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Den ganzen Winter über lechzen Mensch und Tier nach der warmen Jahreszeit. Ist sie dann da, kann allzu viel sommerliche Hitze aber auch zur Plage werden. Mit einigen Vorsichtsmaßnahmen wird man die wärmsten Tage aber gut überstehen. Am besten funktioniert der Körper des Pferdes zwischen 37 und 38 Grad Celsius – bei erwachsenen Tieren in Ruhe. Ein Kontrollzentrum im Gehirn – der Hypothalamus – überwacht die Einhaltung dieses engen Idealbereiches. Abweichungen nach oben werden hier sofort registriert und prompt mit Gegenmaßnahmen beantwortet. Damit die Körpertemperatur zumindest nicht weiter steigt und dann am besten sogar recht bald wieder sinkt, bedient sich die Natur eines dreistufigen Mechanismus:
Abwärme vermindern durch Bewegungseinschränkung: Muskelarbeit produziert Abwärme und heizt daher den Körper auf. Wer sich weniger bewegt, muss seine Muskeln weniger arbeiten lassen und produziert folglich weniger Abwärme. Daher bewegen sich Pferde bei hohen Außentemperaturen schon selbst nicht mehr, als ihnen zuträglich ist.

Wärmeaustauscher Blut

Ist die reduzierte Bewegung alleine nicht ausreichend für eine allmähliche Herunterkühlung des Körpers, so wird im nächsten Schritt mehr Blut in die Außengebiete des Körpers geleitet: Haut, Unterhaut und obere Muskelschichten haben viel Kontaktfläche zur kälteren Außenluft. So kann Wärme aus dem Blut an die Umgebung abgegeben werden. Das abgekühlte Blut fließt zurück zum Körperkern, wärmt sich dort wieder auf und geht erneut in die Peripherie.
 Schwitzen: Die effektivste Kühlungsmaßnahme ist das Schwitzen. Denn der Schweiß verdunstet auf der Haut, entzieht dem Körper dabei Wärme und kühlt ihn damit ab. Pferde schwitzen immer stärker und vor allem großflächiger, je mehr Wärme abzuführen ist.

Werden Pferde bei sommerlicher Hitze gegen ihre Instinkte körperlich belastet, kann die Selbstregulation des Körpers an ihre Grenzen kommen. Das ist für die Tiere nicht nur quälend, sondern kann auch zu schwerwiegenden Problemen führen.

Dehydrierung: gefährliche Austrocknung

Dehydrierung (Tierärzte sprechen auch von Dehydratation oder Dehydration) bedeutet einen hochgradigen Wassermangel im Körper. Dieser entsteht bei starkem Schwitzen ohne eine gleichzeitige Wasseraufnahme, besonders bei anstrengenden Ausdauerleistungen.
Meist liegen zwei Gründe dafür vor: Der Reiter vergisst es, sein Pferd häufig genug zu tränken beziehungsweise schätzt den Wasserbedarf seines Pferdes viel zu niedrig ein. Oder das Tier selbst verliert die Kontrolle, weil Stress und Aufregung während der Belastung, besonders bei Turnieren mit langen Transportzeiten, die Sensibilität für das Durstgefühl stark beeinträchtigen oder zeitweise völlig lahmlegen. Dann kann schnell ein hochgradiger Wassermangel auftreten. Dessen Folgen sind gravierend: Bluteindickung, verminderte Ausscheidung gefährlicher Schlackenstoffe über die Niere mit Nierenschäden und schwerwiegenden Kreislaufproblemen bis zum Kreislaufversagen. Wassermangel reduziert auch das Schwitzvermögen und provoziert damit zusätzlich die Entstehung einer Wärmestauung.
Über den Schweiß gehen neben Wasser auch Elektrolyte verloren. Das sind wasserlösliche, mineralische Stoffe, die Flüssigkeitshaushalt und Säure-Basen-Verhältnis steuern und für die Funktion von Muskeln und Nervengewebe unerlässlich sind.
Äußerlich ist eine beginnende Dehydrierung zunächst nicht zu erkennen. Die Tiere büßen schnell
 an Leistungsvermögen und „Zugkraft“ ein, erholen sich in den Pausen schlecht und wirken zunehmend „abwesend“.
Ein einfacher Test kann den Wasserhaushalt des Körpers zeigen: Zieht man über der Schulter eine Hautfalte auf, sollte diese beim gesunden, ausreichend mit Wasser gesättigten Pferd sofort wieder verstreichen – weil das Gewebe prall mit Wasser gefüllt ist. Ein dehydrierendes Pferd jedoch hat längst seine Wasserreserven aus dem Darm und dem Bindegewebe in das Blut gezogen. Dementsprechend wirkt die Hautfalte lederartig, sie verstreicht erst nach einer bis zwei Sekunden oder bleibt sogar teilweise stehen. Das ist ein absolutes, sehr ernst zu nehmendes Warnsignal. Das Aufziehen einer Hautfalte über dem Hals ist weniger aussagekräftig.
Dass die reiterliche Belastung des Pferdes dann sofort eingestellt werden muss, um weiteren Wasserverlust durch Schwitzen zu verhindern, liegt auf der Hand. Auch sollte bei heißem und vor allem schwül-heißem Wetter, bei dem die Pferde unter Umständen auch ohne körperliche Belastung weiter stark schwitzen würden, eine ergänzende Kühlung erfolgen. Der Tierarzt muss natürlich unverzüglich kommen.
Bis zu seinem Eintreffen gilt es, dem Pferd Wasser in kleinen Mengen anzubieten: Zwei bis drei Liter alle fünf Minuten sind am Anfang genug, sonst drohen Koliken und Schockgeschehen. Stark ausgetrocknete Pferde wollen mitunter nicht mehr trinken und sind völlig apathisch. Hier kann der Reiter dann nur noch auf die rettende Wasserinfusion durch den Tierarzt warten und den Patienten in der Zwischenzeit möglichst ruhig unterbringen.

Hitzschlag birgt tödliche Risiken

Unter einem Hitzschlag versteht man eine lebensbedrohliche Wärmestauung. Die Körpertemperatur steigt dann erheblich über den Normbereich an, unter Umständen bis auf 42 Grad Celsius. Damit geraten alle Stoffwechsel-Funktionen außer Kontrolle, die Synthese von Körpereiweiß funktioniert kaum noch, der Kreislauf wird extrem belastet, das Gehirn nur mangelhaft durchblutet. Die Folgen sind erheblich:

  • deutlicher Leistungsabfall
  • unsicherer, taumelnder Gang
  • Schweißproduktion versagt später trotz Hitze völlig
  • Kreislauf-Zusammenbruch
  • Festliegen
  • Tod

Eine Wärmestauung kann nicht nur durch schwere Arbeit hervorgerufen werden, sondern auch in überhitzen Transportern, Stallzelten und bei extremer Sonneneinstrahlung ohne Schatten, besonders bei jüngeren Pferden, Fohlen und sehr alten Tieren.
Besteht der Verdacht auf einen Hitzschlag, muss jegliche Körperbelastung sofort eingestellt werden. Man bringt das Pferd in den Schatten und kühlt es intensiv am ganzen Körper mit Wasser. Ist kein Wasser vorhanden, beispielsweise auf Ausritten mitten im Gelände, kann man auf Schlamm oder feuchte Erde ausweichen. Bei Vorhandensein von Tränkwasser bietet man dem Pferd dieses in kleinen Portionen an – zwei bis drei Liter alle fünf Minuten sind ideal. Der Tierarzt muss unbedingt verständigt werden. Denn im schlimmsten Fall versagen alle Regelmechanismen des Körpers so vollständig, dass nur eine eilige Infusion und die Gabe von kreislaufstärkenden Medikamenten den Tod des Pferdes verhindern können.
Stark dehydrierte Pferde sind verständlicherweise für eine gefährliche Wärmestauung besonders anfällig, aber auch ausreichend mit Wasser versorgte und von selbst gut trinkende Pferde können beispielsweise bei Distanzritten einen Hitzschlag erleiden.

Nicht verwechseln: Sonnenstich

Mit dem Hitzschlag nicht zu verwechseln ist der Sonnenstich. Er stellt eine lokale Überhitzung von Gehirn und Nacken dar und führt dementsprechend zu typischen zentralnervösen Symptomen: taumelnder Gang, unsicheres Verhalten, Apathie. Ein Sonnenstich kommt bei Pferden selten vor. Er ist vor allem denkbar, wenn sie längere Zeit in der Sonne angebunden werden und die Sonneneinstrahlung daher immer auf die gleiche Stelle im Kopf-Nacken-Bereich fällt. Der Sonnenstich muss sofort tierärztlich behandelt werden.

Erleichterung durch einfache Maßnahmen

Pferde sind durchaus in der Lage, sich an Hitze anzupassen und können auch bei hohen Außentemperaturen erhebliche körperliche Leistungen erbringen. Das gilt aber vornehmlich für austrainierte Top-Sportpferde mit idealem Körpergewicht und optimaler Fütterung, die sich an die Arbeit unter solchen Bedingungen gewöhnen konnten. Bei anderen Pferdegruppen ist eine gesunde Vorsicht bei hochsommerlichen Temperaturen angebracht. Dabei kann man nicht nur Problemen durch Sommerhitze gut vorbeugen, sondern seinem Pferd das Leben auch leicht und angenehm machen:

  • ausreichende Versorgung mit sauberem Wasser, auch auf der Weide
  • genug Rohfaser (aus Gras, Heu, Stroh) in der Ration: bindet große Wassermengen im Darm, die als stilles Reservoir für Ausdauerleistungen zur Verfügung stehen
  • Wasserspeicherfähigkeit durch Elektrolyte verbessern (Elektrolyte im Zusammenhang mit Wassergaben verabreichen)
  • Saftfutter als Appetitanreger: Äpfel, Möhren und Rüben führen mäkelig saufenden Pferden (allerdings nur ein wenig) zusätzliches Wasser zu und stimulieren außerdem die Wasser- und Futteraufnahme
  • Reiten am besten in den späten Abendstunden oder am frühen Morgen
  • Anforderungen generell reduzieren
  • Schutz vor sommerlichem Insektenanflug

Auch mit äußerlicher Wasseranwendung kann man viel Gutes bewirken:

  • Beine, Hals und Unterbauch unmittelbar vor dem Abritt mit dem Wasserschlauch kühlen, das Pferd startet dann mit einem „Kühlungsvorteil“
  • nach dem Ritt nie kaltes Wasser aus dem Schlauch direkt auf den erhitzten Körper des Pferdes spritzen

Auf der Weide, im Auslauf und Paddock brauchen Pferde jeder Rasse im Hochsommer bei starker Sonneneinstrahlung Schatten durch die Kronen dichter Bäume oder eine Schutzhütte.

Dr. Jürgen Bartz

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