Zur Navigation springen Zum Inhalt springen

Koppen kann zu vielen Problemen führen. Artgerechte Haltung, von Anfang an, ist eine gute Prävention. Foto: Dr. Henning Achilles

Koppen ist keineswegs eine Unart, die sich erst in der modernen Pferdehaltung manifestiert hat. Bereits 1791 finden sich entsprechende Erwähnungen in der Literatur. Damals wie heute wird diese Eigenschaft negativ bewertet und ist weitaus mehr als ein kleiner Schönheitsfehler. Dr. Henning Achilles, Tierarzt aus Bad Segeberg, klärt darüber auf, warum schon Fohlen mit dem Koppen beginnen, warum man Kopper koppen lassen sollte und die artgerechte Haltung die beste Prävention ist.  

Kopper sind unbeliebt, immer noch weisen Stallbetreiber solche Pferde als Einsteller ab. Bis 2002 zählte das Koppen zu den sogenannten Gewährsmängeln und war ein Grund, ein Pferd an den Verkäufer zurückzugeben. Heute wird das Aufsetzen und Luftsaugen als Stereotypie bezeichnet – eine Ersatzhandlung, die sich nahezu identisch wiederholt, aber ohne erkennbare Funktion ausgeführt wird. Weitere Stereotypien sind Weben, Zungenspielen, Headshaking, Ablecken von Gegenständen, Schlagen an die Boxenwand  oder auch das Im-Kreis-Laufen in der Box. 

Drei Gruppen von Pferden scheinen stärker als andere zum Koppen zu neigen. Erstens: hoch im Blut stehende Pferde wie Vollblüter, Halbblüter und Araber. Zweitens: Pferde, denen sehr viele Leistung abverlangt wird, wie Rennpferde, auf Turnieren eingesetzte Dressur- und Springpferde. Und drittens: Fohlen von dominanten, ranghohen und hektischen Müttern. Denn bereits im Fohlenalter zeigt sich eine Neigung, eine Ersatzhandlung auszuprägen. Dr. Henning Achilles erklärt dazu: „Die blütige, hochrangige, hektische Stute ist unter Umständen keine gute Mutter. Aufgrund ihrer Stellung ist sie pausenlos darum bemüht, ihren Status in der Rangordnung zu verteidigen. Das sind oft Stuten, die ihr Fohlen immer wieder stören, einschüchtern, wegdrängen, beißen oder auch schlagen. Derartige Fohlen sind eingeschüchtert, wirken ängstlich, können unter Umständen abmagern und sind entsprechend psychisch labil.“

Von einer direkten Vererbung der Stereotypie wird heute nicht ausgegangen. Der Grund: In der freien Natur gibt es keine Kopper. Das Koppen ist eine Verhaltensstörung, vererbt wird höchstens die psychische Disposition. Kommen auslösende Faktoren – nicht artgerechte Haltung oder Stress – zu einer das Koppen begünstigenden psychischen Verfassung hinzu, dann sind vorbelastete Patienten unter Umständen eher geneigt, mit dem Koppen zu beginnen. 

Es stellt sich außerdem die Frage: Kann sich Koppen übertragen? Der Fachtierarzt klärt auf: „Durch reines Abschauen – ganz klar, nein! Wenn ein zweites Pferd in einem Stall anfängt, diese Verhaltensstörung zu zeigen, dann liegt irgendwo ein Stressfaktor vor.“ 

Koppen bereits ab der achten Lebenswoche

Dokumentierte Fälle des Koppens zeigen, dass die Verhaltensstörung bereits ab der achten Lebenswoche auftreten kann. Bei einer Untersuchung zu diesem Thema wurden Fohlen im Alter von fünf Monaten abgesetzt und anschließend gemeinsam mit Gleichaltrigen in Stallhaltung gehalten. 10 % dieser Fohlen haben mit dem Koppen begonnen. Das zeigt: Sie waren Stress ausgesetzt, hatten keine Ablenkung und keine zufriedenstellenden sozialen Kontakte. Das Absetzen ist eine immense Stressquelle für Fohlen. Vor allem dann, wenn die Youngsters am Abend der Fohlenschau oder Fohlenauktion der Einfachheit halber direkt allein auf einen fremden Anhänger verfrachtet werden und auf die Reise gehen. Schlagartig von der Mutter getrennt, sind sie stundenlang im Dunklen unterwegs, kommen oft nass geschwitzt in einen neuen Stall, in dem sie kein Pferd kennen. Sensible Fohlen suchen dann ein Ventil, zum Beispiel das Koppen.

Um das Absetzen für das Fohlen so natürlich wie möglich und somit möglichst stressfrei zu gestalten, muss der sozialen Sicherheit Aufmerksamkeit geschenkt werden. Bewährt hat sich das graduelle oder fraktionierte Absetzen. Nach und nach werden die Mutterstuten aus der Herde entfernt. Die Fohlen schließen sich an die anderen Tiere an, verbleiben aber in ihrer vertrauten Herde und Umgebung. Wurden alle Mütter aus der Herde herausgenommen, bleiben die Youngsters mit einer sogenannten „Tante“ oder einem vertrauten Wallach zusammen. Dieses Pferd kann gewissermaßen als Erziehungsberechtigter agieren und den kleinen Pferden Grenzen aufzeigen sowie in der Herde für Ordnung sorgen. 

Eine weitere Möglichkeit des graduellen Absetzens: Das Fohlen kann stundenweise und schließlich über Nacht in der Nachbarbox stehen. Mutter und Kind können separat gefüttert werden, haben aber noch die Nähe zueinander. Ziel des Absetzens muss immer sein, eine hohe Sozialkontaktrate zu erhalten. Das gelingt ausschließlich in einer Gruppe mit artgerechter Unterbringung und Bewegung. Ein Fohlen, das sofort auf einen anderen Hof gebracht wird, lernt diese soziale Sicherheit nicht. 

Eine nicht gerade geringe Anzahl an Fohlen weist im jugendlichen Alter bereits Magengeschwüre (sogenannte Ulzera) auf, und es stellt sich die Frage, ob das Geschwür in Kombination mit Stress zum Auftreten der Koppersymptomatik führt oder ob es durch das Koppen zu einer erhöhten Zahl von Magenulzera kommt. „Das ist wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei“, erklärt  Achilles und fügt hinzu: „Fakt ist, eine hohe Anzahl koppender Fohlen hat Magenulzera, aber nicht alle Fohlen, die Magenulzera haben, neigen zum Koppen.“ Werden magensäurehemmende Medikamente verabreicht, kommt es zu einer Beruhigung der Magenschleimhaut, ob allerdings die Symptomatik des Koppens reversibel ist, erscheint äußerst fraglich. Dennoch sollte auf alle Fälle ein solcher Therapieversuch unternommen werden.

Verhaltensauffälligkeiten durch Stress

Stress kann sich beim erwachsenen Pferd unter anderem in Reitproblemen äußern. Dazu gehören Klemmigkeit, Widersetzlichkeit, Schweifschlagen, sich im Gebiss festzubeißen, extremer Vorwärtsdrang, sich den Hilfen des Reiters entziehen zu wollen, Rückenprobleme, Rückenverspannung oder auch das vollständige Gegenteil: die absolute Unterwürfigkeit. Das scheinbar superbrave Pferd, das immer alles mitgemacht hat, beginnt plötzlich eine Stereotypie zu zeigen. Es koppt oder webt, ohne dass es Erklärungen dafür gibt. In solchen Fällen haben sich im Laufe der Zeit zahlreiche Stressfaktoren summiert. Nicht artgerechte Haltung, die viele Jahre zurückliegen kann, sowie ein abruptes oder zu frühes Absetzen. Auch Über- und Unterforderung spielen eine Rolle. Auf der einen Seite steht eine durch Reizarmut, Monotonie, Langeweile und Dunkelheit gekennzeichnete Haltung mit mangelnden oder gestörten Sozialkontakten sowie unzureichender Raufuttergabe. Auf der anderen Seite kann durch sehr intensives Training – gerade sehr junger Pferde – Überforderung an der Tagesordnung sein. 

Auch Freizeitpferde erleben häufig Stresssituationen: Stallwechsel und plötzliche Veränderungen bei den Haltungsmodalitäten, enge Auslaufflächen, eine tiefe Rangordnungsposition sowie Krankheiten und Klinikaufenthalte haben auf das einzelne Individuum massiven Einfluss. Summieren sich solche Stressfaktoren, fällt es dem Pferd mit der Zeit immer schwerer, diese Einflüsse zu kompensieren, und es kommt zu Ersatzhandlungen wie dem Koppen. „Wir müssen uns bewusst machen: Koppen ist für Pferde etwas Positives. Beim Koppen werden Endorphine ausgeschüttet, die eine beruhigende Wirkung auf den Organismus haben. Und wir wissen heute, dass Koppen die Herzfrequenz senkt. Insofern sollte man einen Kopper koppen lassen. Denn dadurch wird er ruhig. Drastisch formuliert könnte man sagen: Das koppende Pferd flüchtet vor den Fehlern seines Besitzers, der keine adäquaten und pferdegerechten Haltungsformen schafft.“

Abnutzung, Arthrose und Gewichtsverlust

Beim Koppen wird die Unterhalsmuskulatur angespannt, der Kehlkopf zieht sich herab. Der Schlund öffnet sich und durch das Einsaugen der Luft entsteht das sogenannte Koppgeräusch. Studien zeigten, dass kein Abschlucken von Luft stattfindet. Stattdessen wird die Luft nur bis in das obere Drittel der Speiseröhre hineingesogen und anschließend wieder herausgelassen. Daher besteht beim Kopper – soweit bekannt – kein erhöhtes Risiko des Aufblähens und für Gaskoliken. Ein Problem sind jedoch die starke Abnutzung der oberen Schneidezähne, eine Arthrose der Kiefergelenke und des Nackengelenks sowie der Gewichtsverlust. Der Hintergrund: Der Vorgang des Aufsetzens und Luftschluckens verbraucht sehr viel Energie. Bei einer weiteren Untersuchung wurde ermittelt, dass von den Pferden der Studie bei 189 bis 568 Koppvorgängen pro Tag jeweils ein durchschnittliches Gewicht von etwa 40 kg und somit täglich bis zu 30 t mit dem Kopf bewegt wurden. Druckdeformationen an den Schneidezähnen und Veränderungen an den Kiefergelenken und im Nackengelenk sowie in der Muskulatur und dem Bänderapparat überraschen daher nicht. 

Eine Heilung ist nicht möglich

Monotonie, die Stress verursacht, sollte also möglichst vermieden werden. Ihr lässt sich oft schon durch verlängerte Raufutterfresszeiten entgegenwirken. In der Boxenhaltung ist es häufig so, dass Pferde bereits nach vier oder fünf Stunden mit der Heuration fertig sind. In der Natur dagegen fressen sie 16 bis 18 Stunden. Raufutter bedeutet aber nicht nur Ernährung, sondern auch Beschäftigung durch Heunetze, Beißhölzer, Gitterroste über Futtertrögen, Slowgrazer, aus denen die Halme einzeln herausgezogen werden müssen. Kraftfutter sollte so wenig wie möglich und in vielen kleinen Portionen gegeben werden. 

Viel Bewegung, ausreichend Sozialkontakte und eine wohldurchdachte, korrekte Herdenbildung sind ebenfalls Maßnahmen, die dem gestressten Pferd helfen können. Scharfe Salben und Tinkturen, die auf Krippenrand oder Weidezäunen aufgebracht werden, können das Pferd vorübergehend etwas hindern, aber eine Heilung vom Koppen, eine vollständige Umkehr ist nicht mehr möglich.  Da das Koppen dem Stressabbau dient wird durch das Unterdrücken des Koppens, ohne gleichzeitiges Abstellen der Ursache, die Stressbelastung für das Pferd noch zusätzlich erhöht. Das liegt daran, dass das Pferd koppen möchte, es aber mechanisch an der Ausführung gehindert wird. So widerspricht der Einsatz eines Kopperriemens dem Tierschutzgesetz (§2.2). Pferdegerechte Haltung kann aber dazu beitragen, dass es zu einer deutlichen Reduktion kommt und es den Pferden besser geht. Durch Umbauprozesse im Gehirn bleibt die Stereotypie bestehen, auch wenn die Ursache unter Umständen schon lange behoben ist. 

Bei erwachsenen Pferden gibt es daher keine Möglichkeit, das Koppen wieder rückgängig zu machen. „Koppen sollten wir als Spiegelbild unseres Fehlverhaltens erkennen, das wir dem Pferd auferlegt haben. Unsere fehlerhafte Aufzucht, Haltung und Ernährung hat dazu geführt. Wir müssen anerkennen, dass das Pferd eine eigene Fluchtmöglichkeit gewählt hat, emotional zu bewältigen, was es sich in dieser Form in der Natur nie aussuchen würde“, lautet das eindrückliche Fazit von Dr. Henning Achilles.

Stephanie Sieckmann

nach oben