diese Erlebnisse nicht nur schön, sondern auch professionell sind. Wir haben mit Julia Kortum, Geschäftsführerin des BL.SH, über Geschichte, Aufgaben und Zukunftsprojekte gesprochen.
Fangen wir mal ganz vorn an: Wie ist der Verein überhaupt entstanden?
Julia Kortum: Der Verein – damals die Arbeitsgemeinschaft Urlaub auf dem Bauernhof e. V. – wurde 1990 von zehn LandFrauen gegründet, die sich zum Ziel gesetzt haben, dieses neue touristische Segment „Bauernhofurlaub“ für Schleswig-Holstein zu vermarkten.
Was genau verstehen Sie unter Landtourismus?
Der Landtourismus bezeichnet ein touristisches Segment mit Urlaubs-, Gastronomie- und Freizeitangeboten im dörflich-ländlichen Umfeld. Dabei steht der Erlebnis-Charakter auf oder in der Nähe eines Agrarbetriebes im Vordergrund. Gerade in den ländlichen Räumen kommt der Landtourismus einem Wirtschaftsmotor gleich. Wir als BL.SH arbeiten mit einem weit gefassten Landtourismus-Begriff, um den zahlreichen Betrieben ein „Vereinszuhause“ anbieten zu können. So gehören neben dem eigentlichen Kernprodukt der Beherbergung unbedingt auch Bauernhofcafés, Hofläden, Heuherbergen, Direktanbieter, Pony- und Reiterhöfe, Obsthöfe, Erlebnishöfe, Landgasthöfe, die KäseStraße und weitere regionale Produzenten zu unseren Mitgliedern. Dies zahlt sich auch positiv in Richtung potenzieller Urlauber aus. Denn der Gast wünscht sich nicht nur die Übernachtung auf einem Bauernhof, sondern interessiert sich für regionale Produkte und Erlebnisse.
Was macht diese Vielfalt aus Ihrer Sicht so besonders?
Alle Betriebe stärken die regionalen Wertschöpfungsketten in den ländlichen Räumen Schleswig-Holsteins, und dahinter stehen echte, authentische Anbieter. Außerdem spiegelt sich in dieser Vielfalt der Begriff „Regionalität“ wider, deretwegen viele Gäste gerne nach Schleswig-Holstein kommen: Regionale Angebote und Erlebnisse sind voll im Trend!
Was ist das Hauptziel Ihrer Arbeit?
Unsere Mission ist die Stärkung des Landtourismus in Schleswig-Holstein.
Nach außen hin bedeutet das, dieses Segment für potenzielle Gäste sichtbarer zu machen und im Sinne einer Interessenvertretung für dieses einzutreten.
Nach innen hin möchten wir die Anbieter bei der Optimierung ihres landtouristischen Angebotes im Marketingbereich unterstützen, um sie fit für die Zukunft zu machen. Durch unser starkes Netzwerk regen wir Know-how-Austausch und Wissenstransfer an. Auch wenn die Künstliche Intelligenz (KI) einem inzwischen viele Fragen beantworten kann, geht doch nichts über Formate, in denen die Anbieter miteinander oder voneinander lernen können. Irgendein Betrieb stand vielleicht schon vor der gleichen Herausforderung und durch den Austausch erhält man nicht nur wertvolle Tipps, sondern auch das Zutrauen, es ebenfalls zu schaffen.
Wie sieht Ihre Arbeit im Alltag konkret aus, welche Aufgabenfelder deckt der BL.SH konkret ab?
Der BL.SH ist für alle Betriebe, die sich unter dem landtouristischen Dach einfinden möchten, ein Ansprechpartner. Dabei gehören Wissenstransfer und Know-how-Austausch zu unseren zentralen Handlungsfeldern. Mit Workshops, Webinaren, Branchentreff, Besichtigungstouren oder digitalen Stammtischen greifen wir wichtige Themen und Trends auf.
Gerade läuft unser vom Ministerium für Landwirtschaft, ländliche Räume, Europa und Verbraucherschutz gefördertes Projekt „4seasons – Saisonverlängerung leicht gemacht“. Inhaltlich greifen wir mit dem Projekt aktuelle Herausforderungen im Landtourismus auf: Wir bauen den sich abzeichnenden „digitalen Stau“ auf den Höfen ab, indem wir in Workshops Wissen zu digitalem Marketing vermitteln, ob Beherbergungsbetrieb, regionaler Produzent oder Erlebnishof. Wenn ich im Netz weder Sichtbarkeit noch Reichweite habe, werde ich über kurz oder lang von potenziellen Kunden nicht mehr gefunden. Daneben spielt in dem Projekt die Auseinandersetzung mit der eigenen Zielgruppe und entsprechenden Angeboten eine ganz wesentliche Rolle, was sich positiv auf die Qualitätssicherung auswirkt. Und zu guter Letzt wollen wir mit dem Projekt die Höfe für kooperatives Marketing sensibilisieren. Daneben ist ein weiteres wichtiges Handlungsfeld bei uns die Beratung. Beliebt ist bei unseren Mitgliedern zum Beispiel unser Hof-Check, in dem wir gemeinsam mit dem Betrieb Entwicklungspotenziale erarbeiten.
Sie arbeiten eng mit den LandFrauen in Schleswig-Holstein zusammen – wieso passt das so gut?
Nicht nur die Gründung des Vereins geht auf die LandFrauen zurück, auch unsere Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen auf den Höfen sind meist immer noch die Frauen, vor allem im Bereich der Beherbergung, der Hofcafés oder Hofläden. Was früher vielleicht einmal als „Beschäftigungsmöglichkeit“ für die Frau des Hofes begonnen hat, ist inzwischen ein Betriebszweig, der den landwirtschaftlichen Betrieb stützt und ein professionelles und umfängliches Tätigkeitsfeld darstellt; durch den Homeoffice-Charakter überaus familienfreundlich und lukrativ.
Wie sieht die Zusammenarbeit praktisch aus?
Da häufig immer noch die Initiative für Landtourismus auf den Höfen von Frauen ausgeht, stehen wir den regionalen LandFrauenverbänden immer gern für Informationsveranstaltungen zur Verfügung, eine ideale Möglichkeit, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.
Der Verein arbeitet ohne institutionelle Förderung. Wie geht das?
(lacht) Das fragen wir uns auch täglich … nein, im Ernst: Natürlich wäre eine institutionelle Förderung wünschenswert und ehrlich gesagt auch notwendig. Aber wo nix ist, ist auch nix zu holen. Insofern finanziert sich der Verein seit Beginn allein durch die Mitgliedsbeiträge und generiert durch seinen starken Kooperationspartner Landsichten.de Provisionen, die für ein kleines Spielgeld sorgen.
2020 haben wir aus der finanziellen Lage aber auch Konsequenzen gezogen und den Verein umstrukturiert: weg vom Themenmarketing hin zum Themenmanagement. Entsprechend wichtig ist es, dass wir alle Landtourismus-Anbieter und die Ressourcen bündeln, um damit gemeinsam auf den Landtourismus einzuzahlen.
Abgesehen davon brennt unser Verein für das Thema, also nicht nur der Vorstand, sondern auch die Mitglieder. In der Geschäftsstelle greifen wir viele Ideen mit Low-Budget-Lösungen auf und kommen zu erfreulichen Ergebnissen.
Welche Veränderungen erleben Sie im Landtourismus beziehungsweise mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich konfrontiert?
Den digitalen Stau sprach ich schon an und ich befürchte, dass wir aufgrund der rasanten digitalen Entwicklung immer mehr Anbieter und Abieterinnen am Markt verlieren werden, die nicht bereit sind, den digitalen Weg richtig einzuschlagen.
Das Erstarken des Internets vor Jahren brachte seinerzeit viele Anbieter und Abieterinnen dazu, sich allein um das Marketing kümmern zu wollen, also ohne Vereins- oder andere Netzwerkstrukturen. Unsere Umstrukturierung war unter anderem auch eine Antwort darauf, da unsere Mitglieder uns den Auftrag für das Themenmanagement (vorher Themenmarketing) gegeben haben – auch weil weiterhin keinerlei finanzielle Mittel von Landesseite in Aussicht standen. Der definitiv richtige Schritt, dennoch dürfen wir heute ein Resultat begreifen: Wenn niemand mehr allgemeine Werbung für den Landtourismus Schleswig-Holstein macht, dann tauchen zwar zum Beispiel für die Beherbergung viele Höfe in Trefferlisten auf, aber losgekoppelt vom Thema Landtourismus und von der Erlebnisqualität, die unser Segment so auszeichnet und von anderen abhebt. Gäste gelangen also eher zufällig auf den Bauernhof.
Bei Airbnb können wir derzeit gut beobachten, welchen Stellenwert Erlebnisse im Urlaub haben und noch mehr haben werden und dass diese kommuniziert werden müssen. Wir sehen es daher als eine spannende Herausforderung an, dies zukünftig wieder mit kooperativem Marketing zu beantworten, und arbeiten in unserem angesprochenen Projekt darauf hin.
Was macht am meisten Freude?
Mir bringen die Hof-Checks immer ungemeinen Spaß. In einer zirka zweistündigen Zoom-Sitzung oder auch live vor Ort durchleuchte ich mit dem Anbieter das Angebot und wir finden immer spannendes und wichtiges Entwicklungspotenzial für den Hof. Wenn ich dann Feedback erhalte, was alles davon umgesetzt wurde, freue ich mich sehr, unterstützt zu haben.
Außerdem ist unser Landgezwitscher.SH, der Branchentreff für Landtourismus, in jedem Jahr das Highlight. Mir werden dann immer die Vielfalt, die positive Energie der Anbieter und Anbieterinnen und die Tatkraft der vielen Frauen bewusst … Was die alles in ihrem Alltag bewegen, ist unglaublich!
Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Landtourismus in Schleswig-Holstein?
Der BL.SH wünscht sich, als Netzwerkknotenpunkt von den vielen Facetten im Landtourismus wahrgenommen und genutzt zu werden. Je mehr Anbieter und Anbieterinnen wir unter unserem Dach versammeln können, umso stärker werden wir und umso differenzierter können wir auch die vielen Facetten bedienen. Total abgedroschen, aber immer noch wahr: Nur gemeinsam sind wir stark!
Info
Einmal im Monat stellen wir an dieser Stelle unsere Kooperationspartner vor, die mit uns LandFrauen für Gemeinschaft, Stärke und Zusammenhalt auf dem Land stehen.




