Die Lage in der Ukraine hat sich seit der russischen Invasion am 23. Februar 2022 dramatisch verschlechtert. Der ukrainische Agrarjournalist und Branchenexperte Iurii Mykhailov sprach mit Dr. Katharina Seuser, Agrarjournalistin und Professorin für Technikjournalismus, über die Situation in der Ukraine und die Folgen für Menschen und Landwirtschaft.
Dr. Katharina Seuser: Wie geht es den Menschen in Kiew, und wie sieht ihr tägliches Leben aus?
Iurii Mykhailov: Momentan ist Kiew wohl die sicherste Stadt in der Ukraine – wir werden von einem mehrschichtigen Raketenabwehrsystem geschützt. Die ganze Ukraine ist ständig von Angriffen betroffen, von West nach Ost, aber in anderen Städten gibt es keine so gute Verteidigung wie in Kiew. Die Menschen sind überall kriegsmüde, auch in Kiew. Viele Bürger reagieren nicht mehr auf Alarme, sie gehen ihrem Alltag nach. Das liegt auch am Mangel an Schutzräumen und der schlechten Ausstattung. In Kiew dienen vor allem unterirdische Straßenübergänge und U-Bahn-Stationen als Schutzräume. Sie haben nur eine begrenzte Kapazität – das U-Bahn-System ist nicht so gut ausgebaut wie in Berlin, London oder Paris – und es gibt keine Sitzplätze, keine Toiletten, kein Wasser. Es ist windig und im Winter wird die Situation noch schlimmer.
Putins Strategie zielt darauf ab, die Energie-Infrastruktur zu zerstören, um den Widerstand der ukrainischen Zivilbevölkerung zu brechen. Hast du Angst vor dem nächsten Winter?
Ja, habe ich. Der Winter wird die Lage noch ernster machen als sie bereits ist. Die Russen haben alle Kohle- und Gaskraftwerke zerstört, der Strom kommt jetzt hauptsächlich aus Atomkraftwerken, und die liefern nicht die benötigte Energie. Wir müssen mit täglichen Stromausfällen von mehreren Stunden rechnen. Die ukrainischen Behörden warnen, dass sie im kommenden Winter bis zu 20 Stunden täglich dauern könnten.
Besonders betroffen sind die Bewohner von mehrstöckigen Häusern: Aufzüge und Elektroherde funktionieren nicht, in den oberen Stockwerken gibt es keine Wasserversorgung, keine Elektroheizung, und das wird insbesondere die Situation älterer Menschen und von Frauen mit kleinen Kindern noch verschlimmern.
Die Lage ist für die Zivilbevölkerung schrecklich – wie ist sie für Landwirtinnen und Landwirte?
Das größte Problem ist die Verseuchung landwirtschaftlicher Flächen mit Minen. Es gibt Berechnungen, dass die Minenräumung mehrere Hundert Jahre dauern wird. Nach Angaben des Pressezentrums des ukrainischen Parlaments sind seit Beginn der groß angelegten russischen Invasion 128 ukrainische Bauern durch Sprengsätze wie Minen gestorben. Das zweitgrößte Problem ist der Mangel an Arbeitskräften in der Landwirtschaft. Viele Männer arbeiten als Soldaten und viele Frauen mit Kindern haben die Ukraine verlassen. Auch deshalb versuchen Agrarunternehmen heute, weibliche Mitarbeiter anzuwerben. Und natürlich gibt es eine riesige Menge beschädigter und zerstörter landwirtschaftlicher Maschinen.
Wie ist die Situation von Agrarjournalistinnen und Agrarjournalisten?
Die Lage der Agrarjournalisten ist sehr schlecht, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Die Einnahmen aus Anzeigen für die Agrarmedien sind stark zurückgegangen. Die meisten Medienhäuser haben die Produktion von Printmedien eingestellt und die Zahl ihrer Mitarbeiter reduziert. Sie veröffentlichen nur noch online.
Seit Kriegsbeginn wurden mehr als 230 Medienhäuser geschlossen. Ein Beispiel ist die Zeitung „День“ („Der Tag“), ein anderes die Poltawer Regionalzeitung „Козельщинські вісті“ („Die Koselschtschyna-Nachrichten“). Die Agrarmedien „AgroNik“, „Аналітичне Агентство Agriculture“ („Analyseagentur Landwirtschaft“), „Висник фермер України“ („Ukrainischer Bauernherold“), „Село полтавське“ („Das Dorf Poltawa“) und „Агросвіт“ („Die Welt der Landwirtschaft“) wurden eingestellt.
Auch die Medien sind vom Fachkräftemangel betroffen, wie andere Unternehmen und die Landwirtschaft. Journalisten arbeiten großteils aus der Ferne, die Stromausfälle beeinträchtigen ihre Arbeit.
Welche Hoffnung hast du, und was denkst du über Friedensverhandlungen?
Wenn dieser Ermüdungskrieg noch lange anhält, wird die Ukraine kapitulieren, denn die russische Wirtschaft ist stärker als unsere und die russische Bevölkerung ist vierbis fünfmal so groß. (Anmerkung Mykhailov vom 14. Oktober: Neuste Nachrichten haben nordkoreanische Truppen in der Ukraine gemeldet.) Deshalb verlangt die Ukraine mehr Waffen und die Erlaubnis, diese auch auf russischem Territorium einzusetzen. Meiner Meinung nach kann nur militärische Stärke die russische Aggression stoppen. Ich denke, dass ein auf Verhandlungen basierender Frieden nicht lange halten wird.
Russland hat bereits fünf ukrainische Regionen in seine Verfassung aufgenommen, von denen nur eine, nämlich die Krim, vollständig von Russland besetzt ist. Selbst wenn es heute eine Einigung gäbe, würde Russland in Zukunft darauf bestehen, dass diese Regionen Teil des eigenen Territoriums sind. Fragen: Dr. Katharina Seuser




