Die Ökoaktionswoche Schleswig-Holstein startete am Montag in den Holstenhallen Neumünster mit einer Diskussionsveranstaltung. Rund 100 Gäste folgten den teilweise aufrüttelnden Ausführungen des Öko-Vordenkers Prof. Urs Niggli vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) Österreich. „Nur ein Kopf, der durchgeschüttelt wird, produziert neue Ideen“, so der Schweizer.
Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Werner Schwarz (CDU) erläuterte in seiner Begrüßung das Ziel der Ökoaktionswoche: „Wir wollen einen Blick in die Zukunft werfen und darüber sprechen, wie wir den Ökolandbau noch besser machen können.“
Stützende Maßnahmen
Laut Koalitionsvertrag soll sich die Zahl der Ökobetriebe verdoppeln. Die Rahmenbedingungen sind aber laut Schwarz herausfordernd. Er schilderte die bestehenden Maßnahmen, etwa die Flächenförderung, die Ökoberatung und die Ökoklasse am Berufsbildungszentrum Bad Segeberg, die fortgeführt werde. Darüber hinaus unterstütze sein Haus Maßnahmen zum Bürokratieabbau im Ökobereich.
Mit der Ökoaktionswoche gehe es ihm unter anderem darum, die Bedeutung der ökologischen Landwirtschaft sichtbarer zu machen. Das Highlight sei daher der Bioverbrauchermarkt, der vom 3. bis 5. Oktober in Kiel stattfinde. Schwarz will sich dafür einsetzen, den Ökolandbau in Schleswig-Holstein zukunftsfähig zu gestalten.
Globale Marginalie
Urs Niggli stellte klar: „Der Ökolandbau kann nicht die globale Ernährung sicherstellen.“ Weltweit gesehen sei Bio eine Marginalie. Schließlich bewege sich die Weltbevölkerung auf die Marke von zehn Milliarden Menschen zu. „Wenn wir nur ökologisch wirtschaften wollten, wäre der Bedarf an landwirtschaftlicher Fläche gigantisch“, so der FiBL-Vorsitzende. Trotzdem müsse der Schutz der natürlichen Ressourcen konsequent umgesetzt werden. Es brauche also eine produktive, aber boden-, klima- und biodiversitätsschonende Landwirtschaft. Das Ziel sollte nicht der Ökolandbau per se sein. Er sei aber ein Weg, mehr Nachhaltigkeit zu erreichen.
Das Ziel der EU-Farm-to-Fork-Strategie von 25 % Ökolandbau halte er für unrealistisch. „Man muss sich schon fragen, wie sinnvoll es ist, solche Ziele zu formulieren, wenn man hinterher enttäuscht ist, weil man das Ziel nicht erreicht“, so Niggli. Selbst in einem sehr reichen Land wie der Schweiz stottere der Ökomarkt.
Dabei gebe es clevere Intensivierungspotenziale, etwa dank DeepTech, Precision-Farming und Robotik. Für eine agrarökologische Transformation sei es notwendig, die besten Ideen und Lösungen aus verschiedenen Welten miteinander zu kombinieren. Ziel müsse sein, mehr Biodiversität und mindestens gleich viel Ertrag zu erreichen. Zukunftskulturen sind aus seiner Sicht vor allem Hülsenfrüchte wie Erbsen und Bohnen, um die Proteinversorgung zu sichern. Vor allem ältere Menschen seien aber auf tierische Proteine angewiesen.
Innovationen notwendig
Der Wissenschaftler erklärte: „Wir sehen weltweit keine Entwicklung in Richtung nachhaltigerer Ernährung.“ Die Begeisterung für Insektenernährung sei vorbei. Momentan werde kultiviertes Fleisch stark diskutiert. Auch Präzisionsfermenter könnten eine Zukunft haben. „Ich glaube, es braucht nachhaltige, effiziente agrarökologische Systeme mit deutlich mehr technologischer Innovation, als derzeit im Ökolandbau erlaubt ist“, so Niggli. Beispielsweise werde der Ökolandbau züchterisch abgehängt. Der genetische Gewinn könne aufgrund von Bewirtschaftungsbeschränkungen nicht ausreichend genutzt werden.
Zitate
Johannes Baasch, Geschäftsführer Buchenhof:
„Die konventionellen Betriebe kommen durch Restriktionen bei Düngung und Pflanzenschutz immer mehr in die Ökorichtung. Wir brauchen aber weiterhin Verkaufsargumente, zum Beispiel erhöhte Biodiversität. Wir müssen die Produktivität steigern, denn dann sind wir auch besser in der Klimabilanz. Potenzial liegt in der technischen Innovation. Das müssen wir aktiv begleiten.“
Corinna Ullrich, Institut für Agrarpolitik und Marktforschung, Universität Gießen:
„Wenn man Bürger fragt, warum sie Bio kaufen, ist ihnen beispielsweise Tierwohl sehr wichtig. Vielen ist nicht bewusst, was der Unterschied zwischen Bio und konventionell ist. Das kann dazu führen, dass Verbraucher auch mal enttäuscht sind.“
Prof. Gerold Rahmann, Institut für Ökologischen Landbau, Thünen-Institut:
„Wir haben Richtlinien, die nichts mit unseren Ökozielen zu tun haben. Wenn wir uns an den Zielen messen, müssen wir den Fortschritt im Ökolandbau als unzureichend ansehen. Wir müssen das Richtlinienkorsett aufschnüren. Wir müssen klare Bedingungen aufschreiben, deren Einhaltung wir beweisen können.“
Georg Lutz, Geschäftsführer Gut Wulfsdorf:
„Wir Bioanbauer sollten nicht so viel Angst vor regenerativer Landwirtschaft haben. Davon können wir auch lernen. Der Biosektor wird größer, aber damit auch anonymer.“



