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Als Skylla und Charybdis werden die gefährlichen Felsen und Strudel in der Meerenge von Sizilien gedeutet. Illustration von Antoine Calbet (1860-1944) Foto: imago

Tonio Keller Foto: bb

In der griechischen Sage sind Skylla und Charybdis zwei Ungeheuer, die an einer Meerenge den Schiffen auflauern. Versucht der Schiffer, dem einen auszuweichen, gerät er in die Fänge des anderen. Ähnlich ist die Situation für Entscheidungsträger in der Corona-Krise: Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, Risikogruppen zu schützen und eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, haben sie Beschränkungen verhängt. Doch wenn diese zu strikt sind und zu lang andauern, stürzen sie ihrerseits Menschen ins Unglück. Das Fatale dabei: Es sind dies Abwägungen, die ähnlich wie bei Skylla und Charybdis in jedem Fall Opfer kosten. Selbst Odysseus, der Listige, verlor laut der Sage bei der Durchfahrt mehrere Kameraden.

Diese Durchfahrt ist Deutschland anscheinend relativ glimpflich geglückt – im Gegensatz zu anderen Staaten, die noch voll im Sturm segeln. Angesichts sinkender Corona-Fallzahlen konnten bei uns Beschränkungen gelockert werden, und weitere Lockerungen sind in Sicht. Wir können wieder Kaffeetrinken und ins Restaurant gehen, einzelne Verwandte und Freunde treffen. Schulen und Kindergärten machen sukzessive wieder auf. Doch die Diskussion über Lockdown oder Öffnung ist damit keineswegs hinfällig, ja sie wird weiterhin durchaus heftig geführt. Das Virus ist da und weiter infektiös. Was, wenn eine zweite Welle kommt?

Am lautesten melden sich die zu Wort, die ihren Standpunkt für den einzig vertretbaren halten. Dabei scheint die Seite, die der Gesundheit absolute Priorität einräumt, auf den ersten Blick die moralisch besseren Karten zu haben. Was könnte höher zu werten sein als der Schutz vor Krankheit oder gar Tod, namentlich von Älteren und Vorerkrankten?

Doch würde man dies radikal verfolgen, müssten Einschränkungen strikt aufrechterhalten bleiben, bis das Virus besiegt ist. Das wäre erst der Fall, wenn ein tauglicher Impfstoff gefunden wäre und großflächig eingesetzt werden könnte. Das kann sehr lange dauern. Ein anderer Ausweg wäre die Herdenimmunität, doch die bedingt die Infektion von so gut wie allen.

Auch strikte Maßnahmen seien ein kleiner Preis für Gesundheit und Rettung von Menschenleben, höre ich. Doch es geht ja nicht nur darum, auf Vergnügungen wie Partys und Urlaubsreisen zu verzichten. Was geschieht zum Beispiel während eines Lockdowns in problematischen Familien, die schon zu normalen Zeiten Hilfe brauchen, manche auch ein wachsames amtliches Auge? Wo Kinder oder Ehefrauen keine Möglichkeit haben, häuslicher Gewalt zu entgehen oder zumindest eine außenstehende Ansprechperson zu finden? Was ist mit den Senioren in Heimen, die dann wieder ihre Kinder und Enkel nicht sehen dürfen, die aber gar nicht gefragt werden, ob sie so leben wollen oder nicht? Und dann die brachliegende Wirtschaft: Man darf in ihr nicht nur Gewinnsucht sehen und die hehren Güter Gesundheit und Leben gegen den "schnöden Mammon" ausspielen! Verdienstausfälle und Pleiten ruinieren die Existenzgrundlage vieler Menschen und gerade derer, die auch bisher nicht auf Rosen gebettet sind.

Das Gute an der momentanen Situation ist, dass wieder in hohem Maße in die Entscheidung des Einzelnen gestellt ist, wie viel Risiko er eingehen will. Masken im Supermarkt zu tragen und Menschenansammlungen zu meiden, ist ein geringer Verzicht an Freiheit für die relative Sicherheit aller. Leider zeigen sich da allzu viele uneinsichtig, bilden etwa große Pulks vor Fußballkneipen oder am Strand, als ob es kein Morgen gäbe. Sie gefährden damit womöglich am Ende wieder die relative Freiheit aller. Wir wissen nicht, ob das Virus schon seinen Sättigungsgrad erreicht hat oder wieder neues Futter findet.

Dennoch: Wir müssen lernen, mit Corona zu leben, den "Tanz mit dem Tiger" zu wagen, wie es der Virologe Prof. Christian Drosten ausgedrückt hat. Leben retten heißt nämlich auch "das Leben" retten, und das bedeutet nun einmal Risiko und Scheitern, krank und gesund werden, hinfallen und aufstehen. Manchmal ist es eine Fahrt zwischen Skylla und Charybdis. Was Leben nicht ist, ist Beharren, Verhärten, Einmauern und anderen die Schuld daran zuweisen. Denn das hieße, die Fahrt verweigern und untergehen.

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