Die Weidehaltung rückt in der Milchproduktion aus unterschiedlichen Gründen wieder stärker in den Fokus des Interesses. Die Narbenqualität der intensiv geführten Weide ist dabei von zentraler Bedeutung für die Leistungsfähigkeit und Nachhaltigkeit von Weidesystemen in der Milchviehhaltung. Sie beschreibt die Dichte, Zusammensetzung und Vitalität der Grasnarbe und steht damit in direktem Zusammenhang mit dem Futterertrag und der Futterqualität. Eine intakte Grasnarbe sichert nicht nur eine effiziente Weidenutzung, sondern auch die Tiergesundheit und den wirtschaftlichen Erfolg.
Kennzeichnend für eine gute Narbenqualität ist ein Anteil an wertvollen Futtergräsern von über 80 %. Hier sind bezüglich der Weide das Deutsche Weidelgras und die Wiesenrispe hervorzuheben, weil sie aufgrund ihres hohen Futterwertes und ihrer guten Narbenbildung besonders geeignet sind. Außerdem sind sie im Gegensatz zu vielen anderen Grasarten gut an regelmäßigen intensiven Verbiss angepasst.
Zusammensetzung der Narbe
Unterschiede gibt es in der Jugendentwicklung der beiden Gräser. Das Deutsche Weidelgras keimt und läuft schnell auf. Im Gegensatz dazu weist die Wiesenrispe eine sehr langsame Jugendentwicklung auf, hier kann der Nachsaaterfolg durchaus erst nach Jahren sichtbar werden. Diploide Weidelgrassorten sind gegenüber den tetraploiden hinsichtlich der Fähigkeit zur Narbenbildung im Vorteil. Ergänzt wird der ideale Weideaufwuchs durch 10 bis 15 % Leguminosen und 5 bis 10 % Kräuter. Die jeweiligen Anteile können entsprechend der Nutzungsintensität variieren. Der Weißklee weist unter den Leguminosen aufgrund seiner Anpassung an den Verbiss und seine Fähigkeit zur Narbenbildung mit Abstand die beste Weideeignung auf. Insbesondere auf Ökobetrieben werden auch höhere Weißkleeanteile als 15 % angestrebt. Jedoch sollte der Kleeanteil nicht über 30 % liegen, weil das Blährisiko sonst deutlich ansteigt.
Weitere Grasarten kommen für den Weideeinsatz nur bedingt unter besonderen Standortbedingungen infrage. Das Wiesenlieschgras ist schmackhaft und besitzt eine hohe Ausdauer. Im Vergleich zum Deutschen Weidelgras ist es jedoch deutlich trittempfindlicher und regeneriert langsamer. Ähnliches gilt für das Knaulgras, das ein Spezialist für trockene Standorte ist. Zudem verholzen die Pflanzenstängel des Knaulgrases relativ schnell, wodurch seine Schmackhaftigkeit früher als bei anderen Grasarten abnimmt. Daher ist hier gegebenenfalls eine frühe Nutzung anzustreben. Späte und niedrig wachsende Knaulgrassorten sind für Weidezwecke besser geeignet. Als weitere weidefähige Grasart ist der Wiesenschwingel zu nennen, da er schmackhaft, langlebig und ertragreich ist. Im Gegensatz dazu sind der Rot- und der Rohrschwingel grundsätzlich wenig weidegeeignet. Allerdings können sie Vorteile bei der Besiedlung schwieriger Standorte haben. Die Stärke des Rotschwingels liegt in der Bildung von Ausläufern, die gut mit Extremstandorten zurechtkommen. Ansonsten ist der Einsatz wegen seines niedrigen Futterwertes aber begrenzt. Aufgrund seiner Eignung für sowohl nasse als auch trockene Standorte ist der Rohrschwingel in Anbetracht des Klimawandels von großem pflanzenbaulichen Interesse. Bei älteren Sorten sorgten kleine Widerhaken an den Blatträndern für raue, grobe Blätter, die die verminderte Schmackhaftigkeit des Rohrschwingels begründen. Diese Problematik wurde in den letzten Jahren züchterisch bearbeitet und es wurden sogenannte sanftblättrige Rohrschwingelsorten entwickelt, deren Schmackhaftigkeit sich deutlich verbessert hat. Die in diesem Abschnitt aufgeführten Grasarten sind nur begrenzt für intensive Weidesysteme geeignet und in entsprechenden Gräsermischungen daher höchstens zu geringen Anteilen enthalten. Sie finden ihren Einsatz eher auf Standorten mit besonderen Anforderungen oder in kombinierten Systemen wie Mähweiden.
Was macht eine gute Weidenarbe aus?
Wenn ein Pflanzenbestand in der angestrebten Zusammensetzung auf der Weide etabliert ist, sorgt dies durch eine gute Bodenbedeckung für einen geringen Lückenanteil von deutlich unter 10 %. Ein gleichmäßiger und dichter Bewuchs verhindert zudem das Eindringen unerwünschter Gräser und Kräuter und die Wurzelmasse des Pflanzenbestandes gewährleistet eine gute Trittfestigkeit. Außerdem werden Futterverschmutzungen minimiert. Ein geeigneter Indikator für die Narbenqualität ist die Triebdichte. Während diese in schnittgenutzten Pflanzenbeständen in einer Größenordnung von 8.000 bis 12.000 Trieben je Quadratmeter liegt, kann sie auf intensiv beweideten Flächen über 30.000 Triebe erreichen. Weidegras sollte bevorzugt im Dreiblattstadium genutzt werden. Dies gilt als optimales Pflanzenstadium für eine intensive Beweidung. Dadurch werden selektives Fressen der Tiere bei überaltertem Pflanzenbestand und Futtermangel bei zu niedrigem Bewuchs verhindert. Ein Vorteil des niedrigen Pflanzenbestandes auf Intensivweiden ist der erhöhte Lichteinfall am Triebgrund der Graspflanzen. Hierdurch wird eine vermehrte Bildung von Seitentrieben im Vergleich zur Schnittnutzung ausgelöst und die Narbenbildung gefördert. Zudem birgt ein kurz geführter Pflanzenbestand auf der Weide einen wesentlichen weiteren Vorteil: Er gewährleistet die kontinuierliche Versorgung der Tiere mit hochverdaulichem, protein- und energiereichen Futter.
Die Entwicklung der Pflanzenbestände und damit auch der Narbendichte auf der Weide wird maßgeblich durch die Nutzungsform beeinflusst. Folglich stellt das Weidesystem einen zentralen Faktor dar. Wenn es um die Beweidung arrondierter Flächen in Hofnähe zur Milchproduktion geht, gibt es eine Vielzahl an möglichen Abstufungen von Jogging- bis Vollweide in Abhängigkeit von den betriebsindividuellen Gegebenheiten. Auf der Joggingweide können Kühe ihrem Bedürfnis nach Bewegung unter natürlichen Lichtverhältnissen nachkommen, aber eine Futteraufnahme findet hier nicht in nennenswertem Umfang statt. Umtriebs- und Portionsweiden ermöglichen durch Ruhephasen für die einzelnen Flächen eine bessere Regeneration des Pflanzenbestandes und damit folglich auch höhere Aufwuchsqualitäten. Allerdings können hier die den Tieren zugeteilten Futterqualitäten schwanken, wenn der Pflanzenbestand bei Zuweisung neuer Flächen beziehungsweise Portionen unterschiedlich alt ist. Die Kurzrasenweide als Form der Standweide mit einer rasenähnlichen, niedrigen Grasnarbe ermöglicht die Bereitstellung von Grünfutter in konstanter Qualität über nahezu die gesamte Vegetationsphase. Hier ist es wichtig, das Management auf die Aufwuchsleistung abzustimmen, also die Tierzahl oder die Flächengröße anzupassen. Sonst droht die Gefahr, dass die Aufwuchsqualität durch Unter- oder Überweidung reduziert wird. Diese kurze Beschreibung dient der Einordnung der wichtigsten intensiven Weidesysteme aus pflanzenbaulicher Sicht; in Bezug auf Tiergesundheit, Arbeitsaufwand, Management oder Flächenbedarf unterscheiden sich die Systeme ebenfalls.
Narbenschäden vorbeugen
Trotz aller Bemühungen um eine gepflegte Weidenarbe kann die Narbenqualität bei intensiver Weidenutzung in der Praxis schnell in Mitleidenschaft gezogen werden. Überweidung, ungenügende Nachsaat oder unpassende Trittbelastungen können zu Lücken, Bodenverdichtung und einer Vermehrung unerwünschter Arten wie der Gemeinen Rispe oder des Stumpfblättrigen Ampfers führen. Langfristig können dadurch Ertrag und Futterqualität reduziert werden.
Zur Förderung der Narbenqualität sind verschiedene Maßnahmen möglich. Zunächst gilt es, die optimale Aufwuchshöhe zu beachten. Sie kann mit einfachen Hilfsmittel wie einem Zollstock gemessen werden. Aber auch die Bestimmung mit technischen Hilfsmitteln ist möglich, sodass die Daten direkt für die Anwendung in einem Weidemanagementprogramm zur Verfügung stehen. Ideal ist beim Auftrieb eine Wuchshöhe von 10 bis 15 cm, damit die Pflanzen nicht überaltert sind und gut gefressen werden. Umgekehrt sollte nicht tiefer als 6 cm beweidet werden, weil die Pflanzen sonst zu tief verbissen werden. Wenn Letzteres häufiger passiert, ist das Regenerationsvermögen der Pflanzen durch die wiederkehrenden Stressereignisse vermindert. Die reduzierte Widerstandsfähigkeit der Futterpflanzen bewirkt dann, dass unerwünschte Pflanzen leichter im Bestand Fuß fassen können. Daher müssen bei intensiver Weidenutzung Weidepausen eingehalten werden, damit sich gute Gräser und Kräuter regenerieren können und nicht aus der Narbe verdrängt werden. Die Dauer der benötigten Weidepause ist dabei von dem Weidesystem und den Wachstumsbedingungen abhängig. Zwar vermehren sich das Deutsche Weidelgras und die Wiesenrispe auch vegetativ über Seitentriebe, aber je niedriger die Grasnarbe eingestellt ist, desto weniger Ähren bilden die Gräser aus. Daher sollte eine regelmäßige Nachsaat nicht vernachlässigt werden. Die Bedeutung der Nachsaat wird durch folgende Zahlen unterstrichen: Auf intensiv geführten Weiden bilden bei einer Wuchshöhe von 6 cm 31 % der Triebe Ähren aus, bei einer Wuchshöhe von 12 cm sind es 60 %. Weitere Pflegemaßnahmen wie Schleppen, Striegeln oder Walzen sollten ebenfalls bei geeigneten Bedingungen durchgeführt werden. Außerdem sind Bodenverdichtungen unbedingt zu vermeiden. Dafür sind die Schonung der Weide bei Nässe, die Befestigung der Tränken und das Anlegen von Treibewegen hilfreich. Eine weitere Form von Pflegemaßnahme stellt die Vorweide zu Saisonbeginn dar. Hierbei beweiden die Kühe großflächig und nur stundenweise vor den üblichen Pflegemaßnahmen die Weideflächen. Dadurch werden früh schossende Gräser zurückgedrängt und die Bestockung der Pflanzen angeregt. In der Regel bilden sich in intensiven Weidesystemen kaum Geilstellen. Passiert dies trotzdem, sollten sie vor dem Aussamen der unerwünschten Pflanzen gemulcht oder gemäht werden. Ferner ist die Tierzahl oder die Flächengröße entsprechend anzupassen.
Fazit
Eine hochwertige und dichte Grasnarbe ist die Grundlage für nachhaltige und leistungsstarke Weidesysteme in der Milchviehhaltung. Entscheidend sind dabei eine angepasste Gräsermischung, ein durchdachtes Weidemanagement sowie regelmäßige Pflegemaßnahmen wie Nachsaat und Weidepausen. Nur so lassen sich Futterqualität, Tiergesundheit und Ertrag langfristig sichern.




