StartNachrichtenAgrarpolitikErntedank zwischen Hunger und Hightech

Erntedank zwischen Hunger und Hightech

Editorial zum Erntedankfest
Von Sönke Hauschild
2020: Erntedank auf einem Stoppelfeld in Eichede, Kreis Stormarn. Foto: Screenshot

2020 bildeten Landwirte aus Schleswig-Holstein mit Schleppern auf einem Stoppelfeld den Schriftzug „Erntedank“: beeindruckend. 2022 kanzelte ein Pastor solche Landwirte im Radio ab: Gott brauche keinen Dank der industriellen Landwirtschaft – sie komme ohnehin längst ohne ihn aus.

Und 2025? Die vergangenen Jahre waren geprägt von einer Politik der Extensivierung, Ökologisierung, Förderung einer pflanzenbasierten Ernährung. Wird der Pastor also bestätigt und wir befinden uns endlich auf dem rechten Pfad einer geringeren, dafür aber „richtigen“ Lebensmittelproduktion? Vorsicht: Als die Ukraine 2022 erstmalig vom Weltmarkt abgeschnitten wurde, hatte Spanien kein Futter mehr, Ägypten jedoch kein Mehl. Schon der Arabische Frühling 2010 war die Folge einer hungernden Bevölkerung in Nordafrika.

Stellen wir also die Frage: Kommt die Moral erst „nach dem Fressen“, wie Bert Brecht es in seiner „Dreigroschenoper“ behauptet? Fast so alt wie die Oper ist die Arie, die Greenpeace gegen den „Golden Rice“ anstimmt. Der genveränderte Reis könnte Hunderte Millionen Menschen vor Erblindung oder Tod durch Vitamin-A-Mangel bewahren. Wessen Ethik folgt man: der von Greenpeace, das den Reis seit 2012 erfolgreich verhindert, oder der von über 100 Nobelpreisträgern, die sich bereits 2016 für einen Einsatz aussprachen?

Zum Erntedank lohnt die Frage, warum wir uns weniger für den Ertrag, sondern mehr für das Gut oder Böse der Erzeugung interessieren. Sind wir satt genug für etwas Moral? Oder ist da eine Grenze, die wir nicht überschreiten dürfen? Deutschland ist Vizeweltmeister bei Patentanmeldungen für moderne Agrartechnologie. Stoppen wir das ebenso wie die Gentechnikbemühungen unserer mittelständischen Züchter? Oder nutzen wir Hightech, um den Hunger zu bekämpfen?

Ohne Ethikfragen einzubeziehen wären wir eine ärmere Gesellschaft. Es ist deshalb richtig, solche Fragen zu stellen. Sorgt unsere Moral aber dafür, dass andere weniger zu essen haben, müssen die Argumente stark sein. Die Kirche wäre ein Ort, um dieses Dilemma aufzugreifen. Wer sich aber, wie Misereor, Brot für die Welt oder oben genannter Radiopastor selbst positioniert, nimmt sich die Chance, zum „Pontifex“ – zum Brückenbauer – zu werden. Dabei ist das eine ureigene Aufgabe der Kirche.

Jedes Erntedankfest ist eine Chance für die Kirche, zuzuhören. Es zeigt, dass auch wir im satten Europa immer noch Grund zur Dankbarkeit haben. Eben weil der Mensch nicht alles im Griff hat. Es gibt Jahre, in denen das Getreide trotz moderner Technik am Halm auswächst. Teile Deutschlands wurden 2025 von Trockenperioden heimgesucht. Das lehrt Demut, Ehrfurcht und Dank. Manche Inschrift an alten Bauernhäusern stellt klar: „An Gottes Segen ist alles gelegen.“ Der Dank geht an den Schöpfer und seinen „Schaffer“: Landwirtscha(f)ft.

Bauern sind im Wesen geprägt vom Umgang mit der Natur. Sie kennen das Hoffen und Warten. Das Aushalten und Weitermachen. Sie sind ernte-dankbar, mit müden Augen und Schweiß auf der Stirn. Es gilt: Ein Dank im Jahr für die Arbeit unserer Bäuerinnen und Bauern ist mehr als angemessen.

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