Die Bergung bewegungsunfähiger Rinder ist ein sensibles und zugleich praxisrelevantes Thema in der Landwirtschaft. Immer wieder kommt es vor, dass Kühe oder andere Rinder aufgrund von Krankheit, Verletzung oder Erschöpfung nicht mehr selbstständig aufstehen können. Für Landwirte stellt dies nicht nur eine organisatorische Herausforderung dar, sondern wirft auch wichtige Fragen zum Tierwohl, zur Wirtschaftlichkeit und zu rechtlichen Vorgaben auf.
Rinder können aus verschiedenen Gründen festliegen. Häufige Ursachen sind:
– Stoffwechselerkrankungen wie Milchfieber (Hypokalzämie). Wenn Kühe nach der Kalbung nicht mehr aufstehen können (Festliegen), versuchen sie oft, sich in Brust- oder Seitenlage aufzurichten. Dabei kann es zu einem unkontrollierten Spreizen der Hinterbeine kommen. Dies ist häufig eine Folge von Kalziummangel (Milchfieber), der zu Muskelschwäche und Lähmungserscheinungen führt.
– Geburtskomplikationen. Nervenschäden, zum Beispiel durch Schwergeburten (Nervus obturatorius), können dazu führen, dass die Kuh die Kontrolle über ihre Hinterbeine verliert und diese seitlich wegstreckt.
– Verletzungen an Gliedmaßen oder Gelenken, die ein Aufstehen erschweren oder gänzlich verhindern
– „Ausgrätschen“. Glatte Laufflächen im Stall können dazu führen, dass Kühe ausgleiten, wobei die Beine seitlich wegknicken oder ausgegrätscht werden. Dies kann zu Zerrungen oder Muskelrissen führen.
– Infektionen oder schwere Allgemeinerkrankungen
– Erschöpfung bei älteren oder geschwächten Tieren
– Das frühzeitige Erkennen der Ursache ist entscheidend, da die Behandlungschancen stark davon abhängen.
Bedeutung schneller Maßnahmen
Ein festliegendes Rind ist ein Notfall. Bereits nach wenigen Stunden können durch den anhaltenden Druck auf Muskeln und Nerven schwere Folgeschäden entstehen. Deshalb ist schnelles Handeln erforderlich:
– Tierarzt kontaktieren
– Separieren von der Gruppe
– Tier weich lagern, zum Beispiel auf Stroh
– auf einen grifffesten Untergrund achten
– regelmäßiges Umlagern, alle vier bis sechs Stunden, um Druckstellen zu vermeiden
– Versorgung mit Wasser und Futter sicherstellen
Methoden der Bergung
Eine Herausforderung stellt das Verbringen des Tieres aus dem Stall in eine Krankenbucht mit rutschfestem Untergrund da. Dies sollte möglichst schonend erfolgen und weitere Verletzungen ausschließen. Bevor ein Transport durchgeführt wird, sollte die Genesungswahrscheinlichkeit abgeschätzt werden, um unnötiges Tierleid abzuwenden.
Das Anlegen einer Fußfessel an den Hinterbeinen trägt zur Vermeidung von Sekundärverletzungen bei. Oftmals verschlechtert sich der Zustand durch erfolglose Aufstehversuche und Herumschlagen der Gliedmaßen. Das größte Problem ist das Gewicht der Tiere. Allein oder auch zu zweit ist man kaum in der Lage, ein ausgewachsenes Rind zu bewegen. Der Einsatz von maschineller Technik setzt voraus, dass der Einsatzort dafür zugänglich ist. Kühe am Kopfhalfter oder an fixierten Gliedmaßen über den Boden zu schleifen, verschlechtert die Genesungswahrscheinlichkeit deutlich und ist auch aus Tierschutzgründen zu vermeiden.
Wenn ein Rind nicht mehr selbstständig aufstehen kann, kommen verschiedene technische Hilfsmittel zum Einsatz:
– Hebegeschirre und Hebegeräte: Spezielle Hüftklammern oder Hebegurte ermöglichen es, das Tier vorsichtig anzuheben. Diese Methode wird oft in Kombination mit einem Schlepper oder Hoflader eingesetzt. Wichtig ist, den Druck gleichmäßig zu verteilen, um Verletzungen zu vermeiden. Bei der Verwendung einer Hüftklammer als Aufstehhilfe sind immer die Folgeverletzungen durch deren Einsatz zu berücksichtigen. Auszuschließen ist der Transport aus dem Stall mithilfe der Hüftklammer. Gurte und Tragegeschirre sind dafür die bessere Wahl. Die Palettengabel ist auf jeden Fall kein geeignetes Mittel zum Tiertransport.
– Transportmatten oder Schlitten: Zur Verlagerung innerhalb des Stalls können robuste Matten und Platten oder Schlitten genutzt werden, um das Tier schonend zu bewegen.
– Tierbergungswagen: In größeren Betrieben werden Bergungswagen eingesetzt, die ein besonders sicheres und stressarmes Anheben und Transportieren ermöglichen.
– Schaufel: Der Transport mit einer zum Beispiel mit Stroh ausgepolsterten Frontladerschaufel ist durchaus eine Alternative, wenn die Größe ausreichend ist. Die Schwierigkeit hierbei besteht darin, das Tier in die Schaufel zu bekommen und ein Herausfallen beim Anheben zu verhindern. Ein Hineinrollen ist allein unmöglich. Ein Aufsatz zum Hineinziehen des Tieres hilft hier. Der Einsatz einer Greifschaufel kommt ebenfalls in Betracht. Dabei ist natürlich das „Greifen“ des Tieres auszuschließen. Das Hineinziehen in die Schaufel bei abgedeckten Zinken mit Seilen kann durch die Hydraulik erfolgen, sodass man ein Tier allein bergen kann. Diese Technik bietet sich auch an, um Tiere von der Weide zu bergen.
– Wassertherapie (Flotationstanks): In einem neueren Verfahren wird das Tier in einen speziellen Tank mit warmem Wasser gestellt. Der Auftrieb entlastet die Gliedmaßen und kann helfen, die Stehfähigkeit wiederherzustellen. Bei bewegungsunfähigen Tieren wird es aber schwierig sein, sie in den Tank hineinzubekommen. Signifikant höhere Genesungszahlen wurden damit noch nicht erreicht.
Tierschutz und rechtliche Aspekte
Der Umgang mit bewegungsunfähigen Rindern ist klar geregelt. In der EU und damit auch in Deutschland gilt:
– Tiere dürfen nicht unnötig leiden.
– Ein Transport ist nur erlaubt, wenn das Tier transportfähig ist.
– In aussichtslosen Fällen muss eine tierschutzgerechte Nottötung erfolgen.
Das Ziel ist immer, Leiden zu minimieren und gleichzeitig verantwortungsvoll zu handeln.
Wirtschaftliche und ethische Überlegungen
Neben dem Tierwohl spielen auch wirtschaftliche Aspekte eine Rolle. Die Behandlung und Bergung können zeit- und kostenintensiv sein. Dennoch steht für viele Landwirte das Tierwohl im Vordergrund. Eine gute Bestandsbetreuung, präventive Maßnahmen, zum Beispiel angepasst Klauenpflege und regelmäßige Gesundheitskontrollen, können das Risiko solcher Fälle reduzieren.
Fazit
Die Bergung bewegungsunfähiger Rinder erfordert Fachwissen, schnelles Handeln und geeignete Ausrüstung. Sie ist ein wichtiger Bestandteil verantwortungsvoller Tierhaltung. Durch eine Kombination aus Prävention, frühzeitiger Diagnose und schonenden Bergungsmethoden lassen sich sowohl das Tierwohl verbessern als auch wirtschaftliche Verluste begrenzen.




