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So manches Gespräch dient nicht gerade der Verständigung. Foto: Imago

Tonio Keller Foto: Archiv

Was kann man wünschen für das neue Jahr? Sicher vieles, allem voran, dass es gelingt, Corona einzudämmen. Ein wichtiges Anliegen wäre mir außerdem eine Entschärfung der gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

Gewiss ist es bei uns noch nicht so schlimm wie anderswo, wo ganze Gesellschaftsschichten mit Gewalt aufeinanderprallen oder kurz davor sind. Doch auch hierzulande macht sich eine Tendenz breit, Menschen mit anderer Meinung niederzumachen.

An der Frage der Maskenpflicht oder des Lockdowns scheiden sich ebenso die Geister wie an der von Tierschutz, Dünger- und Pestizideinsatz oder Fleischverzehr, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Zwar gab es schon immer konträre Ansichten und Überzeugungen, doch scheint es, dass nun Bastionen errichtet werden, von denen aus eine fast heilige Fehde ausgerufen wird: Es soll nicht eher geruht werden, als bis die Andersdenkenden einsichtig geworden, überzeugt oder mundtot gemacht worden sind. Manchen schwebt noch Schlimmeres vor. Was dabei als selbstverständlich vorausgesetzt wird: Die eigene Sichtweise ist fraglos die richtige.

Nun ist es ja nicht falsch, zu seiner Meinung zu stehen, im Gegenteil. Man hat sie ja aus guten Gründen entwickelt und kann diese Gründe meist auch darlegen. Nur: Wird man etwas bei dem Gegner erreichen, indem man damit auf ihn eindrischt und ihm zu verstehen gibt, was für ein erbärmlicher Dummkopf er ist? "Ganz gewiss wird niemand, dem man gerade mit herabsetzender Konfrontation in die Parade gefahren ist, zerknirscht zugeben: ,Danke, dass du mir den Spiegel vorhältst! Das macht mich doch sehr nachdenklich und zeigt mir die Fragwürdigkeit meiner Position auf!'"

Der dieses Bespiel gibt, ist der Kommunikationswissenschaftler Friedeman Schulz von Thun, der zusammen mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen dieses Jahr das Buch "Die Kunst des Miteinander-Redens" herausgebracht hat. Darin leuchten die Autoren in Form eines Zwiegesprächs die Chancen und Tücken der Kommunikation aus. Weit davon entfernt, Rezepte anzubieten, geht es ihnen darum, Dilemmata in verschiedenen Situationen auszuleuchten. Und nicht immer kann ein Gespräch gelingen, ja überhaupt sinnvoll sein, wenn nun mal Mauern einander gegenüberstehen.

Doch auch die Welt der Kommunikation ist nicht schwarz-weiß, sondern besteht aus Grau- und Zwischentönen, und selbst bei einem scharfen, kontroversen Dialog ist es nicht egal, ob Argumente ausgetauscht werden oder Vorwürfe. Doch wie soll man auf Ansichten reagieren, die man nun mal für hanebüchen hält? Pörksen und Schulz von Thun unterscheiden Verstehen, Verständnis und Einverständnis. Verstehen, wie es gemeint ist – das mag trivial erscheinen, doch schon daran kann ein Dialog scheitern, bevor er begonnen hat. Verständnis ist das Nachvollziehen, wie der – oder diejenige zu einer solchen Ansicht kommen kann – das könnte sogar die fruchtbarste und erkenntnisreichste Phase einer Kontroverse werden. Doch dies ist immer noch kein Einverständnis, was bedeuten würde, die Ansicht des anderen zu teilen.

Dies zu unterscheiden kann helfen, die eigene Position deutlich zu machen und dennoch für einen Austausch offen zu sein. Fatal hingegen – und für die Vertretung der eigenen Sache völlig überflüssig – ist die persönliche Herabsetzung des Gegenübers. Pörksen: "Wenn man mit dem anderen sprechen will, ist von einem Minimum an Wertschätzung auszugehen. Denn die persönliche Attacke kränkt." Vielleicht trägt dies ja bei zu Weihnachten als Fest des Friedens – und dies ohne innere Verrenkung.

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