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Ein Landwirt ernährt heute rund 150 Menschen. Vor 50 Jahren waren es 27. Foto: adobe stock

Dr. Robert Quakernack. Foto: Archiv

Landwirte sind zu Recht auf der Zinne. Von der Politik mit Auflagen gegängelt, vom Lebensmitteleinzelhandel mit kargen Margen abgespeist und vom Verbraucher zum Schuldigen für Insektensterben und Klimawandel erklärt, ist für viele eine Rote Linie überschritten. Doch was haben die Schlepperkolonnen in den Innenstädten der Repubik bislang gebracht? Zumindest tolle Bilder für die Medien und das Gefühl, dass landwirtschaftliche Themen in der Gesellschaft wieder an Bedeutung gewonnen haben.

Eine messbare Stärkung der Betriebe, wie sie die "Bauernmilliarde" vorgaukeln soll, ist jedoch bislang ausgeblieben. Der vermeintliche Geldsegen aus Berlin scheint eher ein Wahlkampfmanöver der CSU für die am 15. März anstehende Kommunalwahl in Bayern zu sein. Es ist sicher kein Zufall, dass ausgerechnet der CSU-Vorsitzende Markus Söder die Pläne für die Bauernmilliarde vorstellen durfte.

Die Folgen einer verschärften Düngeverordnung dürften damit kaum abgefedert werden. Hier zeigt sich die EU-Kommission von den Protesten vollkommen unbeeindruckt. Die hohen absoluten Nitratwerte aus dem deutschen Belastungsmessnetz spielen bei der Begründung für ihre Forderung nach Verschärfung anscheinend keine Rolle. Brüssel stört sich vielmehr daran, dass sich die Nährstoffgehalte auch in den belasteten Messstellen nicht verringert haben.

Immerhin, die Edeka ruderte nach den heftigen Reaktionen der Bauern auf die Billigpreis-Plakate zurück und stampfte ihre Kampagne ein. Die Marketingabteilungen der Lebensmitteleinzelhändler werden sich in Zukunft genauer überlegen, ob sie Lockangebote für Kunden ausschließlich mit "niedrigsten Preisen" bewerben.

Die vom Bundeskanzleramt initiierte Bildung einer Zukunftskommission Landwirtschaft beweist, dass das Verlangen der Bauern nach mehr Dialog und Wertschätzung ernst genommen wird. Ob Landwirte, Politiker, Handel und Nichtregierungsorganisationen (NGO) bei ihren Vorstellungen auf einen Nenner kommen, ist jedoch mehr als fraglich.

Gleichwohl sollte die momentane Aufmerksamkeit klug genutzt werden. Die meisten Bürger äußern Sympathie und Verständnis für die Aktionen der Landwirte. Es geht nun insbesondere darum, die Verbraucher emotional mitzunehmen. NGO machen sich die emotionale Ebene schon lange zunutze. Sie profitieren, wenn Verbraucher den Eindruck gewinnen, dass Landwirte etwas zu verstecken haben, ihre Tiere und die Umwelt ausbeuten und nur auf Profit aus sind. Das erhöht die Spendenbereitschaft. Mit dem Finger zeigen sie jedoch auf die größten Konzerne der Branche, die wunderbar als abstrakte Bedrohung herhalten. Eine spätere wissenschaftlich-technische Erklärung kommt beim Verbraucher kaum an.

Ludwig Hirschberg, Vorstandsmitglied des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, hat die Schizo­phrenie der Branche beim Blunk-Insidertag beschrieben: NGO könnten ihn als konventionellen Ackerbauern durchaus als Zerstörer der Artenvielfalt, Grundwasserverschmutzer und als "alten weißen Mann" in die Schmuddelecke stellen. Doch man könnte genauso gut ein gegenteiliges Bild zeichnen: Jeder Landwirt produziert mehr Lebensmittel, als er verbaucht. Fast jeder Landwirt bindet mehr CO2, als er emittiert. Viele Landwirte erzeugen mehr Energie, als sie selbst nutzen. Damit stellen Landwirte im Grunde das Ideal dar, das viele NGO von der Gesellschaft in Sachen Nachhaltigkeit fordern. Diese Botschaft ist wahr und verständlich, und am wichtigsten: Sie gibt dem Empfänger ein gutes Gefühl!

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