Vor knapp einem Monat wurde die Journalistin und Moderatorin Julia Ruhs auf Gut Deutsch-Nienhof bei Kiel mit dem VDAJ-Kommunikationspreis 2025 ausgezeichnet. Wenige Wochen später ist Ruhs selbst ein Medienereignis. Der NDR hat die Journalistin nach internen Protesten aus dem TV-Format „Klar“ genommen. Das Bauernblatt fasst zusammen und fragt bei Mitgliedern des NDR-Rundfunkrats und des ZDF-Fernsehrates nach einer Bewertung.
Ende August würdigte der Verband der Agrarjournalisten (VdAJ) das Sendeformat „Klar“ des Norddeutschen und des Bayerischen Rundfunks, insbesondere die Folge „Landwirtschaft am Limit“. In ihrer Begründung hob die Jury die mutige und kontroverse Berichterstattung über Menschen hervor, die dicht davor seien, sich aus der gesellschaftlichen Mitte zu entfernen.
Lob für Kontroverse
Der VDAJ-Bundesvorsitzende Dr. Klaus Schumacher, Vorsitzender der Landesgruppe Nord, lobte, die Kontroverse rund um die Landwirtschaft werde aus Sicht der Betroffenen dargestellt. Dies sei deshalb ein Baustein zum besseren Verständnis der Proteste der Landwirtschaft.
Die Sendung stelle denjenigen Menschen Fragen, die sich nicht mehr gehört fühlten von Politik und Medien. Das sei ein Weg, wieder in den Dialog zwischen verhärteten Fronten zu finden. Ruhs nahm den Preis gemeinsam mit ihren NDR-Kollegen Claudia Drexel und Thomas Berbner entgegen.
Wenige Wochen später ist Ruhs‘ Zeit beim NDR Geschichte. Die Sendung soll zwar weiterlaufen, beim NDR allerdings ohne die preisgekrönte Moderatorin.
Interner Kampf im NDR
Nach Informationen der „Welt“ sei der Entscheidung ein monatelanger interner Kampf im NDR vorausgegangen. Der Sender ist für die Bundesländer Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern zuständig. Intern sollen sich 250 Mitarbeiter nach den ersten drei Ausgaben, die sich mit den Themen Migration, gesellschaftliche Spaltung durch die Corona-Pandemie und dem Frust der Bauern beschäftigten, in einem Brief an die Chefetage über Ruhs beschwert haben. Die Sendungen seien politisch zu einseitig, zum Teil unjournalistisch und bedienten rechtspopulistische Trends, lautete die Kritik, die allerdings nicht öffentlich einsehbar ist.
Reschke: „Rechtsextrem“
Öffentlich bezeichnete dafür NDR-Moderatorin Anja Reschke das Format in ihrer eigenen Sendung „Reschke Fernsehen“ als „ein bisschen rechtsextrem“. Auch Jan Böhmermann, Moderator des „ZDF Magazin Royale“, äußerte sich kritisch zum Format, ohne es beim Namen zu nennen. Anstelle von Reschke ruderte die stellvertretende Hauptabteilungsleiterin Carola Conze auf LinkedIn zurück: „Ich beziehungsweise wir bedauern, dass der Eindruck entstanden ist, die Redaktion von ,Reschke Fernsehen‘ würde die Redaktion von ,Klar‘ als rechtsextrem einschätzen.“ Die Formulierung sei eine satirische Zuspitzung gewesen.
Die ansonsten auskunftsfreudige und meinungsstarke Reschke selbst äußerte sich nicht. Dafür bezeichnete Michael Hanfeld, Kommentator der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, das Geschehen als „redaktionelles Großmobbing“.
Meinungen kriminalisiert?
Ruhs selbst erhebt schwere Vorwürfe: Der Sender kriminalisiere Meinungen, „die eigentlich noch Mitte oder Mitte-rechts sind und weit entfernt von extremistischen oder radikalen Positionen“. Wenn es Formate wie „Monitor“ oder „Reschke Fernsehen“ gebe, müsse es auch so etwas wie „Klar“ geben. Ruhs‘ Kritik geht aber noch weiter zurück: „Ich habe schon im Volontariat gemerkt, dass ich mit meiner politischen Meinung plötzlich Außenseiterin war.“
Die Breite der abgebildeten Meinungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR) ist regelmäßig Thema, wenn es um eine Anhebung der Rundfunkbeiträge geht. Und so wird die jetzige NDR-Entscheidung auch aus der Politik kritisiert. Schleswig-Holsteins Regierungschef Daniel Günther (CDU) kommentierte das Vorgehen bei einer Buchpräsentation von Ruhs am Mittwoch in der Kieler Hermann-Ehlers-Akademie (HEA) ungewohnt scharf als „extrem schlechtes Signal“. Ruhs stellte auf der HEA-Veranstaltung ihr neues Buch „Links-grüne Meinungsmacht – Die Spaltung unseres Landes“ vor.
Günthers Terminplanung
Interessantes Detail: Günther hatte eine Einladung zur Einführung des neuen NDR-Intendanten Hendrik Lüneborg abgesagt mit dem Hinweis, er könne nicht aus Kiel weg. Günther befürchtet, dass sich Menschen, die den demokratischen Parteien entgleiten, durch das Geschehen um Julia Ruhs bestätigt fühlen.
Einig mit dem Norddeutschen zeigte sich sein bayerischer Counterpart, Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Er postete, die Entscheidung sei „kein gutes Signal für die Meinungsfreiheit und Toleranz im öffentlich-rechtlichen NDR.“ CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann nahm den Streit gar zum Anlass, um ein vorübergehendes Einfrieren des Rundfunkbeitrags zu fordern.
Der neue NDR-Intendant Lüneborg betrieb Schadensbegrenzung und versicherte, niemand sei gecancelt worden. Der Sender erklärte auf Anfrage der „Kieler Nachrichten“, dem NDR sei „Perspektivenvielfalt im Programm wichtig“, ohne auf die Vorwürfe einzugehen. NDR-Programmdirektor Frank Beckmann stellte klar: „Es geht am Ende nicht um den Menschen, sondern um die Inhalte. Da ist es wahrscheinlich besser, das auf mehrere Köpfe zu verteilen.“ Musste dafür ein Kopf rollen?
Desaster mit Ansage
WDR-Chefredakteur Stefan Brandenburg sieht es anders. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sei zu wenig Raum für konservative Stimmen. Auch wenn er mit der direkten Kritik im Ungefähren blieb, waren seine Aussagen deutlich: Man müsse anerkennen, dass sich Menschen mit einem konservativen Weltbild im ÖRR nicht ausreichend repräsentiert fühlten. „Wer dem ÖRR ohnehin schon misstraut, der fühlt sich gerade sehr bestätigt“, schrieb er auf LinkedIn. Die Vorgänge um Ruhs und das Format „Klar“ seien ein Desaster mit Ansage. Es gehe auch darum, „zu verstehen, dass die Mehrheiten in diesem Land derzeit eher konservativ sind“.
Journalist Christoph Lemmer, Gewinner des deutschen Radiopreises 2019, erkennt in der Debatte um die NDR-Moderatorin Julia Ruhs ein strukturelles Problem. Die Ursache liege in einem jahrzehntelangen Problem des Senders mit fehlender Pluralität.
Müller: Erst erfreut
Pikanter ist die Sichtweise von Dr. Heike Müller, Landwirtin und seit Jahren im Rundfunkrat des NDR. Die Mecklenburgerin zeigt sich auf Nachfrage des Bauernblatts verwundert: „Wer als ostdeutsche Bäuerin in der letzten Woche die Pressemitteilungen des NDR zu seiner eigenen Sendung ,Klar‘ las, glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. Von wertvollen Erkenntnissen war die Rede, von der Freude, das Format weiterzuentwickeln, von der Raumöffnung für kontroverse Debatten. Ich war erfreut, dass die zweite Sendung ,Der Frust der Bauern‘ mit dem Kommunikationspreis des VdAJ ausgezeichnet wurde.“ „Lob über Lob“, so Müller, und dann, am Ende der Pressemitteilung die Aussage, dass Julia Ruhs die BR-Ausgaben des Formates weiterproduzieren solle. Eine Begründung für das Canceln im NDR bleibe der Sender schuldig.
Vorgehen erinnert an DDR
Die ehemalige Vizepräsidentin im Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern und Landesvorsitzende des dortigen LandFrauenverbandes fühlte sich an ihre Vergangenheit erinnert: „Man hat den Eindruck, hier soll jemand weggelobt werden, obwohl man ihn lieber totgeschwiegen hätte. Das kenne ich noch aus dem Land, das vor 35 Jahren unterging.“
Müller zeigt sich einigermaßen fassungslos: „In den acht Jahren, die ich dem Rundfunkrat angehöre, ist der Vorgang beispiellos. Beispiellos ist der Versuch zu retten, was zu retten ist, bis in ,Tagesschau‘, ,Tagesthemen‘, ,NDRinfo‘ hinein.“
Einer Sendung, die im linearen Fernsehen auf einem 22-Uhr-Sendeplatz eher ein Nischendasein führe, komme plötzlich eine Bedeutung zu, die offenbare, was ein großer Teil der Bevölkerung denke. Wer dies benenne, werde von den eigenen Kollegen abgestraft, „wie man dem offenen Brief von 250 NDR-Mitarbeitern wohl entnehmen durfte, der dann allerdings nicht so offen war, dass man ihn als Mitglied des Rundfunkrates auch zu Gesicht bekam“.
Mit geballter Faust
Die Führungsspitze des Hauses habe es versäumt, Gremien rechtzeitig einzubeziehen. Zwar habe es im Programmausschuss am 16. September eine Befassung mit dem Thema gegeben, jedoch nicht öffentlich und nur mit einem Teil des Rundfunkrates. Manches Ratsmitglied, so vermutet Müller, habe sich bei der Staffelstabübergabe an den neuen Intendanten am 17. September wie sie selbst „mit geballter Faust in der Tasche“ gefragt, worüber geredet werde, als die Meinungsfreiheit immer wieder betont worden sei.
Rundfunkrat tagt
Am Freitag dieser Woche soll der Rundfunkrat über das Thema debattieren. Es werde viele Fragen geben, vermutet Müller und hofft auf deutliche Worte. Was sie nicht erwartet, ist eine Rücknahme der Entscheidung.
Bereits am 18. September sei die Nachfolgerin von Julia Ruhs bekannt gegeben worden, sodass es am Ende zwei Bauernopfer im NDR gebe: Julia Ruhs und leider auch Redakteur Thomas Berbner, der die Sendung zukünftig nicht mehr produzieren wird. Für den neuen Intendanten, der mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht wurde, wird der Start damit von einem kommunikativen Desaster ohnegleichen überschattet.
Rauswurf schlägt Wellen
Andrea Rahn-Farr ist Bäuerin in Hessen und Vorsitzende des Regionalbauernverbandes Wetterau/Frankfurt. Sie vertritt die Landwirtschaft im Fernsehrat des ZDF. Zum aktuellen Fall findet sie gegenüber dem Bauernblatt deutliche Worte:
„Der Rauswurf von Julia Ruhs beim NDR hat nicht nur bei der ARD große Wellen geschlagen. Der Vorgang wirft ein Schlaglicht auf die aktuelle Linksverschiebung im gesellschaftlichen Diskurs.“
Der Fall Ruhs stehe exemplarisch für den Verlust pluralistischer Debattenkultur, wenn konservative Stimmen zunehmend ausgeblendet würden. Rahn-Farr warnt: „Wer aber seine Meinung im ÖRR nicht repräsentiert sieht, verliert Vertrauen in die Neutralität der Berichterstattung und wendet sich ab. Damit erweist der NDR unserer Gesellschaft einen Bärendienst.“ Die Hessin betont: „Demokratie lebt vom Wettstreit der Argumente und nicht von Einseitigkeit.“
Entwicklung besorgt
Rahn-Farr, die im Fernsehrat Werner Schwarz nachfolgte, sieht die Entwicklung im ÖRR mit Sorge. „Sagen, was ist“, so formulierte „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein einst seinen Anspruch an die Medien – „können wir das noch? Wenn Moderatoren rausgemobbt oder – wie im Fall von Dunja Hayali (,ZDF heute‘) – an Leib und Leben bedroht werden, ist das in beiden Fällen inakzeptabel und es gefährdet die Meinungs- und die Pressefreiheit“.
Für Julia Ruhs wird nun Tanit Koch die NDR-Sendungen moderieren. Koch war Chefredakteurin der „Bild“, später bei n-tv sowie RTL tätig. 2021 leitete Koch die Wahlkampfkommunikation des CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet.
Also alles neu? Beim NDR selbst bleibt aus Sicht Außenstehender weiter vieles im Unklaren.



