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Die Allgemeine Nahrungs- und Genussmittelausstellung Anuga ist ein Spiegel dafür, dass die sonst eher konservative Ernährungsbranche schwer in Bewegung geraten ist. Foto: Imago

Mechthilde Becker-Weigel Foto: Archiv

Die sonst eher konservative Ernährungsbranche ist schwer in Bewegung geraten. Ein Spiegel dafür ist die Allgemeine Nahrungs- und Genussmittel-Ausstellung, kurz Anuga, die alle zwei Jahre in Köln stattfindet. Sie gilt als weltgrößte Fachmesse der Ernährungswirtschaft und der Nahrungsmittelindustrie. Ein Thema, das alle Lebensmittelhersteller in Köln ansprachen, sind die gestiegenen Preise für Rohwaren und Logistik. So sagte Hermann Bühlbecker, Inhaber und Geschäftsführer des Süßwarenkonzerns Lambertz, der bekannt ist durch Aachener Printen, man müsse im Moment jeden Preis bezahlen, um die benötigte Ware zu erhalten. Preiserhöhungen seien das eine, es ginge auch darum, die Produkte überhaupt zu bekommen und sie anschließend dorthin bringen zu können, wo sie hingehören.

Die Innovationen, die auf der Messe vorgestellt wurden, setzen auf Nachhaltigkeit bis in die Verpackung, Gesundheit und Convenience, also Fertiggerichte. Ein weiterer großer Themenblock waren pflanzliche Lebensmittel und alternative Fleischproteine. Neben den klassischen Anbietern für Fleisch, Wurst und Geflügel, bot die Fachmesse auch Einblicke in die Trends rund um Fleischersatz, Milchersatzprodukte und pflanzliche Proteinquellen. Insekten sowie Fleisch aus Laborkulturen wurden von jungen Start-ups bis hin zu traditionellen Meiereien vorgestellt.

Das ging vom Bio Barista Hafer-Erbse-Drink und Hafer-Kaffeeweißer der Frischli Milchwerke über vegane Salatwürfel der Rücker Molkerei aus heimischem Hanf und Erbsenbasis bis hin zu Fleischersatzprodukten auf Milchbasis, die Friesland Campina anbot. Nestlé präsentierte Erbsendrinks und ist ins Laborfleischgeschäft eingestiegen. Während pflanzliche Alternativen und Ei-Ersatzartikel bereits bis spätestens 2023 preislich und geschmacklich voll mit den tierischen Originalen mithalten könnten, bräuchten Proteinprodukte aus Mikroorganismen noch länger, so die Einschätzungen in den Foren auf der Anuga. Bei Fleisch aus Zellkulturen erwarten die Unternehmen den Durchbruch in etwa zehn Jahren.

Seit einigen Jahren pumpen Investoren genauso wie klassische Lebensmittelkonzerne oder auch Manager wie der Ex-Metro-Lenker Olaf Koch enorme Summen in das viel versprechende Geschäft mit neuen Lebensmitteln. Laut einer Studie flossen allein im vorigen Jahr 2,4 Mrd. € in europäische Lebensmittel-Startups der neuen Generation wie Oatly, Infarm oder Picnic. Seit 2015 haben diese Unternehmen 7,8 Mrd. € an Investorengeld eingesammelt. Für die weltweit zehn größten Unternehmen im Markt für neuartige Lebensmittel weisen Studien für 2020 einen gemeinsamen Unternehmenswert von 433 Mrd. € aus. Zum Vergleich: der Unternehmenswert des weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns Nestlé wird mit 323,9 Mrd. € angegeben. Das Beratungsunternehmen Boston Consulting Group schätzt, dass weltweit das Marktvolumen für Food-Ersatzprodukte von momentan etwa 34,5 Mrd. € bis zum Jahr 2035 auf 250,7 Mrd. € steigt. Zum Vergleich: der weltweite Umsatz für Bier beträgt 2021 etwa 453,36 Mrd. €.

Die ersten Veränderungen in der Ernährung zeigen bereits einen massiven Einfluss auf das Einkaufsverhalten einzelner Gruppen. Das verändert letztlich auch die Agrarproduktion. Der Haferanbau ist ein Beispiel, das im Norden schon zu erkennen ist. So hatte sich in Deutschland die Haferfläche seit der Jahrtausendwende auf etwa 125.000 ha mehr als halbiert und dümpelte regelrecht so vor sich hin. Seit 2019 steigt der Anbau kräftig an. Ein Grund ist die stark anziehende Nachfrage aus dem Lebensmittelbereich unter anderem für Hafermilch, Porridge und Co. Im vorigen Wirtschaftsjahr ging die Hälfte der Haferernte in den Nahrungsmittelsektor, 40 % wurden verfüttert und der Rest war Saatgut oder Industriehafer. Hier entwickeln sich neue Märkte.

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