„Früher war alles besser“, wer kennt diesen Ausspruch meist älterer Mitmenschen nicht? Nicht alles war besser, aber vieles war anders, besonders im ländlichen Raum und in den Dörfern. Das Dorfleben war geprägt vom familiären Zusammenleben und von Zusammenhalt, von einer aktiven Gemeinschaft, ehrenamtlichem Engagement und davon, füreinander da zu sein.
Zumindest in fast jedem größeren Dorf gab es Einkaufsmöglichkeiten in kleinen Läden, Schlachtereien, Gasthöfe, Bäcker, Post, Kindergärten, Schulen, Handwerksbetriebe, Arztpraxen – Einrichtungen, die eine Versorgung mit den wichtigsten Dingen des Lebens gewährleisteten und Treffpunkte für einen Austausch und geselliges Beisammensein boten. Ehrenamt war Ehrensache – Freiwillige Feuerwehren, Gemeinderäte und Vereine hatten keine Nachwuchssorgen und förderten ebenfalls ein gesellschaftliches Miteinander. Gleichzeitig gestalteten sie das Dorf und die Gemeinschaft.
Der demografische wie auch der gesellschaftliche Wandel haben diese einstigen Dorfgefüge aufgebrochen, verändert und zu neuen Strukturen angeordnet, nicht immer unbedingt zum Besseren. Die aktuellen Probleme sind bekannt – Betriebe geben auf, Gasthöfe und Läden schließen, Dienstleister und Nahversorger ziehen sich aus den Dörfern zurück, zentralisieren ihre Leistungen oder verlagern sie komplett ins Internet. Für Ehrenamt und Vereinskultur bleibt nur noch wenig Zeit, sich langfristig an Aufgaben oder Posten binden will oder kann kaum noch jemand. Gleichwohl ist die Bereitschaft, zu helfen oder sich zu engagieren, nach wie vor vorhanden. Familiäre Strukturen haben sich ebenfalls stark verändert. Das Wegbrechen der Angebote, der Nahversorgung, der sozialen Treffpunkte, der Anbindungen durch Bus und Bahn wirkt sich nachteilig auf Dorfgemeinschaften und das Miteinander aus. Besonders ältere Menschen geraten durch diese Veränderungen ins Hintertreffen. Die Vereinsamung nimmt zu. Das bestätigt eine vom schleswig-holsteinischen Sozialministerium veröffentlichte Studie des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität zu Lübeck aus dem vergangenen Jahr, wonach sich rund 33 % der älteren Menschen in Schleswig-Holstein einsam fühlen.
Hier setzen Dorfkümmerinnen und Dorfkümmerer an (siehe Seiten 54 bis 56). Sie können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, aber: „Sie schließen eine entstehende Versorgungslücke, indem sie Sorge- und Fürsorgearbeit koordinieren oder selbst übernehmen. Als verbindliche Anlaufstelle für Bürger stärken sie soziale Teilhabe, organisieren Unterstützung und bringen Menschen wieder zusammen. Je nach Schwerpunkt gestalten sie das Dorfleben integrativer, sichern alltägliche Versorgung und fördern Gemeinschaft. Damit leisten Dorfkümmerer nicht nur einen wichtigen Beitrag gegen Vereinsamung, sondern stärken auch Vertrauen in kommunale Strukturen und wirken demokratiefördernd“, erläutert Anne Jessen von der Koordinierungsstelle Dorfkümmerer-und-Dorfkümmerinnen-Netzwerk Schleswig-Holstein bei der Akademie für die ländlichen Räume Schleswig-Holsteins. Sie sind der Kitt, der das aufgebrochene Dorfgefüge wieder zusammenführt.
Sie übernehmen Aufaben, für die eigentlich die Politik zuständig wäre, die sie aber gern an Multiplikatoren wie die Dorfkümmerer und andere Engagierte abtritt. Immerhin wird das Engagement finanziell und ideell vom Land gefördert. Dass die Kümmerer als neue Form der Daseinsvorsorge im ländlichen Raum gebraucht werden, zeigen die steigende Nachfrage und die wachsende Zahl der Stellen in den Gemeinden. Das Bauernblatt möchte die Arbeit der Dorfkümmerer im Land mit einer Serie würdigen und exemplarisch einige von ihnen und ihre Aufgabenbereiche vorstellen. Diese Art der Sorgearbeit verdient eine angemessene gesellschaftliche Anerkennung.
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