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Der Haubarg Blumenhof in Tating beeindruckt mit seinen Dimensionen. Allein die Dachfläche ist imposant, aber im Unterhalt auch sehr teuer und aufwendig. Foto: privat

Iris Jaeger Foto: Archiv

"Oh schaut mal, ein Haubarg, wusstet ihr eigentlich, dass ...", jedes Mal, wenn wir in Richtung St.Peter-Ording über die Halbinsel Eiderstedt fuhren, mussten meine Mitreisenden im Auto einen ausführlichen Vortrag zu den Haubargen auf Eiderstedt über sich ergehen lassen. Zum Ende meines Studiums hatte ich ein Abschlussreferat gehalten, in dem es um Haubarge und deren Verschwinden ging, denn auch Bauernhäuser können aussterben. Durch das Referat entstand meine Faszination für diese Bauernhaus-Giganten. Daran sollten möglichst viele teilhaben, um mit Begriffen wie Vierkant, Gulf, Schunk, Döns, Pesel, Alkoven oder Bilegger etwas anfangen zu können.

So schön und eindrucksvoll diese Gebäude erscheinen, für die heutige Landwirtschaft sind sie schon lange nicht mehr nutzbar und rentabel. Zum Liebhaben und Besitzen sind sie wahnsinnig teuer und aufwendig im Unterhalt. Nur noch 50 von einst 400 Haubargen sind in ihrer typischen Bauweise auf Eiderstedt vorhanden, immer weniger befinden sich im heimischen Familienbesitz. In der Vergangenheit fielen viele dieser Bauernhäuser dem Verfall zum Opfer, wurden abgerissen, für Brandschutzübungen genutzt oder baulich so verändert, dass der Charakter des Haubargs verloren ging. Zwar werden wieder verstärkt Haubarge von auswärtigen Interessenten aufgekauft, die Wert darauf legen, die Gebäude stil- und fachgerecht zu sanieren, doch stehen diese Häuser im Winter oft leer. Die Eiderstedter Haubargbesitzer selbst haben mitunter keine andere Möglichkeit, als ihre Bauernhäuser behutsam zu Ferienwohnungen, Ateliers, Cafés oder für Ausstellungen umzunutzen, um so ein kleines Zubrot zum Unterhalt der Gebäude zu verdienen.

Der Sanierungsbedarf der Haubarge ist groß, vor allem wegen der großen Reetdächer. Hinzu kommt eine immer stärker werdende Vermoosung, die das Reet schneller verrotten lässt. Die Interessengemeinschaft Baupflege Nordfriesland und Dithmarschen, die sich seit mehr als 40 Jahren für den Erhalt historischer Baukultur einsetzt, sieht ebenso wie viele der Haubargbesitzer die öffentliche Hand in der Pflicht. Zu Recht fordern sie von der Landesregierung eine finanzielle Unterstützung für das baukulturelle Erbe Schleswig-Holsteins, zum Beispiel in Form eines Sonderprogramms Haubarg sowie bei der Ursachenforschung der Vermoosung. Wenn auch noch nachfolgende Generationen diese einmaligen Gebäude in ihrer ursprünglichen Form erleben sollen, muss jetzt gehandelt werden, müssen die Haubargbesitzer als Bewahrer des einzigartigen Kulturguts finanziell unterstützt und ihrem Engagement bestärkt werden. Das gilt auch für all die anderen Bauernhaustypen im Land. Denn eines sollte auf jeden Fall verhindert werden: dass Bauernhäuser bald nur noch in Freilichtmuseen wie in Molfsee im Original zu sehen sind, wie vom Aussterben bedrohte Tierrassen in Zoos!

Mittlerweile halte ich beim Anblick eines Haubargs keine Vorträge mehr, aber meine Faszination für diese Häuser ist geblieben. Umso mehr freut es mich, dass die Interessengemeinschaft Bauernhaus den Haubarg zum Bauernhaus des Jahres 2021 gewählt hat, um auf den baukulturellen Wert und die Schutzbedürftigkeit dieses regionalen Haustyps auch bundesweit aufmerksam zu machen. Egal ob Haubarg, Geesthardenhaus, das Utlandfriesische Haus, die vielfältigen Bauernhaustypen in Schleswig-Holstein dürfen nicht gänzlich verschwinden, denn sie sind ein Spiegel der Landschaft und der Menschen, die dort leben, arbeiten und sich für deren Erhalt engagieren.

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