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Menschen in Mailand singen am Fenster für ihre Nachbarn und applaudieren Ärzten und Helfern. Foto: imago

Tonio Keller. Foto: Archiv

Die Corona-Krise verlangt drastische Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens. Keine Frage: Wir müssen uns an die Anordnungen halten, will heißen: Wir müssen Ansammlungen vermeiden, um der rasanten Ausbreitung des Virus etwas entgegenzusetzen. Was das in der Praxis bedeutet, brauche ich nicht auszumalen – wir erleben es seit einigen Wochen tagtäglich und in immer verschärfterem Ausmaß. Wie lange das andauern wird, weiß keiner. Doch es hilft nichts: Da müssen wir durch!

Wo wir nicht durchmüssen, ist eine Verrohung unserer Gesellschaft.

Krisen schaffen eine besondere Situation, in der sich entscheidet, auf welche Seite wir uns stellen. Besorgniserregend sind Auswüchse von Hamsterkäufen, sind Bepöbelungen von Zweitwohnungsbesitzern, sie sollten gefälligst verschwinden, sind unverantwortliche Corona-Partys, ist die Zunahme von Depressionen und häuslicher Gewalt. Und es kommt sogar schon vor, dass die allgemeine Unsicherheit kriminell ausgebeutet wird.

Hoffnungsvoll hingegen stimmen die vielen Hilfsleistungen für Kranke, Betagte und Alleinstehende, stimmen die Spenden für überlastete Hilfsorganisationen, der unermüdliche Einsatz von Ärzten und Pflegekräften bei eigenem Risiko. Sympathisch ist, dass neuerdings auch bei uns Menschen abends auf Balkonen und Terrassen für die Straße oder das Dorf applaudieren oder singen – für die Helfer, die Nachbarn, die Einsamen. In Neapel und Mailand haben sie es vorgemacht (siehe Foto). Die Krise kann die Gesellschaft sprengen oder zusammenschweißen. Beides wird geschehen, fragt sich nur, in welchem Ausmaß.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Erachtet man dies als zweit- oder drittrangig, dann ist das, "als würde man die Fische bitten, das Wasser zu verlassen, um ihr Überleben zu sichern", wie der Publizist René Schlott geschrieben hat. Das dürfen wir gerade jetzt nicht vergessen, wo wir gezwungen sind, von körperlicher Nähe abzusehen. Warum ist in den Verlautbarungen stets zu hören, man solle "seine sozialen Kontakte einstellen", statt schlicht von Menschenansammlungen zu sprechen?

Man könnte entgegnen, das werde schon richtig verstanden, doch Sprache wirkt auch unbewusst und ist umgekehrt ein Spiegel unserer Denkweise. "Soziale Kontakte" sind ja auch Telefonate und die Nutzung der digitalen Möglichkeiten – nicht umsonst heißen sie Soziale Medien – und für viele sind sie die einzigen Möglichkeiten, mit der Außenwelt in Verbindung zu bleiben. Manche kommen mit der erzwungenen Isolation besser zurecht, manche schlechter, und das umso mehr, je länger diese andauern muss.

Wenn Ratlosigkeit oder Verzweiflung überhandnehmen, ist die Suche nach Schuldigen nicht weit: die Regierungen, die Unvernünftigen, die Chinesen oder Italiener. Das macht die Lage nicht besser, er gibt uns lediglich das fragwürdige Gefühl, es besser zu wissen. Vermutlich wären umfangreichere Maßnahmen ohnehin nötig geworden. Vielleicht verhindern selbst sie nicht eine rasante Ausbreitung des Virus. Und was dann? Hüten wir uns davor, dann Schuldige zu suchen! Das wäre Gift für das soziale Gefüge.

Halten wir die notwendigen Schutzmaßnahmen ein, aber pflegen wir bitte unbedingt weiterhin unsere sozialen Kontakte – wenn auch vorläufig mit physischer Distanz. Bleiben wir soziale Wesen!

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