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Den Schweinehaltern reichts, Eintritt zu zahlen, wenn sie in den Stall gehen. Foto: Agrar-Press

Mechthilde Becker-Weigel. Foto: Archiv

1,30 € je Kilogramm Schweinefleisch und 25 € für ein Ferkel, das bedeutet für Mäster und für Sauenhalter gleichermaßen, jedes Mal Eintritt zu zahlen, wenn sie in ihren Stall gehen. Das heißt nicht nur extremes Preistief, sondern auch Stimmungstief bei den Schweinehaltern, und manch einer überlegt sich, wann er seinen Stall für immer zumacht. Die ersten Mäster machen bereits eine Pause beim Einstallen und Sauenhalter werden zurückhaltender bei der Belegung. Die Schlachtunternehmen fahren ebenfalls zurück. Trotz Preisrückgang der Schlachtschweine um 7 ct/kg werden die Kapazitäten der Schlachtbetriebe nur noch zu 80 % ausgelastet. Der Fleischabsatz ist schwierig. Chinas Nachfrage schwächelt und vor allem der mangelnde Inlandsabsatz wird beklagt, die Grillsaison war nicht zufriedenstellend.

Gleichzeitig kündigten die Kölner ReweGroup und der dazugehörige Discounter Penny an, 95 % ihres konventionellen Sortiments an Schweinefrischfleisch auf deutsche Herkunft bis zum Sommer 2022 umzustellen und darüber hinaus die garantierten Mindestpreise für die Schweinehalter anzuheben. Das teilte das Unternehmen am Montag dieser Woche mit. Damit sollen die Erzeuger mehr Planungssicherheit erhalten und in der Krise gestärkt werden. Das Bekenntnis der Rewe-Group zu "5D" bei Schweinefleisch bedeutet Geburt, Aufzucht, Mast, Schlachtung und Zerlegung beziehungsweise Verarbeitung in Deutschland.

Die Rewe-Group ist damit der Dritte im Bunde, der sich öffentlichkeitswirksam um den Fleischmarkt und die Schweinehaltung im Speziellen sorgt. Ende Juni hatten Aldi Nord und Süd angekündigt, als erster Lebensmitteleinzelhändler bis 2030 nur noch Fleisch aus Haltungsstufe 3 und 4 anzubieten, das bedeutet Frischluft- und Biohaltung. Der Discounter will einen Wandel in der gesamten Wertschöpfungskette der Fleischproduktion anstoßen und bis 2025 sämtliches Fleisch der Haltungsstufe 1 aus dem Sortiment entfernen, hieß es. Anfang Dezember vorigen Jahres gab die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl und Kaufland gehören, als Reaktion auf die Bauernproteste bekannt, über die Initiative Tierwohl (ITW) 50 Mio. € zur Unterstützung der Landwirte zur Verfügung zu stellen.

ITW-Ware scheint den Verbraucher nicht mehr zu interessieren, seit der Wechsel weg vom ursprünglichen Fondsmodell stattfand, das Handel und Verarbeiter zahlten. Der Aufschlag an der Ladenkasse kommt nicht gut an. Der sichere Weg zur Prämie für die Landwirte geht jetzt nur noch über eine feste Vertragsbindung zum Abnehmer, sei es der Schlachtbetrieb oder eine Erzeugergemeinschaft. Ware ohne Abnahmevertrag landet im normalen Programm zum Niedrigpreis. Auch beim Angebot der ReweGroup werden die Mindestpreise an konkrete Mengenverträge mit Schlachtbetrieben gebunden sein.

Damit liegen einige Ansätze aus der Lebensmittelbranche auf dem Tisch, mit einer Menge ungeklärter Fragen. Es beginnt mit Laufzeiten für Abnahmevereinbarungen, die kein Zeitfenster für Investitionen abbilden. Außerdem wird bislang nur über Frischfleisch gesprochen und die Fleischwarenindustrie hat sich weggeduckt. Die Vergabe der Unterstützungszahlungen verlief nach dem Windhundverfahren, wie bei der Schwarz-Gruppe erlebt. Dabei sind die Vorschläge der Borchert-Kommission noch nicht einmal beschlossen, geschweige denn umgesetzt. Für den Lebensmittelhandel geht es um Rohstoffsicherung, Pioniergewinne und Publikumseffekte. Ankündigungen reichen nicht mehr. Für die Schweinemäster und Sauenhalter geht es um den Erhalt ihrer Betriebe. Die Fehler sind erkannt, die Vorschläge sind ausbau- und verbesserungsfähig, um eine Perspektive zu gestalten. Alles andere wäre eine Sauerei.

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