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Dass sich zu viele nicht an die AHA-Regeln halten, müssen jetzt alle büßen. Foto: Imago

Tonio Keller Foto: Archiv

Wird eine Bestimmung erlassen, und sei sie an sich durchaus sinnvoll, so treten sogleich Fälle auf, wo dieselbe absurd wird. Bei den Corona-Regeln erleben wir das zuhauf. Bestes Beispiel ist die 15-km-Zone für Hotspots mit Inzidenzen von mehr als 200. Wer keinen triftigen Grund hat, muss in diesem Zirkel bleiben. Wozu das? Natürlich damit das Virus sich möglichst wenig weiterverbreitet.

Diese 15 km sollen ab der Gemeindegrenze gelten. Auch wenn wir in Schleswig-Holstein bisher noch nicht davon betroffen sind: Wer in Kiel wohnt, dürfte sich demgemäß in der ganzen Stadt und bis Preetz und Strande tummeln, wer in Erfde wohnt, aber nicht nach Hennstedt fahren. Halt, er dürfte doch! Denn es zählen nicht die 16,5 Straßenkilometer über Pahlen, sondern die Luftlinie quer über die Eider. Wer von beiden – der Kieler oder der Erfder – könnte denn auf seinem Wege mehr Menschen anstecken? Dazu kommt, dass die Bewohner ländlicher Bereiche auch weitere Strecken vorwiegend mit dem eigenen Pkw zurücklegen (müssen), in dem sie ohnehin in der Regel alleine oder mit Angehörigen des eigenen Haushalts sitzen. Und wer nur deswegen weiter als 15 km fährt, um im Wald oder am Strand spazieren zu gehen, verteilt auch keine Viren.

Bevor wir nun in einen Chor der Entrüstung über sinnlose Regeln einstimmen, sei zu bedenken: Jede Regel wird, wenn man sie penibel nach dem Buchstaben angewendet, an den ausgefransten Rändern ihres Geltungsbereiches sinnlos. Deshalb auf Regeln zu verzichten, wäre jedoch keine Lösung. In der Corona-Pandemie würde es der rasanten Verbreitung Tür und Tor öffnen, mit Überlastung der Kliniken und viel mehr bitteren Todesfällen als ohnehin schon. Viele Zeitgenossen werfen den Politikern vor, dass sie unsere Freiheiten unangemessen einschränken. Doch würden sie die Hände in den Schoß legen und alles laufen lassen, träfe sie der Vorwurf, die Gesellschaft nicht zu schützen – womöglich sogar vonseiten derselben Leute. Diese Gratwanderung immer wieder auszutarieren, das Für und Wider abzuwägen, die verschiedenen Meinungen zu berücksichtigen und zusätzlich die Zuspitzung oder Entspannung der jeweiligen Lage im Auge zu behalten – dies alles trägt nicht wenig dazu bei, dass Regeln erlassen werden, die mitunter seltsame Blüten treiben.

Doch viel entscheidender scheint mir der Einfluss der höchst ungleichen Verteilung von Vernunft und Unvernunft unter den Bürgern zu sein. Da gibt es Supermärkte, in denen ganz gelassen und selbstverständlich Abstand an der Kasse gehalten wird, während anderswo im Pulk auf der Straße gecornert wird. Da traut sich ein Kiosk am See nicht mehr, Coffee to go zu verkaufen, den die Spaziergänger zuvor verstreut an der Wiese oder im Auto eingenommen haben, während sich vor einem Wurstbrater eine Schlange bildet – und das im selben Kreis mit denselben Regeln. Da entwickelten vor dem Lockdown Wirte Hygienekonzepte, kauften Luftreiniger und sperrten jeden zweiten Tisch mit Flatterband, während andere Restaurants dicht besetzt waren, als ob nichts wäre.

Man gewinnt den Eindruck, dass mit dem Lockdown eher die Sorgfältigen und Umsichtigen bestraft werden als die, die sich nicht drum scheren – in der Regel ungestraft, weil es in der Fläche gar nicht kontrollierbar ist. Ist es da verwunderlich, dass die Regierenden irgendwann sagen: "Schluss jetzt! Alle machen zu, alle bleiben zu Hause!" – weil es eben anders nicht funktioniert?

Szenenwechsel weg vom alles beherrschenden Thema Corona: Ist es nicht auch in anderen Bereichen so, etwa in der Landwirtschaft? Die neue Düngeverordnung, die Tierschutznutztierhaltungsverordnung etwa bringen Härten auch für Landwirte mit sich, die gewissenhaft und umsichtig im Sinne der Umwelt und der Tiere wirtschaften. Zumindest zum Teil haben sie dies "schwarzen Schafen" in der Branche zu verdanken. Mit Initiativen wie "Kooperation statt Ordnungsrecht" will der Bauernverband vermeiden, dass per Gesetz flächendeckend alle in Haftung genommen werden – was zwangsläufig Kollateralschäden nach sich zieht. Doch das kann nur Erfolg haben, wenn das Augenmerk nicht darauf gerichtet wird, Schlupflöcher ausfindig zu machen und Schwarze Peter zu verschieben, sondern man gemeinsam an einem Strang zieht. Vielleicht könnte Corona uns das lehren.

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