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So flauschig – und doch kein Streichelzoo

Was Halter über Verhalten, Gesundheit und Management von Lamas und Alpakas wissen sollten
Von Reiner Thomas, Landwirtschaftskammer SH
Der Größenunterschied zwischen Alpakas (vorn) und Lamas (hinten) fällt deutlich auf. Fotos: Reiner Thomas

Auch in Norddeutschland erfreuen sich Lamas und Alpakas wachsender Beliebtheit. Als Hobbytiere, für Wanderungen oder in der tiergestützten Arbeit gelten die aus Südamerika stammenden Neuweltkamele als ruhig und unkompliziert. Dass die Haltung jedoch deutlich anspruchsvoller ist als ihr flauschiges Erscheinungsbild vermuten lässt, zeigte ein Grundlagenseminar des Netzwerks Fokus Tierwohl Anfang Juni in Mannhagen im Kreis Herzogtum Lauenburg.

Den theoretischen Teil übernahm Tierarzt Sönke Allrich von der Tierarztpraxis Nordvet in Ratzeburg, der auf Kameliden und Wiederkäuer spezialisiert ist. Für den Praxisteil öffnete Silke Christensen von Lamasté ihre Tore und demonstrierte den Umgang mit den Tieren direkt in der Herde. Beide Referenten arbeiten seit Jahren eng zusammen und haben bereits zahlreiche Seminare und Fortbildungen rund um die Haltung und den Umgang mit Neuweltkamelen durchgeführt. Entsprechend profitierten die Teilnehmenden von der Kombination aus tiermedizinischem Fachwissen und langjähriger praktischer Erfahrung.

Die Referenten Silke Christensen (li.) und Sönke Allrich (auf dem rechten Foto r.) mit der Gruppe

Herkunft und Zucht

Lamas und Alpakas werden bereits seit rund 6.000 bis 7.000 Jahren domestiziert. Alpakas stammen vom Vikunja (Vicugna vicugna) und Lamas vom Guanako (Lama guanicoe) ab. Die Wildformen leben bis heute in Südamerika und können sich weiterhin mit ihren domestizierten Verwandten kreuzen. Dadurch können auch ursprüngliche Verhaltensweisen wieder stärker hervortreten.

Während Lamas ursprünglich als Lasttiere gezüchtet wurden und deshalb meist größer und kräftiger gebaut sind, lag der Zuchtfokus bei Alpakas auf der Wollproduktion. Entsprechend feiner fällt ihr Vlies aus. Bei Alpakas unterscheiden sich zudem verschiedene Vliestypen hinsichtlich Faserqualität und Nutzbarkeit. Die beiden weltweit verbreiteten Alpakatypen sind Huacaya und Suri.

Sozialverhalten

Ein Schwerpunkt des Seminars lag auf dem Sozialverhalten der Tiere. Anders als viele Besucher erwarten, gehören intensive Körperkontakte weder untereinander noch gegenüber Menschen zu ihrem natürlichen Verhalten. Werden diese natürlichen Distanzbedürfnisse missachtet, entsteht Stress. Die Folgen können gravierend sein. Nach Angaben der Referenten zählen Magengeschwüre zu den schwerwiegendsten Folgen chronischer Belastung und können bei Neuweltkamelen auch tödlich enden.

Auch deshalb warnten die Fachleute vor vermeintlich tierfreundlichen Angeboten wie „Fohlen streicheln“. In der Fachsprache werden Jungtiere der Neuweltkamele als „Cria“ bezeichnet. Sie sollten zunächst ausreichend Gelegenheit erhalten, sich innerhalb der Herde zu sozialisieren. Erst nach dem zwölften Lebensmonat sollte das Cria intensiver gehändelt werden (zum Beispiel Halftertraining), um Fehlprägungen und Störungen im Rahmen des Sozialisierungsprozesses zu vermeiden. Für die Nutzung zu Aktivitäten mit Menschenkontakt ist ein Mindestalter von 18 Monaten vorzusehen.

Die Kontrolle der Zehen zählt zu den regelmäßigen Aufgaben.

Risiko Fehlprägung

Besondere Aufmerksamkeit widmete das Seminar der Aufzucht von Fohlen. Werden Jungtiere zu eng an Menschen gebunden oder wachsen ohne ausreichenden Kontakt zu erwachsenen Artgenossen auf, drohen Fehlprägungen. Im Erwachsenenalter können insbesondere Hengste problematisches Verhalten entwickeln. Dazu gehören fehlende Distanz zum Menschen, aggressives Verhalten oder gezieltes Anspucken. Entgegen der weit verbreiteten Meinung ist Spucken gegenüber Menschen bei gut sozialisierten Tieren nicht normal. Innerhalb der Herde dient es hauptsächlich der Konfliktlösung.

Haltung in der Herde

Lamas und Alpakas sind Herdentiere und sollten mindestens zu dritt gehalten werden. Größere Gruppen sind vorteilhaft, da einzelne Tiere innerhalb kleiner Gruppen leichter gestresst werden können. Besonders sorgfältig sollten Halter die Frage nach der Nachzucht bedenken. Hengste entwickeln bereits im jungen Alter Deckverhalten. Eine Kastration wird in der Regel jedoch erst ab etwa zwei Jahren empfohlen, wenn die körperliche Entwicklung weitgehend abgeschlossen ist. Wer tragende Stuten kauft, sollte deshalb bereits vorab überlegen, wie insbesondere männliche Nachkommen später gehalten oder vermittelt werden können.

Gesundheitsvorsorge

Da Neuweltkamele Fluchttiere sind, zeigen sie Schmerzen oft erst sehr spät. Die dichte Wolle erschwert zusätzlich die Beurteilung ihres Gesundheitszustandes. Ein festliegendes Tier gilt daher immer als Notfall.

Zur regelmäßigen Gesundheitskontrolle empfahlen die Referenten:

Kontrolle der Augenschleimhäute zur Früherkennung von Blutarmut unter anderem durch Parasiten,

regelmäßige Beurteilung des Ernährungszustands über den Body-Condition-Score,

Kontrolle der Zahnlänge,

Kotuntersuchungen auf Parasiten mehrmals im Jahr,

regelmäßige Blutuntersuchungen zur Kontrolle der Nährstoffversorgung.

Besonders wichtig sei außerdem die Biosicherheit. Krankheiten anderer Tierarten können auch für Neuweltkamele gefährlich werden. Genannt wurden unter anderem die Bovine Virusdiarrhoe (BVD) der Rinder oder Herpesviren der Pferde. Zudem können sie auch Zoonosen wie Räude und Hautpilze auf den Menschen übertragen.

An warmen Tagen freuen die Tiere sich über Badestellen.

Fortpflanzung

In ihrer südamerikanischen Heimat zeigen Neuweltkamele eine saisonale Fortpflanzung. Unter mitteleuropäischen Bedingungen können sie dagegen ganzjährig Nachwuchs bekommen. Dennoch empfehlen Fachleute Geburten in den wärmeren, sonnenreichen Monaten. Anders als viele andere Säugetiere lecken die Muttertiere ihre Fohlen nicht trocken. Die Fohlen trocknen überwiegend durch Sonne und Umgebungstemperatur. Geburten finden normalerweise tagsüber statt. Werden Fohlen erst am Abend oder in der Nacht geboren, kann dies ein Hinweis auf eine Schwergeburt sein. Die Tragezeit beträgt etwa 11,5 Monate, kann jedoch bis zu 400 Tage andauern. Schwankungen treten je nach Tier, Witterung und Fütterung auf. Fohlen sollten zudem nicht vor einem Alter von neun Monaten abgesetzt werden.

Haltung und Ausrüstung

Auch bei Ausrüstung und Haltung gibt es Besonderheiten. Handelsübliche Pferdehalfter sind ungeeignet, da bei Neuweltkamelen der knöcherne Nasenbereich deutlich kürzer ist und schnell in weichen Knorpel übergeht. Falsch sitzende Halfter können Druckschäden verursachen und die Atmung beeinträchtigen.

Einmal jährlich müssen die Tiere geschoren werden, da sie keinen natürlichen Fellwechsel mehr besitzen und das Vlies kontinuierlich weiterwächst. Die Füße unterscheiden sich ebenfalls deutlich von denen anderer Nutztiere. Sie besitzen eine weiche Sohlenpolsterung mit Zehen und ähneln damit eher dem menschlichen Fuß als einer Klaue. Heiße Asphaltflächen oder scharfkantige Steine können daher schnell zu Problemen führen. Je nach Untergrund kann zudem eine regelmäßige Nagelpflege erforderlich werden.

Einsatz bei Wanderungen

Im Praxisteil erläuterte Silke Christensen den Umgang mit ihren 25 Lamas und drei Alpakas. Die Tiere kommen unter anderem in Sachkundeschulungen, Seminaren und tiergestützten Angeboten zum Einsatz. Besonders auf Wanderungen werde häufig missverstanden, wie die Tiere kommunizieren. Ein locker durchhängender Führstrick sei ein Zeichen dafür, dass das Tier freiwillig mitlaufe. Gerate der Strick dauerhaft in Spannung, werde das Tier meist gegen seinen Willen bewegt. Auch ein Hinlegen während einer Wanderung sollte nicht als „Sturheit“ interpretiert werden. Vielmehr handele es sich oft um ein deutliches Signal, dass das betreffende Tier für diese Situation nicht geeignet sei oder eine Pause benötige.

Ein praktischer Tipp für Anbieter: Eine Kiste mit frisch geschorener Wolle könne Teilnehmern bereits vor dem ersten Tierkontakt die Möglichkeit geben, ihren Wunsch nach Berührung auszuleben. Dadurch werde unnötiger Stress für die Tiere reduziert.

Kein Wolfsschutz

Ein weiterer Irrtum betrifft den Einsatz als Herdenschutztiere. Lamas gelten nicht als Wolfsschutz. Sie flüchten ebenso wie andere Weidetiere vor großen Beutegreifern. Gegenüber Hunden können sie jedoch ausgesprochen wehrhaft reagieren. Mit kräftigen Tritten, scharfen Zehen und ihren Zähnen sind sie durchaus in der Lage, angreifende Hunde schwer zu verletzen oder sogar zu töten.

Rechtliche Vorgaben

Bei Arzneimittelanwendungen gelten Lamas und Alpakas als Lebensmittel liefernde Tiere und unterliegen deshalb den entsprechenden Vorschriften für die Arzneimittelanwendung und deren Dokumentation. Die Tiere müssen zudem gekennzeichnet werden, meist mittels eines Mikrochips.

Für den Zukauf empfahlen die Referenten unter anderem die Klärung des Trächtigkeitsstatus, eine Quarantäne für Neuzugänge sowie die Überprüfung von Kennzeichnung, Gesundheitsstatus und tierärztlicher Betreuung.

Weitere Informationen erhalten Interessierte bei der Nationalen Fachstelle für Neuweltkamele an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Empfehlenswert ist zudem der Beitritt zu einem Fachverband oder Züchterverein, wie dem NWK-Verein, um dauerhaft auf ein Netzwerk erfahrener Ansprechpartner zurückgreifen zu können.

Die Veranstaltung konnte aufgrund der Förderung des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat kostenfrei angeboten werden.

Fazit

Das Seminar machte deutlich, dass Lamas und Alpakas weit mehr sind als flauschige Sympathieträger. Ihre Haltung erfordert fundierte Kenntnisse über Verhalten, Gesundheit, Fortpflanzung und Management. Wer die Tiere anschaffen möchte, sollte sich frühzeitig mit den besonderen Anforderungen auseinandersetzen und den Austausch mit erfahrenen Haltern suchen.

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