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Wenn immer mehr Landgasthöfe schließen müssen, geht ein Kulturgut verloren. Foto: Mechthilde Becker-Weigel

Tonio Keller Foto: Archiv

"Homedrinking is killing Gastwirt" – dieses Schild las ich mal in einer Kneipe. Der Scherz scheint sich derzeit auf bittere Weise zu bewahrheiten. Mit am härtesten erwischt hat die Corona-Krise die Gastronomie, und die schwersten Zeiten könnten erst noch kommen.

Kompletter Lockdown im Frühjahr, in dem sich viele mit Außer-Haus-Verkauf über die Runden zu retten versuchten. Seit der Wiederöffnung Abstandsgebot, Personenbeschränkung, Maskenpflicht außer am Sitzplatz. Vor allem aber ausbleibende Reservierungen und weniger Besuche, da die Leute vorsichtig geworden sind oder die Lust an solcherart Spaßbremse verloren haben. Man kann sich ausmalen, welche Konsequenzen das für die Wirte hat! Es scheint ein Wunder, dass die meisten Landgasthöfe, die nicht schon vor Corona vor der Pleite standen, immer noch geöffnet haben. Jedenfalls hat dies eine punktuelle Recherche des Bauernblatts ergeben.

Doch Entwarnung ist nicht angebracht: Die Krise geht weiter, ja verschärft sich wieder. Bundesweit werden tägliche Infektionszahlen gemeldet, die sogar höher sind als zur Hochzeit im Frühjahr, wobei damals noch nicht so häufig getestet werden konnte wie jetzt. Wie auch immer: Die zweite Welle ist da. Oder ist sie eher eine Dauerüberschwemmung? Wie sollen die Gasthöfe, die den ersten Sturm mit gerefften Segeln abgewettert haben, ein Dauertief überstehen? Dehoga-Landesgeschäftsführer Stefan Scholtis prophezeit, dass sich "das ganze Malheur erst mit zeitlichem Verzug zeigen" werde, denn wer den Betrieb seit Generationen führe, werde ihn nicht Hals über Kopf zumachen. "Die Zahlen, die ,Um Gottes Willen!' schreien, die kommen erst noch."

Eines allerdings ist anders als beim ersten Ausbruch von Corona: Von einem totalen Lockdown – obwohl in Nachbarländern wie aktuell den Niederlanden oder Tschechien durchaus praktiziert – will bei uns kein Politiker mehr gern sprechen. Man will der Pandemie flexibel und regional gezielt gegensteuern. Nur Hotspots mit mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen sieben Tagen sollen mit scharfen Auflagen belegt werden, und dabei stehen vor allem die Metropolen im Fokus. Verschontere Gebiete will man in relativer Ruhe lassen. So entsteht ein ständig flackernder Flickenteppich der Regelungen, der massiv in der öffentlichen Kritik steht. Doch das ist der Preis für die Flexibilität, die ja ebenfalls öffentlich eingefordert wird. Der Ruf nach Einheitlichkeit bedeutet letztlich den Ruf nach den schärfsten Regeln für alle.

Nun könnten wir doch in Schleswig-Holstein in unserer sprichwörtlich frischen Luft aufatmen, oder? Unsere Infektionszahlen sind bisher mäßig, und ein Gewimmel wie in Hamburg oder Berlin, wo das Virus fröhliche Urständ feiert, haben wir hier nicht so. Das stimmt zwar, aber um auf die Landgasthöfe zurückzukommen: Denen droht jetzt das Gespenst "Beherbergungsverbot". Gäste, die aus Risikogebieten kommen, dürfen nur übernachten, wenn sie einen negativen Corona-Test vorweisen. Der Aufwand ist hoch, der Streit darüber heftig, die Regeln bundesweit uneinheitlich, die Abschreckung der Gäste groß. Wenn einem Wirt ein Hotel als zweites Standbein über die Runden geholfen hat, droht ihm nun auch dieses wegzubrechen.

Es werden noch viele Federn lassen. Bleibt zu hoffen, dass unsere Landgasthöfe die Krise überstehen. Mit ihnen würde ein weiterer Kulturwert untergehen.

 

Info: Das Beherbergungsverbot in Schleswig-Holstein wurde inzwischen gerichtlich aufgehoben.

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