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Keine 24 Stunden nachdem die Corona-Warn-App aktiv war musste Tönnies den Betrieb schließen. Foto: Dr. Robert Quakernack

Mechthilde Becker-Weigel Foto: bb

Schnitzel könnten hier und da kurzfristig von der Speisekarte verschwinden, denn 20 % der deutschen Schlacht- und Fleischverarbeitungskapazitäten sind in dieser Woche stillgelegt worden. Es sah alles so gut aus, die Neuinfektionen mit dem Corona-Virus waren deutlich zurückgegangen, und die ersten Lockerungen wurden als wiedergewonnene Freiheit und Lebensqualität empfunden. Da schlug die Nachricht aus Rheda-Wiedenbrück in NRW wie ein Blitz ein: Das Schlachtunternehmen Tönnies musste am Mittwochmittag wegen des drastischen Anstiegs der Corona-Infektionen unter den Mitarbeitern seinen Betrieb einstellen.

Bei den ersten Ausbrüchen bei mehreren Mitbewerbern im April klagte das Unternehmen noch, die Branche werde unter Generalverdacht gestellt. Dann in den vorigen Wochen sparte der Branchenprimus nicht an Ratschlägen und Initiativen. Selbst am Mittwochmorgen sprach Konzernchef Clemens Tönnies noch davon, eine Schließung komme nicht in Frage, weil es sich um einen systemrelevanten Betrieb handele. Er wolle die Lage durch kleinere Schlachtzahlen in der nächsten Zeit in den Griff bekommen – durch größere Abstände sowie eine verringerte Anzahl von Mitarbeitern und bessere Belüftung, das meldeten die Ruhrnachrichten.

Der Kreis Gütersloh hat dagegen sofort reagiert und 7.000 Menschen unter Quarantäne gestellt. Betroffen sind alle Personen, die auf dem Werksgelände gearbeitet haben. Außerdem wurden noch am Mittwoch alle Schulen und Kitas bis zum Beginn der Sommerferien Ende Juni geschlossen. Einen allgemeinen Lockdown für den Kreis soll es nicht geben, obwohl die Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen deutlich überschritten ist.

Am Tönnies-Standort in Rheda-Wiedenbrück arbeiten 6.000 Menschen. Die Schlacht- und Verarbeitungskapazität liegt bei 30.000 Schweinen täglich. Konzernweit schlachtet Tönnies jährlich 20 Millionen Schweine, davon 16 Millionen in Deutschland. Damit ist Tönnies der Branchenprimus mit 30 % Marktanteil. Die Schließung des Schlachthofes in Rheda-Wiedenbrück dürfte massive Folgen für die Versorgung der Wurstindustrie und des Lebensmitteleinzelhandels mit Fleisch haben, weil kurzfristig 20 % der Fleischprodukte auf dem deutschen Markt fehlen werden.

Die Landwirtschaft sitzt mit im Boot, wenn der größte Abnehmer dicht macht und keine Alternativen zur Vermarktung in Sicht sind. Es wird zwar darüber gesprochen einen, Teil der Schlachtungen in andere Betriebe zu verlegen. Dann stellt sich sofort die Frage: Wie stabil ist die Situation dort, und wie weit sind die Transportwege?

Der Shutdown hat Deutschlands Schlachtunternehmen Nummer eins an seinem größten Standort getroffen, keine 24 Stunden nachdem die Corona-Warn-App online war, keine 24 Stunden nachdem der Ethikrat sein Gutachten zur Tierwohlachtung vorlegte und darin auch auf die prekäre Arbeitssituation der Schlachthofmitarbeiter hinwies. Da wundert es nicht, wenn es wieder Systemkritik hagelt. Es sei ein Unding, dass Kinder und Eltern die Zeche für die schwerwiegenden Versäumnisse von Tönnies zahlen müssten. Es müsse Schluss sein damit, dass die Fleischindustrie weiterhin auf Kosten von Mensch und Tier wirtschafte, hieß es gleich in den Sozialen Medien. Die Rote Branche hat es in der Hand, wie die Arbeitsbedingungen nach dem Lockdown gestaltet werden – und ob Schnitzel auf dem Speiseplan bleiben.

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