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In einer Diskussion geht es nicht darum, den anderen zu besiegen. Foto: imago

Tonio Keller. Foto: Archiv

"Dichter Dorlamm lässt nur äußerst selten
andre Meinung als die seine gelten.
Meinung, sagt er, kommt nun mal von ,mein',
deine Meinung kann nicht meine sein!"
Der Vers von Robert Gernhardt trifft es auf den Punkt: Meinung ist etwas höchst Persönliches, weshalb wir sie uns ungern abspenstig machen lassen. Das ist verständlich, aber auch heikel, denn wozu sollte Meinung gut sein, wenn sie nicht mit anderen in Austausch tritt?

Mit einem, der keine Meinung hat oder mit ihr hinter dem Berg hält, lässt sich nicht diskutieren. Mit einem, der wie "Dichter Dorlamm" nur seine eigene Meinung gelten lässt, auch nicht. Diskussion lebt vom Austausch der Standpunkte, von der Reibung, aber auch von der Bereitschaft, ein gegnerisches Argument gelten zu lassen, wenn es stichhaltig ist. Wer mit dem Auto falsch abgebogen ist und seinen Irrtum bemerkt, hat auch nichts davon, auf der eingeschlagenen Route zu beharren.

Davon lassen leider viele Diskussionen dieser Tage zu wünschen übrig. Wütende Angriffe, Beleidigungen und Schlimmeres sind nicht nur in Sozialen Medien, sondern auch in Leserbriefen und persönlichen Äußerungen an der Tagesordnung. Anscheinend möchte man damit seinen Gegner am liebsten aus der Welt schaffen, zumindest aber zum Verstummen bringen und handlungsunfähig machen. Es sei vorweg gesagt: Dieses Ziel wird nie erreicht.

Was stattdessen erreicht wird, ist die Vergiftung der Atmosphäre und die Verhinderung von wirklicher Diskussion. Davon aber lebt Demokratie. Man kann zum Glück davon ausgehen, dass nicht die Mehrheit der Bevölkerung solche Hasstiraden teilt, doch sie beherrschen das öffentliche Meinungsbild allzu sehr.

Aus welcher Quelle speisen sich diese Wutausbrüche? Da muss man nicht lange suchen, das wird von den Autoren direkt mitgeliefert: aus dem Empfinden, nicht gehört zu werden, nicht berücksichtigt zu werden, ohne Einfluss zu sein. Aus dem Gefühl der Benachteiligung heraus glaubt man sich im Recht, alle Rücksichten fahren und seiner Wut freien Lauf zu lassen, quasi um eine Art Waffengleichheit herzustellen. Ich sagte es bereits: Es scheitert ausnahmslos. So bleibt die Wut ziellos und erschöpft sich nicht.

Sind denn aber diese Wutbürger zumindest im Recht? Ein hauptsächlicher Vorwurf an die Medien, auch an das Bauernblatt, ist der, den sogenannten Mainstream zu bedienen und anderslautende Meinungen zu unterdrücken. Ist das zutreffend? Ein Beispiel: Ein Leser war der Überzeugung, das Bauernblatt drucke nur Leserbriefe einer bestimmten inhaltlichen Ausrichtung ab und unterdrücke abweichende. Er wisse von zahlreichen solchen Leserbriefen, die keinen Eingang ins Heft gefunden hätten. Tatsächlich aber erreichte das Bauernblatt in dem betreffenden Fall kaum mehr als eine Handvoll solcher Einsendungen. Einige davon vergriffen sich beleidigend im Ton, die übrigen wurden sehr wohl abgedruckt.

Wie steht es um die Behauptung, man dürfe seine Meinung nicht mehr sagen – wenn man sie gerade in dem Augenblick sagt, ja ungehindert sagen darf? Die Medien – nicht nur die Sozialen –, die Stammtische und Bäckereicafés sind voll von Äußerungen, die angeblich verboten oder unterdrückt sind. Vielleicht gibt es ja einen guten Grund, warum sie vom verachteten Mainstream nicht geteilt werden. Doch, es darf jeder seine Meinung sagen. Das bedeutet nicht, dass man ihr auch zustimmen muss, dass man ihr nicht widersprechen darf!

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