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„Es muss alles neu gedacht werden“

Der Landeshauptausschuss des Bauernverbandes Schleswig-Holstein tagte in Rendsburg
Von Mechthilde Becker-Weigel
Die Sitzung des Landeshauptausschusses am Grünen Kamp fand in Rendsburg statt, der Präsident war aus dem Homeoffice zugeschaltet. Foto: mbw

Die Sitzung des Landeshauptausschusses des Bauernverbandes Schleswig-Holstein (BVSH) stand unter dem Eindruck der Auswirkungen des Krieges in der Ukraine und der absehbaren Folgen und Herausforderungen für die Landwirtschaft. Udo Hemmerling vom Deutschen Bauernverband (DBV) gab einen Überblick zum Energiemarkt.

Am internationalen Markt werden im kommenden Jahr 50 Mio. t Getreide fehlen. Die Auswirkungen des Krieges in der ­Ukraine werden vor allem in die Entwicklungs- und Schwellenländer Nord Afrikas getragen und zu Hunger und Elend führen. „Die landwirtschaftliche Nutzfläche in der Ukraine beträgt 42 Millionen Hektar, den Ausfall von 50 Millionen Tonnen Getreide kann man nicht kompensieren“, konstatierte BVSH-Präsident Werner Schwarz in seiner Begrüßung. Aber dennoch könne die Not gelindert werden, wenn mehr Flächen in Bewirtschaftung genommen werden könnten. „Auch in Schleswig-Holstein könnte die Getreideanbauflächen im kommenden Jahr größer sein. Es gibt verschiedene Möglichkeiten dafür.“ Dazu zählte Schwarz Sondermaßnahmen wie das Aussetzen der Fruchtwechselvorgabe und die Freigabe ökologischer Vorrangflächen (ÖVF) für den Anbau, wie es die EU-Kommission genehmigt hat. „Wenn Not entsteht und greifbar ist, sollten Maßnahmen parat sein und angeboten werden“, so Schwarz. Dafür sei man im Gespräch mit der Politik.

Der Verbandspräsident betonte vor den Mitgliedern des Landeshauptausschusses, dass es für den Verband dabei um Angebote und nicht um Forderungen gehe und dass dies Teil der Kommunikationsstrategie sei.

Auf die Aufgabe der Landwirtschaft, die Rohstoffproduktion sicherzustellen und damit einen Teil zur Nahrungsmittelsicherung zu leisten, machte Klaus-Peter Lucht, Vizepräsident des BVSH, aufmerksam. Dabei sprach er auch die Preisrisiken an, die für die Landwirtschaft in Form explosionsartig steigender Betriebsmittelpreise entstehen, wie die Branche es gerade bei den Energie-, Diesel- und Düngemittelpreisen erlebe. Ebenso betroffen seien die Verbraucher: „Neben den höheren Energie- und Treibstoffpreisen werden die Bürger höhere Lebensmittelpreise bezahlen müssen.“ Damit habe die aktuelle Krise gesellschaftliche Dimensionen.

In der Krise ist Expertise des DBV gefragt

Wie tief die Wahrnehmung der Bedrohungssituation auch in den Publikumsmedien angekommen ist und Information gefragt ist, machte der Gastredner Udo Hemmerling deutlich. „Wir leisten gerade viel Informationsarbeit“, sagte der stellvertretende Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV). In den vergangenen Wochen sei der DBV sehr häufig um Stellungnahmen und Interviews zur Versorgungssituation und Ernährungssicherung gebeten worden. „In Krisensituationen sind wahre Experten wieder gefragt. Jetzt wird nicht bei Greenpeace angerufen, sondern beim Bauernverband“, so Hemmerling.

Udo Hemmerling Foto: mbw
Ludwig Hirschberg Foto: mbw

Bislang zeigten die Weltmärkte Aussichten auf eine Spitzenernte. Besonders deutlich sei die Umstellung hin zu mehr Rapsanbau. Allerdings seien die logistischen Probleme enorm, vor allem Schiffskapazitäten fehlten. Die Abhängigkeit vom Energiemarkt werde vielen gerade erst bewusst, und die große Welle der Preiserhöhungen auch für die Verbraucher komme erst noch.

„Die größte Nervosität für die Landwirtschaft verbreiten die Unsicherheiten“, so die Einschätzung von Hemmerling. Das Sprichwort „Hoher Preis zieht Menge“ funktioniere wegen der Logistikprobleme gerade nicht mehr. Auf verschiedenen Ebenen werde diskutiert, ob gentechnikfreie Fütterung unter diesen Marktbedingungen überhaupt noch möglich sei und Sinn mache. Das Verbot des Neonicotinoid-Einsatzes im Rapsanbau und das bevorstehende Glyphosatverbot würden weiter zu einer stärkeren Ertragsdestabilisierung beitragen. Allerdings müsse man die grüne Mehrheit im Bundesrat zur Kenntnis nehmen und dass dadurch eine andere Wahrnehmung vorherrsche. Die Strategie in dieser Konstellation müsse sein, auf Erkenntnisgewinne zu setzen, auch wenn das Zeit koste. „Manchmal muss es erst schlimmer werden, bevor sich etwas tut“, so Hemmerling. Leider werde die Knappheit an den Märkten länger andauern. Perspektivisch ging Hemmerling davon aus, dass die Klimapolitik mit einem weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien und die Transformation die Landwirtschaft in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren bestimmen wird. „Wir werden Antworten brauchen, wie der Bedarf an Mineraldüngern gedeckt werden kann, wenn diese nicht mehr produziert werden können.“

Henning Untiedt Foto: mbw
Heinrich Mougin Foto: mbw

Bislang sei man hauptsächlich davon ausgegangen, dass landwirtschaftliche Maschinen mit Diesel betrieben werden. Doch könne die Landwirtschaft nicht davor weglaufen, Alternativen zum Diesel einzusetzen. Dafür sprach er gerade bei mittleren PS-Klassen Biomethan an. Bislang würden die Hersteller sich noch wegducken, weil die Motoren aus dem Lkw-Bereich stammten und dort die Zulassungen fehlten. Ein Lösungsweg bei dem Energiefragen könnte auch sein, den Eigenverbrauch und die Nahversorgung mit Strom aus Erneuerbaren Energien, vor allem aus Photovoltaikanlagen, zu erhöhen. Hier böten auch die urbanen Bereiche noch viel Dachkapazitäten und Möglichkeiten. Auch sollten die Installationsmöglichkeiten in FFH-Gebieten nicht ausgeschlossen werden.

Umweltziele benennen und Ökoziele überdenken

Bei der anschließenden Aussprache betonte Ludwig Hirschberg, dass jetzt ein Zeitpunkt sei, an dem Abnehmer und Verbraucher merken, dass landwirtschaftliche Produktion einen Preis habe. Dem Irrtum in der vorherrschenden Meinung in der Gesellschaft, extensive Landwirtschaft rette die Umwelt und intensive Landwirtschaft zerstöre sie, müsse entgegengetreten werden. Der Naturschutz müsse konkrete Ziele benennen. Nur dann könnten Aussagen gemacht werden, ob eingesetzte Maßnahmen sinnvoll seien oder nur das Gewissen beruhigen.

Henning Untiedt sagte, jetzt etabliere man gerade ein Gleichwertigkeitssystem, nachdem zukünftig Umweltleistungen und landwirtschaftliche Rohstoffproduktion gleich zu bewerten seien. „Diese Gewichtung wird sich ändern“, war sich der Vorsitzende des Ausschusses für ökologischen Landbau sicher. „Denn wir sind für die Ernährungssicherheit im Kern verantwortlich.“ Er geht davon aus, dass die Gesellschaft dieses Thema neu diskutieren werde. Auch müsse das EU-Ziel von 25 % Ökoanbau überdacht werden. Die absehbaren Preissteigerungen würden im Biobereich höher ausfallen, das werde verhindern, dass der Markt so viel Bioware aufnehmen könne. „Es muss alles neu gedacht werden“, so Untiedt.

Auf die kommende Ernte und Vermarktung ging Heinrich Mougin ein. Die international zu erwartende Rohwarenknappheit vor allem bei Getreide und Ölsaaten solle zum Anlass genommen werden, Handelsparameter zu überdenken. Das Anheben der Toleranz beim Feuchtegehalt des Getreides würde in Landwirtschaft und Erfassung Energie- und Trocknungskosten sparen. Eine Korrektur der Einheitsbedingungen könne auch die Senkung der Mindestproteingehalte für Backweizen sein. Unter Einbeziehung der Düngerefom könne so ein Umweltbeitrag geleistet und der Backweizenanteil werden.

Dietrich Pritschau Foto: mbw

„In der Tierhaltung brodelt es.“ Mit diesen Worten stellte Dietrich Pritschau die Situation in der Schweinehaltung dar. Der Umbau in der Tierhaltung werde auf politischer Ebene nicht mehr besprochen. Innerhalb der Landwirtschaft werde zunehmend eine Marketingorganisation nach dem Vorbild der CMA vermisst. Es gebe ausreichend Themen für eine selbstbewusste Werbung, hieß es dazu aus dem Berufsstand. Einige Bundesländer wie Niedersachsen und Bayern hätten bereits eigene Ideen verwirklicht.

Klaus-Peter Lucht Foto: mbw

Werner Schwarz erläuterte dazu, dass die Milchbranche gerade mit einer eigenen Kommunikationsinitiative ihre Aktivitäten gestartet habe. Mit eigenen Initiativen könnten die Verstrickungen, die die CMA schließlich hatte, ausgeschlossen werden. Im Grunde müsse die Fleisch- und Geflügelbranche analog wie die Milchbranche verfahren, betonte Klaus-Peter Lucht.

Sorgen machte sich Pritschau über die Seuchenbekämpfung und Vorsorge bei der Afrikanischen Schweinepest (ASP). Die Bedrohung durch diese Tierseuche schwebe permanent über den schweinehaltenden Betrieben. Er äußerte sich skeptisch gegenüber dem bunten Wirrwarr an Entscheidungen auf den verschiedenen Ebenen, wie er sich ausdrückte, und nannte das Bespiel, dass Tierhalter in betroffenen Kreisen in Brandenburg zum Teil über Wochen keine Tiere transportieren durften – wegen unterschiedlicher Vorschriften und Auslegungen. Pritschau plädierte bei der Seuchenbekämpfung für bundeseinheitliche Regelungen.

Neuer Kreisverband Nordfriesland

Der Beschluss über die Zusammenlegung der Kreisbauernverbände Südtondern und Husum-Eiderstedt zum Kreisbauernverband Nordfriesland stand beim Landeshauptausschuss zur Abstimmung und wurde angenommen. Abgestimmt wurde auch über die Arbeitsgemeinschaft Aufwandsentschädigung beim BVSH. Als neue Mitglieder in die AG wurden Friedrich Klose, Vorsitzender Kreisbauernverband Stormarn, und Lutz Schlünzen, Vorsitzender Kreisbauernverband Ostholstein-Lübeck, gewählt. Jochen Flessner, Kreisbauernverband Plön, und Hans-Stephan Lütje, Kreisbauernverband Rendsburg-Eckernförde, wurden bestätigt.

Die Frühjahrsbestellung läuft auf vollen Touren, Fragen zum Düngerbezug vor allem für die nächste Saison sind offen. Foto: Agrar-Press
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