Zur Navigation springen Zum Inhalt springen

Bauern sind Experten darin, ihre Arbeitsweisen an sich verändernde Rahmenbedingungen anzupassen – und zwar nicht nur bei der Witterung. Foto: imago

Sönke Hauschild. Foto: bb

Landwirte jammern dauernd und über alles, wird gesagt. Dabei gebe es doch nur vier Probleme im landwirtschaftlichen Jahr: Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter. Bauern werde nach der Geburt ein Stein auf die Brust gelegt, damit sie das Stöhnen lernten. Tatsächlich reden Bauern viel über ihre Rahmenbedingungen. Wahrscheinlich sogar mehr als andere. Doch warum reden Landwirte dauernd darüber? Weil diese unsicher sind. Natur und Politik, Markt und Meinungen. Wer sonst hat mit dieser geballten Ladung an Unsicherheit zu tun?

Manch anderer sieht sich politischer Unsicherheit gegenüber, wie die Lehrer, die nach jedem Regierungswechsel eine neue Schulpolitik fürchten. Polizisten sehen sich einer kritischen Öffentlichkeit gegenüber und finden das oft ungerechtfertigt. Aber das Einkommen ist bei beiden sicher. Und die Natur stört nur bei Regenwetter. Mit dem Markt hat auch der Lebensmittelhandel zu tun, doch Oligopolstrukturen helfen, den Gewinn zu halten. Und Negativmeinungen lassen sich bei einer gefüllten Brieftasche gut wegstecken. Wer verbeamtet im Büro arbeitet, der genießt eine große Sicherheit, gerade in heutiger Zeit. Mancher Fabrikarbeiter sehnt sich in der sich andeutenden Wirtschaftskrise danach.

Unsicherheit weckt das Bedürfnis nach Austausch, nicht nur bei Landwirten. Denn der Austausch hilft, die Auswirkungen besser abschätzen zu können, frei nach dem Motto: Die beste Lehre ziehe ich aus den Erfahrungen meines Nachbarn. Und worüber spricht man? Nicht über das schöne Wetter. Nicht über solide Schweinepreise. Nicht über klare politische Vorgaben. Damit kommt jeder Bauer zurecht. Man spricht über Negativentwicklungen: Wie soll ich die Vorgaben der Düngeverordnung bewältigen? Wie die Tierschutznutztierhaltungsverordnung? Wie die unrentablen Preise für Milch? Austausch hilft, Meinung zu bilden, Forderungen zu formulieren, selber aktiv zu werden. Das Jammern ist kein Jammern, sondern ein ernsthafter Austausch, oft geprägt von Emotionen. Denn an der Lösung, die je nach Betrieb unterschiedlich ausfallen muss, hängt die familiäre Zukunft. Auch das Schimpfen, "sich mal Luft zu machen" gehört dazu, wenn man nur nicht dabei stehen bleibt.

Lothar Späth (CDU), ehemals Ministerpräsident von Baden-Württemberg, hat einmal gesagt, was er an Deutschland am liebsten mag, nämlich "die Menschen. Dass sie schimpfen und machen". Es gibt wohl wenige Nationalitäten, die derart viel kritisieren. Doch diese Kritik richtet sich nicht nur gegen andere, sondern auch gegen uns selbst. Und sie führt zu Veränderungen. Die Anwendung von Kritik ist ein Grund für unsere weltweite Wettbewerbsfähigkeit in vielen Bereichen.

Dieser Charakterzug ist auch den Bauern gemein. Sie machen; in der Corona-Zeit haben sie es wieder bewiesen. Das ist für viele Bauern selbstverständlich. Bauernverbandspräsident Werner Schwarz hat das kürzlich so formuliert: "Für mich bedeutet Systemrelevanz, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Landwirtschaft muss sich den Aufgaben, die sie zur Sicherstellung der Ernährung der Bevölkerung hat, stellen und sie professionell erfüllen. Systemrelevanz rechtfertigt keine Überheblichkeit. Wir müssen einfach das tun, was von uns erwartet wird, nämlich fachlich und sachlich weiterarbeiten."

Jammern ist nicht angesagt, Kritik sehr wohl. Und dann machen!

nach oben