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Kohlenstoffsenken im Wald als Einkommensalternative

Lehranstalt für Forstwirtschaft aktuell
Von Hans Jacobs, Landwirtschaftskammer SH
Der Wald als Kohlenstoffspeicher: zukünftig eine Einnahmequelle? Foto: Dr. Borris Welcker

Die Auswirkungen des Klimawandels werden von Jahr zu Jahr drastischer. Schäden durch Stürme, Überschwemmungen und Dürren nehmen zu, zudem wird es immer schwieriger, entsprechende präventive Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Einigkeit besteht heute, dass der Reduzierung von CO2-Emissionen und dem Binden von CO2 aus der Luft entscheidende Bedeutung zukommt.

Derzeit besteht sowohl auf europäischer wie auch auf deutscher Ebene für bestimmte Wirtschaftszweige die Verpflichtung, ihre Kohlenstoffemissionen durch den Erwerb von Zertifikaten zu kompensieren. Diese werden von der EU beziehungsweise der Bundesregierung ausgegeben und der Preis dafür staatlich festgelegt. Diese Regulierung betrifft auf EU-Ebene bestimmte Anlagen- und Luftverkehrsbetreiber. Auf nationaler Ebene sind Unternehmen der Energiewirtschaft betroffen. Alle übrigen Kohlenstoffemittenten sind bislang noch nicht verpflichtet, ihre Emissionen zu kompensieren.

Parallel dazu hat sich ein Markt sogenannter grauer Zertifikate etabliert, die für Projekte und Maßnahmen entwickelt wurden, die zur Speicherung von CO2 oder zur Reduktion von CO2-Emissionen beitragen. Eine Vielzahl privater Firmen bilanziert solche Projekte, berechnet die Kohlenstoffbilanz und generiert aus der Kohlenstoffbindung Zertifikate. Solche werden derzeit von Firmen nachgefragt, die damit im Rahmen des Marketings ihre Produkte oder Dienstleistungen als klimaneutral darstellen wollen. Da es sich hierbei ausschließlich um freiwillige Leistungen handelt, werden diese Zertifikate auch als „grau“ bezeichnet.

In den vergangenen Jahren haben sich mehrere Firmen auf den Wald als Kohlenstoffsenke fokussiert. Dabei unterscheidet man zwei grundlegende Konzepte: Bilanzierung oder Zertifikate für einzelne Maßnahmen, zum Beispiel Umbaukulturen nach Kalamitätsereignissen, oder alternativ die Bilanzierung auf Gesamtbetriebsebene. Aktuell ist der Markt für diese Zertifikate weitgehend unreguliert. Es gibt keine unabhängige Kontrolle, wie plausibel die Quantifizierung der Zertifikate und wie nachhaltig die Maßnahmen und damit die entstehenden CO2-Speicherungen tatsächlich sind.

Bedeutung des Waldes im Klimawandel

Bereits heute zeichnet sich ab, dass auch künftig die Emission von CO2 nicht in Gänze zu vermeiden sein wird. Daher richtet sich der Fokus auch auf Systeme, die Kohlenstoff aus der Luft absorbieren und speichern. Dabei kommt dem Wald eine besondere Bedeutung zu, da jeder Hektar Wald jährlich geschätzt 8 bis 10 t CO2 aufnimmt und in Form von Holz speichert. Neben diesem direkten „Waldspeicher“ wird Kohlenstoff auch dauerhaft in langlebigen Holzprodukten gebunden. Durch den Einsatz von Holz als Baustoff oder Brennstoff können andere energieintensive beziehungsweise fossile Brennstoffe ersetzt und so CO2-Emission vermieden werden.

Die große Bedeutung der Kohlenstoffsenke Wald in Verbindung mit den Möglichkeiten des Zertifikatehandels hat bei vielen Waldbesit­zenden die Frage aufkommen lassen, ob es nicht möglich ist, durch forstwirtschaftliche Maßnahmen die Kohlenstoffspeicherung ihrer Wälder noch zu steigern und diese Speicherleistung in Form von Zertifikaten auf den Markt zu bringen. Unter diesem Motto fand Ende Januar eine Tagung an der Lehranstalt für Forstwirtschaft in Bad Segeberg mit rund 50 Teilnehmern aus drei Bundesländern und Dänemark statt.

Einleitend beleuchtete Dr. Stefanie von Scheliha-Dawid (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft) die nationalen und EU-rechtlichen Rahmenbedingungen. Auf der UN-Klimakonferenz in Paris im Dezember 2015 einigten sich 197 Staaten auf ein neues, globales Klimaschutzabkommen. Die Staaten setzen sich das Ziel, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf „deutlich unter“ 2 K zu begrenzen mit Anstrengungen für eine Beschränkung auf 1,5 K. Darauf aufbauend hat die Europäische Union in ihrem Klimazielplan für 2030 beschlossen, die Reduzierung der Emission von Treibhausgasen (THG) bis 2030 auf 55 % anzuheben (fit for 55) und bis 2050 eine Treibhausgasneutralität zu erreichen.

Mit dem EU-Klimazielplan und dem Bundesklimaschutzgesetz wurden Einsparpotenziale für die einzelnen Wirtschaftszweige formuliert. Land- und Forstwirtschaft (LULUCF) spielen dabei eine entscheidende Rolle, weil ihnen eine Senkenfunktion zukommt. Das heißt, in der Land- und Forstwirtschaft sollen langfristig erhebliche Kohlenstoffmengen gespeichert und somit nicht vermeidbare Emissionen an anderer Stelle ausgeglichen werden.

Für die Datenerhebung erstellt jeder Mitgliedstaat jährlich ein Emissionsinventar für Treibhausgase, enthalten darin auch die jährliche Speicherleistung der nationalen Wälder. Das Thünen-Institut hat für 2017 errechnet, dass die deutschen Wälder jährlich 62 Mio. t CO2-Äquivalente speichern. Dazu kommen noch etwa 2 Mio. t durch den dauerhaften Verbau von Holz (Speicherung in Holzprodukten). Die Substitution fossiler Brennstoffe und energieintensiver Baustoffe durch die Verwendung von Holz verringert die CO2-Emissionen um weitere 28 Mio. t.

Anhand von Modellkalkulationen stellte die Referentin dar, dass die tatsächliche Entwicklung der Kohlenstoffspeicherung im LULUCF-Bereich deutlich von den gesetzten Zielen abweichen könnte. Es ist davon auszugehen, dass anstatt der gesetzlichen Forderung, in diesem Bereich bis 2040 eine Netto-Speicherleistung von 35 Mio. t CO2-Äquivalenten zu erreichen, die Land- und Forstwirtschaft dauerhaft eine Kohlenstoffquelle bleiben wird, denn die deutschen Wälder werden immer älter, Vorräte steigen nicht mehr an, sondern werden abgebaut und reduzieren so das Speicherpotenzial. Hier spielen auch die teilweise immensen Kalamitätsschäden der vergangenen Jahre eine erhebliche Rolle.

Die Speicherleistung der deutschen Wälder wird bereits in der nationalen Klimabilanz erfasst, sodass keine Möglichkeit besteht, Zertifikate aus Waldprojekten für die Kompensation von unternehmenseigenen Emissionen zu nutzen, da es damit zu einer Doppelzählung kommen würde (double claiming). Auf der anderen Seite verpflichtet eine neue EU-Direktive (Corporate Sustainability Reporting Directive, CSRD) zukünftig große Unternehmen dazu, einen Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen. Dieser wird dem im Rahmen der Unternehmensbilanz vorzulegenden Lagebericht gleichgestellt.

In diesem Bericht hat das Unternehmen darzustellen, wie es das 1,5-K-Ziel zu erreichen gedenkt. Neben einer Bilanzierung der derzeitigen CO2-Emissionen sind Vermeidungs- und Minderungspotenziale aufzuzeigen. Für den Rest der nicht zu vermeidenden Emissionen sind wertentsprechende Projekte der Kohlenstoffspeicherung zu unterstützen beziehungsweise zu entwickeln. Die Umsetzung dieser Direktive wirft aktuell noch sehr viele Fragen auf, zumal die Umsetzung erst ab 2025 gilt. Trotzdem besteht nach Ansicht von Scheliha-Dawids die Möglichkeit, dass Projekte zur Erhöhung der Kohlenstoffspeicherung im Wald durchaus von Interesse sein könnten.

Dr. Stefanie von Scheliha-Dawid Foto: Hans Jacobs

Zwei Initiativen der EU

Von Scheliha-Dawid berichtete zudem von zwei EU-Initiativen. Beiden geht es darum, Mindeststandards festzulegen und vergleichbar zu machen. Beim Carbon Removal Certfication Framework (CRCF) geht es darum, wie die unterschiedlichen Zertifikate für die Kohlenstoffspeicherung inhaltlich so aufgestellt werden können, dass sie vergleichbar und in ihrer Nachhaltigkeit, Langfristigkeit und den Inhalten ihrer Standards vergleichbar und vor allem nachvollziehbar werden. Bei der Initiative Green Claims sollen die europaweit existierenden etwa 230 Nachhaltigkeitssiegel mit Mindeststandards versehen und vergleichbar gemacht werden. Beide Initiativen dienen dem Ziel, den Vorwurf des Greenwashing im Zusammenhang mit dem freiwilligen Zertifikatehandel auf dem Kohlenstoffmarkt zu entkräften. Inwieweit die derzeit auf dem Markt etablierten Zertifikatefirmen diesen Anforderungen bereits nachkommen, lässt sich noch nicht mit Sicherheit abschätzen.

WALD-Initiative der KfW

Nachdem die Rahmenbedingungen sowie aktuellen politischen Zielsetzungen und Herausforderungen vorgestellt waren, warf Martin Schröder von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) einen Blick auf aktuelle Möglichkeiten des privatwirtschaftlichen Engagements. Es sei absehbar, so Schröder, dass weder die notwendige Rückführung der Treibhausgasemissionen noch die notwendigen Maßnahmen zur Wiederherstellung der Biodiversität allein durch staatlich gelenkte Maßnahmen möglich sei. Um ergänzend privatwirtschaftliche Initiativen zu aktivieren, wurde von der KfW die WALD-Initiative entwickelt (Weltweite Allianz für landschaftsbasierte Decarbonisierung). Diese besteht aus vier Komponenten, von denen zwei national und zwei global adressiert sind:

– WALD Klimapatenschaft

liegt derzeit lediglich im Konzept vor und beabsichtigt, private Investoren anzusprechen, die in Biodiversitäts- oder Decarbonisierungsprojekte von Agrar- und Forstbetrieben investieren wollen.

– WALD klimafreundliches Bauen

ist ein Förderprogramm zur Finanzierung von Neubauten, deren CO2-Emissionen über den gesamten Lebenszyklus hinweg minimiert werden.

– WALD Carbon Impact Fund

ist ein Fonds und soll in Schwellen- und Entwicklungsländern Projekte ermöglichen, die durch vermehrte Kohlenstoffspeicherung entsprechende Zertifikate generieren und sich durch deren Vermarktung tragen.

– WALD Innovation Facility

Ziel ist es, einen globalen Wettbewerb zu neuartigen Projekten im Themenkomplex Biodiversität und CO2-Markt zu etablieren und die besten Projekte finanziell zu unterstützen.

Vor allem die WALD-Klimapatenschaften könnten für hiesige Waldbesitzende zukünftig von Interesse sein, wenn es darum geht, eine Plattform für die Finanzierung entsprechender Projekte zu nutzen. Neben der direkten Finanzierung ist daran gedacht, eine Art Marktplatz für Ökosystemleistungen zu schaffen. Schröder führte aus, dass global betrachtet sich der Umsatz an freiwilligen CO2-Zertifikaten im vergangenen Jahr nicht gesteigert habe, wohl aber der Preis.

Firmen haben Interesse an Zertifikaten

Auditorium in der Aula der Landwirtschaftsschule Foto: Dr. Jörg Hittenbeck

Zunehmend komme es bei der Generierung von Zertifikaten auf belastbare Konzepte mit nachhaltigen und langfristigen Erfolgen in der Decarbonisierung an. In einer Studie zu freiwilligen Zertifikaten mit insgesamt 134 Unternehmen aller Branchen und Größen (von kleinen und mittleren bis zu DAX-notierten Unternehmen) waren bislang nur 15 % der befragten Unternehmen auf dem freiwilligen Kohlenstoffmarkt aktiv. Weitere 23 % planen, daran teilzunehmen. Mehr als 50 % der Unternehmen sind nicht interessiert.

Ein interessantes Ergebnis der Studie zeigt die Bevorzugung der Erneuerbaren Energien. 85 % der auf dem Markt aktiven Unternehmen wollen in Erneuerbare Energien investieren und nur 50 % in Waldprojekte. Ebenfalls interessant erscheint, dass der Preis der Zertifikate anscheinend eine untergeordnete Rolle spielt. So ist die Zahlungsbereitschaft bei Neueinsteigern mit im Mittel 30 €/t geringer als bei bereits tätigen Unternehmen. Diese sind auch bereit, Preise über 40 € /t zu akzeptieren. 40 % der befragten Unternehmen würden Zertifikate aus Deutschland wegen des hohen Maßes an Verlässlichkeit sowie der Transparenz der Maßnahmen kaufen.

Der dritte Vortragende Dr. Klaus Thoms von der IHK zu Kiel, beleuchtete die Vielzahl der für die hiesigen Unternehmen relevanten Rechtsakte auf EU-Ebene. Er berichtete ausführlicher über die CSRD und die Taxonomie-Verordnung, die die Grundlage für die Nachhaltigkeitsberichterstattung bildet. In Summe, so sein Fazit, stiegen die Anforderungen an die Unternehmen erheblich, was die Berichtspflichten und die Notwendigkeit entsprechender Maßnahmen im Bereich Decarbonisierung und Nachhaltigkeit der Produktion anbelange. Besonders belastend sei die Tatsache, dass die meisten Anforderungen der EU bislang in der Praxis weder angekommen seien, noch gebe es konkrete Vorgaben für deren Erfüllung.

Neu für zahlreiche Anwesende waren die Wirkung der EU-Verordnung über entwaldungsfreie Lieferketten, das Lieferkettensorgfalts­pflichtengesetz sowie die EU-Verordnung zum CO2-Grenzausgleich (CBAM).

Nach der Mittagspause erläuterte der Autor, Hans Jacobs, Landwirtschaftskammer SH, die Bandbreite und Unterschiede der derzeit in Schleswig-Holstein aktiven Firmen zur Generierung von freiwilligen CO2-Zertifikaten. Vieles befindet sich in der Entwicklung. Allen unterschiedlichen Systemen gemein ist die Tatsache, dass derzeit nicht abzuschätzen ist, inwieweit die individuellen Standards dem in der Verabschiedung befindlichen CRCF (siehe oben) entsprechen.

Den Abschluss des Tages bildete ein Beitrag zu einem Projekt der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, in dem ein Zertifikatsstandard entwickelt werden soll, der nicht nur die Kohlenstoffspeicherung bilanziert, sondern auch Projekte zur Vermehrung der Biodiversität und der Grundwasserneubildung abbildet.

Fazit

● Der Klimawandel ist in der nationalen und der EU-Gesetzgebung angekommen. Die Regelungsdichte zur Decarbonisierung steigt sprunghaft und stellt die Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen.

● Der Wald als Kohlenstoffspeicher spielt zukünftig eine bedeutende Rolle, auch wenn es scheint, dass die Speicherpotenziale derzeit erheblich überschätzt werden.

● Die Speicherpotenziale der deutschen Wälder werden bereits in den nationalen Klimabilanzen berücksichtigt, sodass die Waldbesitzenden keine Möglichkeit haben, ihre Senkenleistung als Kompensation an Firmen zu vermarkten.

● Dennoch bestehen zukünftig Möglichkeiten für Waldbesit­zende, Projekte im Bereich Kohlenstoffspeicherung sowie andere Ökosystemleistungen zu vermarkten (Nachhaltigkeitsberichte im Rahmen der CSRD).

● Es besteht bereits ein freiwilliger Markt für Kohlenstoffzertifikate, der von Unternehmen genutzt wird, um ihre Tätigkeiten oder Produkte klimaneutral zu stellen und als solche zu bewerben.

● Es existiert eine Vielzahl unterschiedlicher Firmen, die auch Waldzertifikate generieren und vermarkten. Deren Standards sind unterschiedlich, teilweise schwer zu vergleichen und nicht immer ganz nachvollziehbar.

● Die EU arbeitet an einem Rahmen, der die Transparenz und Glaubwürdigkeit der Standards erhöhen soll. Dieser Markt scheint auch für Waldbesitzende gewisse Potenziale zu bieten, wenn Transparenz, Nachhaltigkeit und Langfristigkeit der Zertifikate gegeben sind.

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