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Es war einmal …

Wenn Pflanzen Geschichten erzählen und altes Wissen lebendig wird
Von Dr. Claudia Kleimann-Balke
Im Medizinalgarten erzählen sich die Teilnehmerinnen erste Geschichten über Kräuter. Fotos: Dr. Claudia Kleimann-Balke

Es war einmal … so beginnen wohl die meisten Märchen. Sie erzählen von Hexen und bösen Stiefmüttern, von furchteinflößenden Drachen und tapferen Rittern, von guten Feen, unglücklicher Liebe oder vergifteten Früchten.

Über Jahrhunderte erzählte man diese Geschichten – nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch um Erfahrungen, Werte, Warnungen und Lebensweisheiten von Generation zu Generation weiterzugeben. Heute ist die Kunst des Märchenerzählens fast eingeschlafen. Mit einem ganzen Tag zum Thema „Kräutermärchen als traditionelle Wissensvermittlung“ möchte der Aufbaukurs Kräuterkunde dieser Entwicklung entgegenwirken.

Zwanzig Frauen trafen sich im Wildpark Eekholt, um den Kräutermärchen wieder auf die Spur zu kommen. Sie alle haben bereits die Qualifizierung Kräuterkunde erfolgreich absolviert und wollten ihr Wissen im Aufbaukurs vertiefen. An diesem Fortbildungstag ging es vor allem darum, die alte Technik des freien Erzählens für sich zu entdecken, zu üben und selbst erste Geschichten rund um das eigene Kräuterwissen zu erfinden.

Treue am Wegesrand

Sonja Truhn und Dr. Astrid Hadeler (v. li.) vermitteln Kräuterwissen auch über Märchen.

Zu Beginn des Seminars erzählte Sonja Truhn von der Alten Märchenschule in Rickling ein berührendes Märchen über eine junge Frau, die auf die Rückkehr ihres Geliebten wartet. Er ist in den Krieg gezogen und hatte ihr versprochen wiederzukommen. Doch die Jahre vergehen, ohne dass er heimkehrt. Das Mädchen bleibt ihm treu und wartet Tag für Tag am Weg – so lange, bis es schließlich in eine Blume mit himmelblauen Blüten verwandelt wird: die Wegwarte. Noch heute wächst sie an Wegen und Straßen und richtet ihre blauen Blüten sehnsüchtig dem Himmel entgegen. Sonja Truhn ist mit Leib und Seele Erzählerin. Sie malt Bilder in die Köpfe ihrer Zuhörer, schafft magische Räume, knüpft eine Verbindung in eine andere Welt und verhilft so den Menschen zu einem Ausflug aus dem Alltag. „Heute muss ich mich sehr zurücknehmen, damit ich nicht den ganzen Tag selbst erzähle“, schmunzelte sie. Sie erzählt am liebsten aus dem Moment heraus, bezieht den Ort und die jeweiligen Zuhörer gern ein. „Wenn ich an einem Ort bin, den ich noch nicht kenne, brauche ich ein paar Minuten, um den passenden Platz für meine Geschichte oder mein Märchen zu finden. Dafür habe ich eine Spürnase.“ Es scheint fast selbstverständlich, dass genau neben der Erzählerin eine Wegwarte wuchs.

Pflanzen erspüren

Kathrin Brücker hat sich den Schmetterlingsflieder für ihre Übung ausgesucht.

Sonja Truhn weiß, wie man Märchen erzählt. In kleinen Übungen vermittelte sie den Frauen, sich selbst zurückzunehmen, aufmerksam zu sein und zuzuhören – Eigenschaften, die in der schnelllebigen Welt mitunter ins Hintertreffen geraten.

Ein Beispiel: Die Frauen bekommen die Aufgabe, sich im Medizinalgarten des Wildparks eine Pflanze auszusuchen und zu erspüren, was diese zu sagen hat. „Viele Frauen erzählen aus der Gewohnheit heraus, was sie über diese Pflanze wissen. Aber das ist gar nicht gefragt“, erklärt Dr. Astrid Hadeler. „Es geht darum, die Pflanze bewusst wahrzunehmen und wertzuschätzen. Und zu schauen, was sie mitteilen möchte.“ Zugegeben, das mag sich etwas skurril anhören. Aber es geht darum, die Wahrnehmung zu schärfen, offen zu sein und bewusst – nur dann kann ich auch Geschichten erkennen, Kräutermärchen erzählen und so die traditionelle Wissensvermittlung der Ahnen aufgreifen. „Die eine kann das besser als die andere. Und eine Dritte überlegt erst, worauf sie sich einlässt.“ Kathrin Brücker geht zielsicher zur Pflanze ihrer Wahl, breitet ihre Arme aus und sagt: „Ich bin der Schmetterlingsflieder und sehr gesellig. Ich lade euch alle zu mir ein.“ Betrachtet man die vielen Schmetterlinge und Hummeln, die sich dort tummeln, scheint diese Einladung dankend angenommen zu werden. Mit Übungen wie dieser und kurzen Geschichten wärmen sich die Teilnehmerinnen auf, und dann geht es selbst ans Erzählen.

„Heutzutage werden Märchen von Erwachsenen häufig abgetan, weil sie etwas für Kinder sind. Dabei wird vergessen, dass sie von alters her dazu dienten, Wissen zu vermitteln“, erzählt Dr. Astrid Hadeler, die den Kurs für das Bildungszentrum für Natur, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein gemeinsam mit Dr. Gaby Brüssow-Harfmann vom LandFrauenVerband Schleswig-Holstein leitet. „Inzwischen ist es sogar wissenschaftlich belegt, dass man sich Fakten, die in eine Geschichte eingebunden sind, viel besser merkt.“ In Geschichten erzählte Informationen bleiben leichter im Gedächtnis, weil sie einen verständlichen Zusammenhang schaffen, innere Bilder und Gefühle auslösen und neues Wissen mit bereits Bekanntem verbinden.

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