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„Hab ich nicht recht?“ Grafik: Peter Jantsch, Buchtitel „Glück und Gelingen im Familienbetrieb“/wf

Tonio Keller Foto: Archiv

In dem Roman "Unterleuten" von Juli Zeh, der von den Streitfällen in einem Dorf mit diesem erfundenen Namen handelt, zieht die Erzählerin am Ende ein bemerkenswertes Fazit: In Unterleuten "bewohnt jeder Mensch ein eigenes Universum, in dem er von morgens bis abends recht hat". Ist das nicht herrlich? Ist das nicht furchtbar? Dabei bringt der Leser für eine Person, die ihm gerade als abgrundtief böse oder verachtenswert geschildert wurde, im nächsten Kapitel durchaus Verständnis auf, wenn er von deren Situation, Geschichte, Beweggründen erfährt. Die Figuren selbst aber tun dies nicht, sie verrennen sich immer mehr.

Auch die Leserbriefseiten von Zeitungen, geschweige denn die Sozialen Medien sind voll von Beteuerungen, recht zu haben. Auch das Bauernblatt erhält solche Zuschriften und Anrufe – in jüngster Zeit leider vermehrt.

In solchen Fällen geht es nicht um einen Dialog, um das Abwägen von Argumenten, um ein Für und Wider, vielleicht ein Einlenken in der einen Sache, ein Überzeugen oder Überzeugtwerden in einer anderen, eventuell um einen Kompromiss, mit dem beide Seiten leben können. Ein Gespräch – durchaus auch ein Streitgespräch – ist dann fruchtbar, wenn sich daraus etwas entwickeln kann, wenn es einen Zuwachs an Erkenntnis oder Einsicht bewirkt. Doch dazu ist es erforderlich, sich auf den Gesprächspartner einzustellen, ihm zuzuhören, gegebenenfalls nachzufragen, aber auch die eigenen Anliegen verständlich und vielleicht genauer als bisher zu formulieren, etwaige Missverständnisse zu bemerken und auszuräumen. Kurzum, es ist ein dynamisches Geschehen, dessen Resultat vorher nicht feststeht. Ergebnisoffen, würde man heute dazu sagen.

Wie öde ist es dagegen, sich nur gegenseitig zu beweihräuchern und beizupflichten! Erstaunlich, dass so manche Gespräche allein dieses Ziel zu verfolgen scheinen. Die eigene Meinung soll bestätigt werden, und nur dies! Habe ich nicht recht? Ich habe recht, oder? Und lasse nicht eher ab, als bis ich Zustimmung bekomme.

Muss dies nicht von einer großen Unsicherheit zeugen, von sehr geringem Selbstbewusstsein? Das, anstatt gestärkt zu werden, immer wieder gekränkt wird, weil sich der Gesprächspartner schließlich unter einem Vorwand abwendet. "Die Leute, die immer recht haben, sitzen am Ende am Tresen alleine", hat mal ein Bekannter gesagt.

Apropos Tresen: Wenn ich in einem Café sitze und etwas lese, kommt es vor, dass ich nach einer Weile unruhig und leicht unwillig werde ob eines Gesprächs am Nachbartisch, dem ich gar nicht zuhören wollte. Aber nun werde ich aufmerksam und bemerke, was mir unstimmig vorkommt: Es redet unentwegt die eine Person, die andere gar nicht, oder sie brummt Beipflichtung.

"Wir wollen, dass Sie Ihr Recht bekommen", lautete einst der Werbeslogan einer Rechtsschutzversicherung. Recht zu haben, recht zu bekommen ist eigentlich eine juristische Angelegenheit. Durch ein gerichtliches Urteil gemäß den geltenden Gesetzen wird ein Streitfall entschieden – nach Durchgang aller Instanzen endgültig. Doch selbst vor Gericht steht am Ende oft kein klares Schuldig-Unschuldig, sondern ein Vergleich, ein Kompromiss.

Was haben die Leute in Unterleuten davon, dass sie recht haben? Nichts! Am Schluss sind sie fast alle vereinsamt, verbittert, gescheitert.

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