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„Ohne Landwirtschaft wäre das Land nicht denkbar“

Nora Steen ist neue Bischöfin im Sprengel Schleswig und Holstein
Von Silke Bromm-Krieger
Nora Steen ist die erste Frau im Amt einer Bischöfin im Sprengel Schleswig und Holstein und gehört damit zu den jüngsten leitenden Geistlichen in Deutschland. Fotos: Tim Riediger, Nordkirche

Der Sprengel Schleswig und Holstein der Nordkirche hat eine neue Bischöfin. Mit einem Festgottesdienst wurde Nora Steen im Schleswiger Sankt Petri-Dom am 5. November in ihr Amt eingeführt. Mit dem Bauernblatt sprach sie über Landwirtschaft, bisherige berufliche Stationen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Als Nora Steen an einem Morgen ihren Sohn zum Kindergarten fuhr, eröffnete dieser ihr, dass er, wenn er groß sei, zu seinen Freunden auf den Bauernhof ziehen wolle, um dort mitzuarbeiten. „Er kennt alle Marken der landwirtschaftlichen Maschinen und liebt es, auf dem Trecker zu sitzen“, meint sie schmunzelnd und verrät, dass die Landwirtschaft in ihrem privaten Leben eine große Rolle spiele. „Ein Teil der Familie ist fest in ihr verwurzelt, und so bekomme ich natürlich die Themen mit, die dort unter den Nägeln brennen“, erzählt sie.

Die Eltern ihres Ehemannes Leif Mennrich hätten früher bei Lüneburg eine Landwirtschaft mit Ackerbau und Viehzucht betrieben, hielten heute noch Pferde. Außerdem habe sie in Niedersachsen als Gemeindepastorin auf dem Lande Kontakt mit Menschen aus der Landwirtschaft gehabt. Ab 2018 übernahm sie im nordfriesischem Dorf Breklum die theologische Leitung und Geschäftsführung des Christian-Jensen-Kollegs, eines ökumenischen Tagungs- und Bildungszentrums. „Hier konnte ich in vielen Gesprächen wahrnehmen, vor welch schwierigen Fragen und Herausforderungen die Landwirtinnen und Landwirte stehen, und habe Hochachtung für ihre Arbeit gewonnen“, stellt die 47-Jährige heraus. Aber dazu später mehr.

Ein bewegender Moment: Ralf Meister, Landesbischof der Landeskirche Hannover, überreicht das Amtskreuz an die neue Bischöfin.

Schaut man auf den beruflichen Werdegang der Bischöfin, die als erste Frau im Sprengel in dieses Amt gewählt wurde, beeindruckt die Vielfalt der Erfahrungen, die sie aus ihren bisherigen Wirkungsstätten mitbringt. Aktuell gehört sie zu den jüngsten leitenden Geistlichen in Deutschland. „Ich wuchs in einem Pfarrhaushalt auf, mein Vater war Pastor. Nach dem Abitur absolvierte ich ein Soziales Jahr in Südindien“, berichtet sie. Ihr anschließendes Theologiestudium führte sie nach Leipzig, Berlin und Göttingen. Zudem nahm sie an internationalen Schulungen für ökumenische Führungskräfte auf Kuba und in Südafrika teil. Das Vikariat durchlief sie an der Marktkirche in Hameln. Im Anschluss war sie Studienleiterin im Ökumenischen Institut Bossey bei Genf und Projektleiterin für das Jubiläumsjahr der Unesco-Welterbekirche Sankt Michaelis in Hildesheim. Danach übernahm die Theologin dort die Citykirchenarbeit in der Sankt Jakobikirche. Zudem war sie Leiterin im Haus der Stille im evangelischen Kloster Wülfinghausen, wie bereits erwähnt in einem ländlichen Gemeindepfarramt und Schulpastorin an einem Gymnasium. Die gebürtige Braunschweigerin machte eine Weiterbildung zur geistlichen Begleiterin. Außerdem war sie fünf Jahre Fernsehpastorin, sprach in der ARD das „Wort zum Sonntag“ und schrieb mehrere Bücher. Bis heute ist sie Sprecherin von Radioandachten bei NDR Kultur/NDR Info. „Mit meinem Mann, der ebenfalls Pastor ist, übernahm ich zudem in Portugal von 2015 bis 2018 die Leitung der deutschsprachigen Gemeinde in Lissabon“, blickt sie zurück.

Nora Steen und Leif Mennrich, der Referent für Christliches Profil im Kirchenkreis Nordfriesland ist, leben mit ihren drei angenommenen Kindern im Alter von zwölf, zehn und fünf Jahren zurzeit noch in Breklum. „Mein Dienstsitz, die Bischofskanzlei in Schleswig, wird gerade renoviert. Im Haus haben noch nie kleinere Kinder gewohnt. Da wird einiges angepasst.“ Ostern 2024 stehe der Familienumzug an. Die zwei Töchter werden bis zum Schuljahresende ihre bisherige Schule besuchen und nach den Sommerferien in Schleswig starten. Wie sich ihr Familienleben als Mutter und Bischöfin gestaltet? Darüber gibt die Kirchenfrau gern Auskunft. „In unserem Haushalt verweben sich Privates und Berufliches. Das ist für Pastoren nichts Ungewöhnliches. Eine Abgrenzung brauche ich nicht. Vielmehr ist es für meinen Mann und mich eine Lebensaufgabe, beides miteinander zu vereinen, und bei uns klappt das gut“, unterstreicht Nora Steen. So schaffe sie sich im Tageslauf Zeitinseln für die Kinder, sei selbstverständlich weiterhin für sie da, hole zum Beispiel eine Tochter vom Reitstall ab, um anschließend wieder einen beruflichen Termin wahrzunehmen. „Soweit es uns möglich ist, sitzen wir auch bei den Mahlzeiten gemeinsam am Tisch. Diese Essenszeiten mit einem Tischgebet am Anfang sind ein wichtiger Bestandteil unseres Familienlebens.“

Es ist ihr ein persönliches Anliegen, mit ihrem Beispiel anderen jungen Frauen Mut zu machen. Sie möchte sie darin bestärken, Lösungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu finden und sich damit nicht zu verstecken. Dazu gehört für sie gleichfalls, sich mit kleineren Kindern durchaus die Übernahme einer Leitungsfunktion zuzutrauen. Innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft, so Steen, wäre es eine Bereicherung, wenn in der mittleren Führungsebene mehr junge Frauen tätig wären. „Ich merke bei Pastorinnen aber eine große Skepsis. Die fragen sich, ob sie das tatsächlich schaffen können.“ Kind und/oder Karriere? Wie teile ich meine Zeit ein und wofür? Hier möchte die junge Bischöfin neue Impulse zum Nachdenken geben und damit das Angebot, Blick und Horizont zu weiten. Und dann spricht sie über Kirche und Landwirtschaft, die beide feste Größen im ländlichen Raum seien. Ihn lebendig zu halten, sei ein gemeinsames Ziel, das ihr am Herzen liege.

„Ohne Landwirtschaft wäre das Land nicht denkbar. Wir dürfen die Landwirtschaft nicht alleinlassen“, ist sie überzeugt. Die Kirche habe hier, auch als mitunter einzige verbliebene Kulturträgerin auf dem Lande, eine Verantwortung. Deshalb freue sie sich schon auf einen regen und offenen Austausch mit den Akteuren vor Ort. „Neben den Erntedankgottesdiensten und dem Landeserntedankfest, die Verbindung und Vertrauen schaffen, brauchen wir Begegnungen und Gespräche über Dinge, die uns einen, und genauso über unterschiedliche Ansichten. Ich möchte darüber reden, wie wir bei allem Wandel den ländlichen Raum in Zukunft nachhaltig gestalten wollen.“ Nie sei eine Sache nur eindimensional zu sehen, Gottes Schöpfung sei ganzheitlich zu betrachten.

Zu hören, was landwirtschaftliche Familien von „uns als Kirche“ wünschten und erwarten, sei ihr dabei ebenfalls wichtig. „Wie können wir als Kirche helfen und unterstützen?“ Über diese Frage will sie besonders mit jungen Leuten aus Familienbetrieben sprechen, will von ihnen wissen, wo der Schuh drückt, wo es familiäre und berufliche Herausforderungen und Belastungen gibt – ob im ökonomischen, ökologischen, sozialen oder psychischen Bereich. „Der Platz der Kirche mit ihrer Botschaft und ihrem Auftrag ist nicht neben, sondern mitten in unserer Gesellschaft“, stellt die Bischöfin abschließend heraus.

Info

Der Sprengel Schleswig und Holstein ist mit 868.543 evangelischen Christen der größte in der Nordkirche. Zu ihm gehören die acht Kirchenkreise Altholstein, Dithmarschen, Nordfriesland, Ostholstein, Plön-Segeberg, Rantzau-Münsterdorf, Rendsburg-Eckernförde und Schleswig-Flensburg sowie die Nordschleswigsche Gemeinde in Dänemark mit insgesamt 328 Kirchengemeinden. Aufgaben der Bischöfin Nora Steen sind die geistliche Leitung des Sprengels sowie die Vertretung im kirchlichen und öffentlichen Leben im Sprengel in Abstimmung mit der Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt. Sie ordiniert Pastoren, führt den Vorsitz im Sprengelkonvent der Pröpste und ist für alle hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitenden in den Kirchengemeinden, Diensten und Werken zuständig. Ebenso erstattet sie regelmäßig der Landessynode Bericht und wirkt als Mitglied der Kirchenleitung an gesamtkirchlichen Fragen und Entscheidungen mit. Sie ist neben der Landesbischöfin und Kirsten Fehrs (Sprengel Hamburg und Lübeck) die dritte Frau im vierköpfigen Bischofsrat der Nordkirche. Vierter in der Runde ist Tilman Jeremias (Sprengel Mecklenburg und Pommern). Nora Steen wurde von der Landessynode auf zehn Jahre gewählt. Eine Wiederwahl ist möglich. sbk/pm

Die Stadt Schleswig ist Dienstsitz von Bischöfin Nora Steen, der St. Petri-Dom ihre Predigtstätte.
Foto: Silke Bromm-Krieger
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