Mutterkühe verwerten für uns Menschen nicht essbare Biomasse und können dazu beitragen, dass artenreiches und wertvolles Grünland nachhaltig erhalten und wirtschaftlich genutzt werden kann. Durch die hohe Anpassungsfähigkeit an Umwelt, Witterung und ihre außerordentliche Raufuttereffizienz gelten Mutterkühe als besonders robust. Tierhalter sind gesetzlich dazu verpflichtet, eine systematische und kontinuierliche Kontrolle der Tiere und ihrer Haltungsumwelt zu gewährleisten.
Die betriebliche Eigenkontrolle ist verpflichtend. Im Tierschutzgesetz (TierSchG) § 11 Absatz 8 sind die Grundlagen der Bestimmungen verankert. Die Eigenkontrolle soll die vorgeschriebenen täglichen Tierkontrollen ergänzen. Sie bietet die Chance, die polarisierende gesellschaftliche Diskussion über das Tierwohl in der Nutztierhaltung sachlich zu bereichern – insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Mutterkuhhaltung in der Bevölkerung bereits ein hohes gesellschaftliches Ansehen genießt.
Welche Ansprüche an die tiergerechte Mutterkuhhaltung erfüllt werden müssen und anhand welcher relevanten Indikatoren das Tierwohl einzuschätzen ist, soll in den folgenden Abschnitten erläutert werden. Grundsätzlich wird hierbei zwischen tierbezogenen Indikatoren, zum Beispiel Körperkondition und Bewegungsbild, und managementbezogenen Indikatoren wie Tränkemanagement und Gesundheitsmonitoring unterschieden.
Tierbezogene Indikatoren
Abhängig von der Rinderrasse, dem Betriebsstandort und weiteren individuellen Gegebenheiten helfen tierbezogene Indikatoren bei der Beurteilung der Herdengesundheit und Leistungsbereitschaft.
Körperkondition
Insbesondere bei einer ganzjährigen Weidehaltung muss die Energieversorgung der Tiere sichergestellt werden. Die Betrachtung der Körperkondition in Abhängigkeit vom Alter und dem Leistungsstatus der Tiere gibt oft verlässliche Rückschlüsse auf ihre Versorgung. Die Beurteilung der Körperkondition sollte grundsätzlich zu festen Zeiten stattfinden. So kann eine Einordnung beispielsweise zum Zeitpunkt des Absetzens der Kälber, zur Besamung und zur Kalbung stattfinden. Sind die Tiere zur Kalbesaison überkonditioniert, können Probleme im Kalbeverlauf die Folge sein. Zum Zeitpunkt des Absetzens der Kälber sollte der Körpersubstanzverlust, der nach dem Kalben eingetreten ist, wieder ausgeglichen sein. Die Benotung der Körperkondition (nach Richards et al., 1986) erstreckt sich über fünf Noten von 1 = stark unterernährt bis zu 5 = stark überfüttert. Bei den meisten Mutterkühen schwanken die Körperkonditionsnoten im Verlauf des Jahres zwischen 2,5 und 3,5.
Die Konditionsbeurteilung wird am Hüftbeinhöcker, Sitzbeinhöcker, an den Querfortsätzen der Lendenwirbel, am Schwanzansatz und an den Rippen visuell oder manuell tastend vorgenommen. Zur Beurteilung der tagesaktuellen Futteraufnahme dient die Pansenfüllung als aussagekräftiger Indikator.
Bewegungsapparat
Jedes einzelne Tier sollte seitlich im Gang beobachtet werden. Die Dokumentation der Beurteilung richtet sich nach dem Locomotion Scoring nach Sprecher et al. (1997) und wird ebenfalls mit fünf Noten bewertet.
Eine lahmfreie Kuh mit der Bewegungsnote 1 hat einen flüssigen, raumgreifenden Schritt, einen geraden Rücken und einen erhobenen Kopf.
Mittelgradig lahm ist das Tier mit der Bewegungsnote 4. Es hat einen gekrümmten Rücken und eine deutlich verkürzte und unregelmäßige Schrittlänge. Es zeigt außerdem eine deutliche Schonung einer oder mehrerer Gliedmaßen und ein Kopfnicken.
Dokumentation schlägt Intuition
Eine regelmäßige Dokumentation tierbezogener Indikatoren schlägt die rein intuitive Wahrnehmung, weil sie Bauchgefühl in messbare Fakten verwandelt. Eine schriftliche Erfassung macht schleichende Veränderungen im Bestand frühzeitig sichtbar. Sie dient im Management als verlässliche Entscheidungsgrundlage, sichert die Objektivität und ermöglicht eine präzise Erfolgskontrolle von Maßnahmen wie einem veränderten Weidemanagement oder einer Änderung der Klauenpflegeroutine.
Hitzestress bei Mutterkühen
Während extremer Hitzeperioden zeigen die Tiere Verhaltensweisen, die als Indikatoren Rückschlüsse auf das Anpassungsvermögen möglich machen. An sehr heißen Tagen sollte eine visuelle Bewertung der Atmungsfrequenz erfolgen. Diese kann mithilfe des Panting-Scores (Score 0-4,5; nach Mader et al., 2016) eingeordnet werden. Bei einer Atemfrequenz von unter 60 Atemzügen pro Minute (Score 0) besteht kein Hitzestress und somit kein gesonderter Handlungsbedarf. Bei 90 bis 120 Atemzügen pro Minute mit zusätzlichem Speichelfluss und gelegentlicher Maulatmung (Score 2,5) sollte zusätzlich kühles Trinkwasser angeboten werden.
Kältestress bei Mutterkühen
Im Winter dient das Haarkleid als Indikator dafür, wie gut oder weniger gut sich die Tiere an sinkende Temperaturen anpassen können. Die Beurteilung sollte zu Beginn des Winters im November stattfinden. Das Winterhaarkleid sollte bei 60 % der Herde auf einem überwiegenden oder vollständigen Anteil des Körpers ausgebildet sein.
Vorgaben beim Witterungsschutz
Die rechtliche Grundlage in der Mutterkuhhaltung bildet die Tierschutznutztierverordung. Bezüglich des Witterungsschutzes für Mutterkühe werden im Merkblatt der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT, Merkblatt 85, 2006) Empfehlungen ausgesprochen, die jedoch nicht rechtlich bindend sind.
Managementbezogene Indikatoren
Managementbezogene Indikatoren beschreiben alle vom Tierhalter gesteuerten Maßnahmen, Kontrollen sowie Dokumentationspflichten, die die Herdengesundheit sichern. Sie ergeben sich im Gegensatz zu tierbezogenen Merkmalen aus den betrieblichen Abläufen.
Wasserverfügbarkeit (Dokumentation und Kontrolle):
• festgelegte tägliche Kontroll- und Reinigungsintervalle der Tränken auf der Weide
• Managementprotokoll zur Messung der Durchflussrate (mindestens 10-15 l/min in Trogtränken), um Engpässe bei Hitze zu verhindern
Futterverfügbarkeit (Weide- und Rationsmanagement):
• Frequenz der systematischen Beurteilung des Ernährungszustandes (Body-Condition-Score – BCS) in kritischen Phasen wie Absetzen oder Abkalbung, um Unterversorgung frühzeitig auszugleichen
• vorausschauende Weideplanung (Besatzdichte und Rotationsintervalle), die eine Mindestaufwuchshöhe des Grases garantiert
Schatten (Hitzeschutzmanagement):
• Erstellung eines Hitzestress-Notfallplans, der festlegt, ab welchem Temperatur-Feuchtigkeits-Index (THI) zusätzliche Beschattungsflächen oder der Zugang zu Waldstücken bereitgestellt werden müssen
• dokumentierte Prüfung der nutzbaren Schattenfläche pro Tier im Hochsommer (Richtwert: zirka 3 bis 4 m² Schattenplatz pro Kuh)
Kälteschutz (Witterungs- und Kältemanagement):
• festgelegtes Kontrollschema für Windschutzwände und die Trockenheit der Liegeflächen (Einstreumanagement) bei der ganzjährigen Außenhaltung im Winter
Fazit
Mutterkühe leisten durch ihre Robustheit und Raufuttereffizienz einen wertvollen Beitrag zur nachhaltigen Pflege und Nutzung von Grünland. Zur Erhaltung der Tiergesundheit müssen gesetzliche Vorgaben zur Eigenkontrolle (§ 11 Absatz 8 TierSchG) erfüllt werden. Eine systematische Überwachung des Tierwohls ist dabei unerlässlich. Die Beurteilung erfolgt über eine Kombination aus management- und tierbezogenen Indikatoren – wie die Körperkondition –, die stets im Kontext der jeweiligen Rasse und der betriebsindividuellen Standortbedingungen betrachtet werden müssen.




