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Dorfkümmerer als neue Form der Daseinsvorsorge

Anne Jessen von der Koordinierungsstelle Dorfkümmerinnen-und-Dorfkümmerer-Netzwerk SH bei der ALR im Interview
Von Iris Jaeger
Foto: Imago

Seit Juni 2025 ist Anne Jessen bei der Akademie für die ländlichen Räume (ALR) als Ansprechpartnerin für die Koordinierungsstelle Dorfkümmerer Schleswig-Holstein zuständig. Im Interview mit dem Bauernblatt erklärt sie, was es mit dem Netzwerk auf sich hat, was ihre Aufgaben sind und warum Dorfkümmerinnen und Dorfkümmerer so wichtig sind.

Wie ist seinerzeit das Netzwerk entstanden?

Zunächst muss man sagen, dass die Idee einer Dorfkümmerin oder eines Dorfkümmerers keine neue ist, sondern eher eine jahrhundertealte. Historisch gesehen gab es hierzulande die sogenannten Gemeindeschwestern, die sich in ihren Dörfern um die Bürgerinnen und Bürger gekümmert haben. Die heutigen Dorfkümmerer und Dorfkümmerinnen sind eine moderne Form davon, die aufgrund aktueller gesellschaftlicher und demografischer Entwicklungen wieder an Relevanz gewonnen hat. In den Kommunen fehlt häufig jemand, der sich um Alltagsbelange kümmert, Verbindungen schafft und das gemeinschaftliche Leben stärkt. Das wird vor dem Hintergrund, dass die Menschen immer älter werden, unser Leben immer schnelllebiger, digitaler und individueller, zunehmend ein Problem – insbesondere auf dem Land, wo es häufiger an Infrastruktur und Angeboten mangelt. Vor diesem Hintergrund haben sich Gemeinden und Bürger in Schleswig-Holstein eigeninitiativ auf den Weg gemacht, dieser Entwicklung entgegenzutreten und das Netzwerk Dorfkümmerer etabliert. Das finde ich auch so schön daran – es hat niemand „von oben“ entschieden, dass diese Funktion eingeführt werden soll.

Die Akademie für die ländlichen Räume hat dieses Netzwerk von Anfang an begleitet und eine Koordinierungsstelle für die Dorfkümmerer eingerichtet. Wann war das und was war der Anlass?

2019 ist die Akademie für die ländlichen Räume auf die ersten Dorfkümmerer in Schleswig-Holstein aufmerksam geworden und hatte gleich die Vermutung, dass sich hier ein größerer und längerfristiger gesellschaftlicher Veränderungsprozess widerspiegelt. Als Interessenvertreterin und Projektträgerin für ländliche Räume sah es die ALR als ihre Aufgabe an, diese Entwicklung aufmerksam zu verfolgen und im ersten Schritt herauszufinden, wie man die Kümmerer und ihre Gemeinden unterstützen kann. Bei einem ersten landesweiten Treffen im März 2019 hat die ALR alle bis dahin bekannten Dorfkümmerer zusammengebracht und damit den Grundstein für das Netzwerk gelegt. In den Folgejahren realisierten wir einmal jährlich solche ganztägigen Netzwerktreffen. Wir sind deshalb froh, dass wir im Jahr 2025 als Partnerin der Engagementstrategie Schleswig-Holsteins durch eine Förderung des Sozialministeriums eine landesweite Koordinierungsstelle für das Netzwerk Dorfkümmerinnen, Dorfkümmerer Schleswig-Holstein aufbauen konnten.

Dorfkümmerer-Netzwerk-Koordinatorin bei der ALR, Anne Jessen
Foto: ALR

Wird das Land dieses Netzwerk auch weiterhin fördern?

Die Landesregierung hat deutlich signalisiert, dass ihr die Unterstützung der Dorfkümmerer wie auch die Förderung von ehrenamtlichem Engagement im ländlichen Raum ein besonderes Anliegen sind. Und dies ist kein reines Lippenbekenntnis, denn es spiegelt sich unter anderem auch in den jüngsten Beschlüssen zum Landeshaushalt  2026 wider – in dem sowohl die Ehrenamtsstrategie fortgeschrieben wurde als auch die Koordinierungsstelle der ALR Erwähnung findet. Die Bedeutung der Arbeit der Dorfkümmerer hier im Land wird auch durch eine vom schleswig-holsteinischen Sozialministerium beauftragte Studie zum Thema Einsamkeit unterstrichen. Die im November 2025 veröffentlichte Studie zeigt herausfordernde gesellschaftliche Entwicklungen auf und verweist im Bereich der Handlungsempfehlungen ausdrücklich auf die Dorfkümmerer als einen wertvollen Ansatz im ländlichen Raum, den es zu unterstützen und auszubauen gilt.

Was genau sind Ihre Aufgaben als Koordinatorin und wie sind Sie zu dem Netzwerk gekommen?

Nach Abschluss meines Studiums in Umwelt- und Nachhaltigkeitswissenschaften bin ich Anfang 2025 zurück in meine Heimatregion nach Kiel gezogen und habe mich nach einem passenden Job umgeschaut. Als ich auf die Stellenausschreibung der ALR für die Koordinierungsstelle des Netzwerks aufmerksam wurde, war ich direkt begeistert. Selbst vom Dorf kommend bin ich auch persönlich sehr interessiert daran, das Leben auf dem Land für alle Generationen attraktiv zu gestalten und zukunftsfähig aufzustellen. Entsprechend habe ich mich sehr gefreut, diese Aufgabe im Juni 2025 übernehmen zu dürfen. Als Koordinierungsstelle fungiere ich zunächst als feste, verbindliche Anlaufstelle für aktive Kümmerer und Kümmerinnen sowie für interessierte Gemeinden. Darüber hinaus ist es meine Aufgabe, die Vernetzung der wichtigen Akteure auf Landes- sowie regionaler Ebene zu stärken, ein Fortbildungsangebot für aktive Kümmerer zu erstellen sowie durch Öffentlichkeitsarbeit das Netzwerk sichtbarer zu machen. Auch betreue ich die von uns 2025 entwickelte Internetseite www.dorfkuemmerer-sh.de

Dort findet man wertvolle Informationen zum Thema und unter anderem auch eine Übersicht aller schleswig-holsteinischen Dorfkümmerinnen und Dorfkümmerer.

Warum sind Dorfkümmerer so wichtig?

Viele Gemeinden wünschen sich wieder eine lebendige Dorfgemeinschaft, stoßen dabei aber an strukturelle Grenzen. Gerade im ländlichen Raum brechen zunehmend Angebote weg – Mobilität, niedrigschwellige Versorgung oder soziale Treffpunkte. Was früher oft informell, familiär oder ehrenamtlich aufgefangen wurde, funktioniert heute immer weniger. Dafür gibt es mehrere Gründe: Der Anteil älterer Menschen steigt deutlich, und dieser Trend wird sich weiter verstärken. Gleichzeitig führen Digitalisierung und gesellschaftlicher Wandel dazu, dass viele, insbesondere ältere Menschen zunehmend abgehängt werden. Auch Familienstrukturen haben sich verändert, Angehörige leben häufig weit entfernt, Pflege und Unterstützung finden nicht mehr selbstverständlich im direkten Umfeld statt. Zwar ziehen auch junge Familien wieder auf das Land, doch durch Pendeln und Doppelbelastungen ist das Dorf oft nicht mehr ihr sozialer Lebensmittelpunkt. Auch das Ehrenamt hat sich gewandelt: Die grundsätzliche Bereitschaft zu helfen ist nach wie vor vorhanden, doch langfristige, verbindliche Funktionen werden seltener übernommen. Engagement ist heute häufig kurzfristig, projektbezogen und weniger koordinierend. Dadurch fehlen zunehmend feste Ansprechpartner, die das Miteinander im Dorf verlässlich gestalten. Die Folge: Dorfgemeinschaften schlafen ein, soziale Treffpunkte verschwinden, Vereinsamung nimmt zu – nicht nur bei älteren Menschen. Genau hier setzen Dorfkümmerer und Dorfkümmerinnen an. Sie schließen eine entstehende Versorgungslücke, indem sie Sorge- und Fürsorgearbeit koordinieren oder selbst übernehmen – Arbeit, die bislang oft unsichtbar war und überwiegend unbezahlt von Frauen geleistet wurde. Als verbindliche Anlaufstelle für Bürger stärken sie soziale Teilhabe, organisieren Unterstützung und bringen Menschen wieder zusammen. Je nach Schwerpunkt gestalten sie das Dorfleben integrativer, sichern alltägliche Versorgung und fördern Gemeinschaft. Damit leisten Dorfkümmerer nicht nur einen wichtigen Beitrag gegen Vereinsamung, sondern stärken auch Vertrauen in kommunale Strukturen und wirken demokratiefördernd. Die wachsende Zahl der Kümmerer und Kümmerinnen zeigt, wie dringend neue Formen der Daseinsvorsorge im ländlichen Raum gebraucht werden – und zugleich, dass „Sorgearbeit“ dieser Art eine angemessene gesellschaftliche Anerkennung braucht.

Wie viele sind es inzwischen landesweit?

In unserem Netzwerk sind derzeit 57 Dorfkümmerer und -kümmerinnen, aber mit eindeutig steigender Tendenz. Die Liste der interessierten Gemeinden, die auf dem Weg sind, das Konzept auch in ihrem Dorf durchzubringen, wächst jeden Tag. Das ist eine tolle, aber auch herausfordernde Entwicklung!

Wie kann man Dorfkümmerer und somit Mitglied des Netzwerkes werden? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein?

Grundsätzlich können alle Teil des Netzwerks werden, die sich in ihrer Gemeinde als Kümmerer oder Kümmerin engagieren. Der Begriff „Dorfkümmererin“ ist dabei bewusst als Überbegriff gewählt und umfasst sehr unterschiedliche Formen des Engagements – etwa als Bürgerhelferin, Netzwerkerin, Seniorenlotsin oder in vergleichbaren Rollen. Wichtig ist: „Dorfkümmererin“ ist eine Funktion und keine geschützte Berufsbezeichnung. Es gibt keine einheitlichen Qualifikationsanforderungen oder festgelegten Ausbildungswege. Viele Kümmererinnen sind über ihr langjähriges ehrenamtliches Engagement in diese Rolle hineingewachsen und haben bereits zuvor eine zentrale Funktion im Dorfleben übernommen. Gleichzeitig gehen immer mehr Gemeinden dazu über, Dorfkümmerinnen und Dorfkümmerer über offizielle Stellenausschreibungen zu finden und anzustellen. Interessierte Gemeinden oder Gemeinden, die bereits eine Kümmerin oder einen Kümmerer eingestellt haben, können sich einfach bei mir melden. Gern beraten wir auch Gemeinden bei der Etablierung von Dorfkümmerern. Derzeit entwickeln wir zudem eine Handreichung für Interessierte, die wir im Frühjahr veröffentlichen werden.

Interview: Iris Jaeger

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