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Immer mehr Pferde kommen im Sommer auf die Weide. Foto: Daniela Jaeger

Immer mehr Pferde bekommen auf Wunsch ihrer Besitzer im Sommer Weidegang. Diese Entwicklung hin zu artgerechter Haltung ist zu begrüßen. Allerdings übernimmt der Pferdehalter damit eine neue Verantwortung. Als Tierhüter muss er um die Konsequenzen der geänderten Futtergrundlage wissen und um die Gefahrenquellen, die mit Weidegang verbunden sein können.

Das Herdenleben ist zwar für Pferde ein Grundbedürfnis, es funktioniert aber nur, wenn die Hierarchie in der Gruppe geklärt ist. Bis die hergestellt ist kann es zu heftigen Rangeleien kommen, bei denen schon so manches Pferd Schrammen abbekommen hat. Sowohl die Einsteller als auch der Tierhüter müssen sich über diese Gefahren im Klaren sein. Dafür empfiehlt es sich vor dem Weideaustrieb im Pensionsstall eine Versammlung abzuhalten.

Themen für eine Stallversammlung 

  •  Termin des ersten Weidegangs
  •  wie lange geht die Anweidephase
  •  wer bringt die Pferde auf die Weide
  •  wer holt sie wann wieder rein
  •  wie wird die Fütterung umgestellt
  •  geht jedes Pferd auf die Weide
  •  wer entscheidet, welche Pferde zusammen gehen können
  •  wird es eine Stuten- und eine Wallachgruppe geben
  •  endet die Anweidephase mit 24 Stunden Weidegang
  •  behält der Einsteller im Sommer Anspruch auf seine Box
  •  gibt es auf der Weide auch noch Raufutter
  •  wer sorgt für die tägliche Mineralfuttergabe (weißer Salzleckstein ist Pflicht)
  •  wird es einen Eindeckservice geben 
  •  von wem werden die Weiden abgeäppelt 
  •  wie sind mögliche Schäden versichert
  •  Betriebshaftpflicht
  •  Pferdehaftpflicht
  •  Tierhüterhaftpflicht
  •  Weideschaden Versicherung
  •  Mitarbeiter Unfallversicherung (Berufsgenossenschaftsmitgliedschaft) 
  •  wann findet Weidewechsel statt
  •  ändern sich die Gebühren 
  •  ist weiterer Service (Fressbremse, Fliegenhauben, früheres Reinholen, ….) geboten
  •  ist alles im Bruttopreis inbegriffen 

Wenn diese Punkte besprochen oder wenigstens im Stall bekannt sind, kann der Pferdehüter die Weidezeit einleiten. Für dieses Jahr ist die Anweidephase abgeschlossen und die Pferde können den ganzen Tag draußen bleiben. Jetzt gilt es die Nährstoffversorgung der einzelnen Tiere im Blick zu haben, denn Mensch Wetter und Wachstumsbedingungen des Grases können die tägliche Nährstoffaufnahme stark schwanken lassen. Neigen einzelne Tiere dazu fett zu werden oder gar Rehesymptome zu zeigen, müssen sie bei alternativem Futter aufgestallt werden. Die tägliche Mineralfutteragabe sollte möglichst an die Bodenqualität angepasst sein. Auf Sandstandorten besteht meist ein Mangel an Kalzium, den es auf mineralischen Böden nicht gibt. Kalium ist in gut versorgtem Gras immer ausreichend, Zink und Selen könnte generell knapp im Angebot sein.

Aus dem Beispiel soll deutlich werden, dass Pferde bei einer Grasaufnahme von beispielsweise 40 kg etwa 8 kg Trockenmasse (TM) gefressen haben. Damit decken sie ihren täglichen Erhaltungsbedarf an Energie und Eiweiß sowie an vielen Mengen und Spurenelementen. Viel mehr als 10 kg TM kann ein Pferd nicht fressen, aber ein Pony sollte auch nicht mehr als 2 kg TM\100kg Körpergewicht täglich aufnehmen. Bei gutem Grasaufwuchs schaffen sie das aber leicht.

Weidezaun und Koppeltor müssen sicher sein

Über die Beobachtung der Tiere und ihres Ernährungszustandes hinaus hat der Tierhüter für Gesundheit und Sicherheit zu sorgen. Hierzu gehören das Verhindern von Ausbrüchen und das Entfernen von Gefahrenstellen. Der Weidezaun und die Koppeltore zählen zu den gravierendsten Unfallverursachern. Weder Stacheldraht noch dünner „blanker Draht“ und schon gar nicht die dünne Kunststofflitze gehören zu einer Pferdeeinzäunung. Alle drei Drahtformen können ein Fluchttier nicht schadlos aufhalten. Eher geeignet sind Festzäune und feste, sichtbare Elektrozäune, wie der kunstoffummantelte Elektrodraht, das Breitband oder die Kordel. 

Da Pferde beim Fressen einen Ausfallschritt mit den Vorderbeinen machen, können sie an der Koppelgrenze auch in den Zaun treten. Aus einem Maschendrahtzaun oder einem Schaf- beziehungsweise Wildzaun können sie ihre Hufe meist nicht zurückziehen. Geraten sie in Panik, können Pferde sich im Zaun verwickeln. Auf Pferdeweiden findet man oft Gegenstände, die nichts mit den Tieren zu tun haben und eine Verletzungsgefahren darstellen. Darunter alte landwirtschaftliche Geräte, umgestürzte Bäume, landwirtschaftlicher Schrott und einsturzgefährdete Hütten. Jedes Pferd ist neugierig und kann Gefahren nicht einschätzen. 

Aber auch die gutgemeinten Hilfsutensilien müssen auf Verletzungsgefahren untersucht werden. Heuraufen sind ein gutes Beispiel. Sie dürfen keine scharfen Ecken oder Kanten haben, die Fressgitter müssen so eng sein, dass der Pferdehuf nicht reinpasst oder so weit, dass Huf und Kopf gefahrlos zurückgezogen werden können. Pferde können wesentlich höher treten als Rinder. Deshalb sind Rinderraufen nicht unbedingt für Pferde geeignet. Die Abstände zwischen senkrechten Trägern und Raufenteile dürfen nicht weiter als 6 cm sein und die Spalten sollten oben geschlossen sein, damit sich kein Bein darin verfangen kann. Provisorische Raufen sind nicht offiziell für Pferde getestet. So führten ausgelegte Treckerreifen kürzlich zu bösen Unfällen. Ein junges Pferd war beispielsweise in den leeren Reifen gestolpert und kam allein nicht wieder heraus. Ein anderes Pferd verletzte sich an dem herausstehenden Drahtgewebe des alten Reifens. Ein 10 cm langer Draht hatte sich fast unsichtbar in den Hals gebohrt und erst nach Tagen fiel auf, dass das Pferd nicht mehr fressen wollte. Nur diese Reaktion hat es gerettet, denn die Blutvergiftung hatte an der Einstichstelle schon eingesetzt. 

Die Traufe des Stalldaches sollte so hoch sein, dass das Pferd nicht mit dem Kopf dagegen schlagen kann. Ein Blechdach muss eine Umrandung haben, die das Pferd vor dem scharfkantigen Material schützt. Gleiche Anforderungen gelten auch für Tränken und für Teile von Weideunterständen. 

Die Deckenhöhe in Ställen sollte mindestens 1,5 x Widerristhöhe betragen.

Mit Bedacht und Umsicht auf die Weide

Der richtige Umgang mit den Weidepferden muss auch besprochen sein. Pferde sind sehr futterneidisch und scheuen sich nicht, den Futterplatz durch Ausschlagen zu verteidigen. In der Regel sind die Herdenmitglieder darauf eingestellt, nur der Mensch, der dazwischen steht kann oft nicht schnell genug reagieren. Allein das Leckerli geben kann in der Herde zu bösen Rangeleien führen. 

Wenn Pferde von der Weide geholt werden sollte das möglichst einzeln und am Halfter erfolgen. Eine vor dem Koppeltor eingerichtete Separationsschleuse verhindert ein Nachdrängen der Herdenmitglieder. Wird die Schleuse durch Elektrozaun abgegrenzt, darf bei Pferdeweiden kein Spiralfedertor eingesetzt werden, denn beim Öffnen entspannt sich die Feder und Schweif oder Mähnenhaare können eingeklemmt werden. Die Pferde können sich dann selbst durch zur Seite springen nicht den regelmäßigen Stromimpulsen entziehen. 

Das Koppeltor sollte nach außen zu öffnen sein, damit Pferde nicht am Querholm des Tores hängen bleiben und das Tor mit dem Körper zuziehen können. Grundsätzlich sollte nur ein Pferd auf einmal am Halfter von der Weide geholt werden. Selbst beim freien Laufen der ganzen Herde in den Stall sind sowohl Menschen als auch Pferde schon zu Schaden gekommen. 

Alle Unfälle und Verletzungen lassen sich nicht verhindern, aber Pferdehalter, wie Einsteller, Reiter und Nutzer haben wenigstens die moralische Verpflichtung Gefahrstellen zu beseitigen. Dazu gehören auch die Weidepflege und das Entfernen von Giftpflanzen. 

Jürgen Lamp
Fachbereichsleiter am Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp

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