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Die Corona-Pandemie führt zu extremen Marktausschlägen. Zwischen flotter Nachfrage und einem regelrechten Lockdown liegt nur ein schmaler Grat. Foto: agrar-press

Mechthilde Becker-Weigel. Foto: Archiv

Die Milch macht's nicht mehr lange und wird ein Opfer der Corona-Pandemie. Das ist die große Sorge auf den Höfen und in den Meiereien. Seit dem Lockdown ist der Milchmarkt gespalten. Die Nachfrage im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) ist zwar stark gestiegen, doch gleichzeitig erleben das Gastronomie- und Großhandelsgeschäft sowie der Export massive Einbrüche. Normalerweise werden 35 % der deutschen Milch über den LEH verkauft, und nur dieser Absatzweg profitiert von der erhöhten privaten Nachfrage. Bis zum Corona-Shutdown flossen 50 % der Milch in den Export, 15 % gingen an Weiterverarbeiter sowie Großverbraucher wie Gastronomen. Damit sind zwei Drittel des Milchgeschäfts durch Corona aufs Stärkste beeinträchtigt, und kurzfristige Lösungen scheinen rar. Die gesamte EU ist betroffen, die drohende Krise sorgt für massive Unruhe.

Es konnte natürlich nicht lange dauern, bis die ersten Stimmen laut wurden, die ein Zusammenbrechen des Marktes beschwören. Die Vorstellungen verschiedener Gruppen und Organisationen haben sogar den rechtlichen Rahmen der EU aus dem Blick verloren. Denn verbindliche, pauschale Kürzungen der Milchmenge sind nicht Teil des Martkordnungsrechtes und liegen außerhalb der EU-rechtlichen Möglichkeiten.

Seit Dienstag läuft die Diskussion in einer neuen Richtung. EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski will die Agrarmärkte in der Corona-Krise stützen, es soll doch Beihilfen zur privaten Lagerhaltung (PLH) von Magermilchpulver, Butter, Käse, Rindfleischedelteilen sowie Lamm- und Ziegenfleisch geben. Die Rede ist von 80 Mio. €. Am Mittwoch hieß es, 30 Mio. € sollen für den Milchmarkt zur Verfügung stehen. Das ist sicher ein starkes Zeichen. Die Aufzählung der Produkte für die PLH lässt dennoch die Frage zu, ob Wojciechowski wirklich den Milchmarkt meint. Fungiert nicht vielmehr der Fleischmarkt als Treiber dieser Entscheidung, um südosteuropäische Mitgliedstaaten oder Frankreich und Italien zufriedenzustellen?

Genau betrachtet zeigen die Warenströme: Nicht die gesamte Milchbranche hat ein Problem, vielmehr stecken einzelne Unternehmen in der Krise. Erinnern wir uns an BSE, die Finanzkrise 2008, die Milchkrisenjahre 2015/16, die Trockenheit 2018. Die Landwirtschaft und die Meiereien haben schon einige Krisen erlebt und sollten sich deshalb ihrer eigenen Kräfte und Möglichkeiten bewusst sein. Es gibt Meiereien, die händeringend nach Milch suchen, und andere wissen nicht wohin mit ihren Überschüssen. Allein deshalb ist zu bedenken, dass man Betriebe gehörig in Bedrängnis bringen könnte, wenn die Milchanlieferung flächendeckend zurückgefahren würde. Aktionen in puncto Milchmengenreduktion können nur gezielt und freiwillig zum Ergebnis führen. Erste Erzeugerorganisationen und Branchenverbände rufen zu solidarischen Aktionen auf. Die ersten Meiereien sind bereits aktiv und tauschen Milch aus, um Überschüsse möglichst zu vermeiden oder knapp zu halten.

Es ist nicht die Zeit für Mitnahmegeschäfte, das gilt für alle und vor allem für den LEH. Über Preissenkungen auch nur nachzudenken geht gar nicht. Gut, dass Einiges auf den Weg gebracht ist, das hätte aus heutiger Sicht schneller gehen müssen. Der größte Teil der Branche hat sich mit der Sektorstrategie 2030 für gemeinsame Lösungen der gesamten Kette ausgesprochen. Corona wird noch einige Themen zusätzlich auf die Agenda setzen, auch im Austausch mit der Politik. Wie sieht es zum Beispiel mit der Versorgungssicherheit der Bevölkerung in der EU aus, und welche Hausaufgaben sind zu machen? Auch wenn's schwerfällt, zusammenhalten auf allen Ebenen ist jetzt mehr als eine Tugend.

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