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Bereits vom Tag ihrer Geburt an werden die Fohlen an den Umgang mit dem Menschen gewöhnt. Foto: Christina Neve

Züchterin Bettina von Kameke wendet auf ihrem Gestüt die Methode des „Imprinting“ an. Durch dieses Prägungstraining lernen Fohlen schon ab dem ersten Lebenstag Vertrauen und Respekt gegenüber dem menschlichen Partner. Damit wird die Basis für eine entspannte Beziehung zwischen Pferd und Reiter gelegt.

Für einen Pferdeliebhaber gibt es kaum etwas Schöneres als eine Weide, auf der Stuten mit ihren Fohlen friedlich grasen. Nichts lässt erahnen, dass auch diese jungen Wesen Fluchttiere sind, die in der freien Natur sofort nach der Geburt bereit sein müssen zu fliehen, um zu überleben. Für den Reiter ist der Fluchtinstinkt des Pferdes häufig ein Problem, denn er wünscht sich für Freizeit und Sport einen zuverlässigen Partner. Um so früh wie möglich die Basis für eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Pferd und Mensch zu legen, kann ein Prägungstraining sinnvoll sein. Ein amerikanischer Tierarzt entwickelte hierfür die Methode „Imprinting“, bei der das Fohlen kurz nach der Geburt auf den Menschen und seine Berührungen, Geräusche, Gerüche und Bewegungsmuster eingestellt wird. Zunächst werden Berührungen einer einzigen Stelle, wie zum Beispiel an den Nüstern oder den Ohren, so lange wiederholt, bis das Fohlen entspannt und damit eine positive Reaktion zeigt. Lässt es sich überall ohne Abwehrreaktion streicheln, kann die Gewöhnung an die Geräusche von Plastiktüte, Sprayflasche und Föhn oder an die Berührung durch die Schermaschine erfolgen. Auch die Führung durch den Menschen ist Teil des Imprinting, denn während des Trainings wird das Fohlen an der Flucht gehindert. „Manchmal benötigt man einen Helfer“, erläutert Bettina von Kameke. „Das Pferd soll zwar mein Partner sein, aber wie in jeder Herde muss es eine Rangordnung geben. Hier bin ich das Alphatier“, erklärt sie. Auf Gut Friedensthal in der Nähe von Eckernförde betreibt die Pferdewirtschaftsmeisterin das Arabergestüt AlAssil Arabians. Vor etwa 20 Jahren übernahm sie das Vollblut-Arabergestüt ihrer Schwiegereltern, damals in Grabau bei Bad Oldesloe, seit 2006 sind die Pferde in Friedensthal beheimatet. Jedes Jahr kommen hier Fohlen zur Welt, bei welchen sie die Methode des Prägens anwendet. 

Große Sorgfalt und überlegtes Vorgehen nötig

Weil bei einem Fluchttier wie dem Pferd die Sinne direkt nach der Geburt besonders aufnahmefähig sind, sollte das Training möglichst bald erfolgen. Es dauert zu Beginn 10 bis 15 min und wird am ersten Tag in Abständen von etwa sechs Stunden mehrmals wiederholt. Damit das Imprinting als positives Erlebnis gespeichert wird, ist eine Reihe von Aspekten zu beachten. Besonders bedeutsam ist es, den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören zu finden. „Höre ich mit der Desensibilisierung zu früh auf, also wenn das Fohlen noch Spannung aufweist und auf meine Berührung nicht positiv mit Schnauben, Lecken oder Entspannen reagiert, kann ich auch eine Stelle sensibilisieren“, weiß Bettina von Kameke. Das passiere einigen Züchtern unbewusst, wenn sie mit ihrem Fohlen spielen und durch eine unbewusste Berührung einen Sprung nach vorn auslösen. Wenn dies wiederholt geschieht, ergibt sich für das Fohlen ein Muster, sodass es in immer gleicher Weise auf diese Berührung reagieren wird. Deshalb ist es ratsam, das Imprinten mit großer Sorgfalt und Überlegung auszuführen. Kritiker der Methode geben zu bedenken, dass durch das Prägungstraining die Beziehung zwischen Stute und Fohlen gestört werden könnte. „Es gibt aber keinen beschriebenen Fall, in dem diese Befürchtung eingetreten ist“, weiß Bettina von Kameke. „Das Imprinting mache ich erst nach dem ersten Säugen. Während des Prägens ist die Mutterstute die ganze Zeit dabei. Grundvoraussetzung dabei ist natürlich, dass die Mutter zu mir ebenfalls schon eine Vertrauensbasis besitzt, damit während des Prägens kein Stress aufkommt. Meine Stuten kennen meine Vorgehensweise und sind entspannt.“ 

Herdenmitglied werden

Die Fohlen in Friedensthal lernen bereits am Tag der Geburt das Halfter kennen. Die Züchterin bringt ihnen vorsichtig bei, der Zugrichtung zu folgen. Wenn das Fohlen die leichte Bewegung des Halfters noch nicht versteht, hilft ein dickes Seil um das Hinterteil herum bei der Verständigung und gibt ein wenig Nachdruck. Schon bald gehen die Fohlen am Halfter neben der Mutter auf hartem Boden oder auf der Weide. Nach zwei Wochen können die jungen Vierbeiner dann schon als Handpferd neben der gerittenen Mutter am Halfter gehen. „Wer züchtet, kann nur die Besten für die Zucht behalten, die anderen müssen neue Besitzer und Partner finden. Deshalb lege ich Wert darauf, nicht nur schöne Pferde zu züchten, sondern auch gute Partner aus ihnen zu machen. Das beginnt mit dem Imprinten und geht weiter mit einer konsequenten Erziehung in der Kinderstube, bei der immer wieder dieselben Verhaltensmuster und Signale zur Anwendung kommen“, verrät Bettina von Kameke. Durch das frühe Prägen wird die Züchterin gewissermaßen als Herdenmitglied akzeptiert. Zugleich lernt das Pferd schon zu Beginn seines Lebens die Dominanz des Partners kennen. Das Ziel beim Imprinting ist eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Pferd und Mensch, welche Bettina von Kameke mit dieser Methode offensichtlich erreicht: Für das eine Woche alte Fohlen und seine Mutter Kamihla ist es ganz normal, dass die Züchterin in die Box kommt, beiden das Halfter anlegt und eine Tour über den Hof startet. Christina Neve

 

 

 

 

 

 

 

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