Zur Navigation springen Zum Inhalt springen

Folkloristische Einlagen der bayerischen Alphornbläser fielen im Streamingprogramm aus. Foto: Imago

Mechthilde Becker-Weigel Foto: Archiv

Die Mutter aller Landwirtschaftsmessen, die Grüne Woche, ist in diesem Jahr 95 geworden. Es war ein ruhiges Jubiläum. Die Lodenmantelträger aus den ländlichen Regionen, die der Messe in den Anfängen ihren Namen gaben, waren nicht dabei. 400.000 Besucher aus aller Welt, die sonst die Hallen stürmen, mussten dieses Mal zu Hause bleiben. Keine Häppchen, keine Empfänge, keine Hallenparties und kein Besuch in der so beliebten Tierhalle. Die Feier fiel aus. Dafür konnte man die Diskussionsrunden bei Bedarf sogar in Jogginghose am Bildschirm von zu Hause verfolgen.

Aus Pandemiegründen musste die Grüne Woche rein digital stattfinden. Sie dauerte auch nicht wie sonst eine Woche, sondern zwei Tage, die voll waren mit gestreamtem Programm. Ein herber Einschnitt für das weltweit größte Schaufenster der Agrar- und Lebensmittelbranche. "Das ist sehr schade und tut weh", sagte Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied bei der digitalen Eröffnung. "Lebensmittel müssen Sie fühlen, schmecken und riechen – das fällt alles weg." Dafür hatten die Organisatoren jetzt mit den alltäglichen Widrigkeiten der Videokonferenzen zu kämpfen, von Aussetzern bei der Übertragung bis zum obligatorischen Einleitungssatz jeder digitalen Gesprächsrunde: "Kann man mich hören?". So gestand auch Martin Ecknig, der neue Chef der Berliner Messe: "Es besteht eine gewisse Müdigkeit, die Welt auf 15 Zoll zu reduzieren."

Als hätte die Agrar- und Ernährungsbranche gerade nicht genug reale Probleme, auch miteinander. Die Stimmung auf den Höfen ist angespannt. Seit über einem Jahr sind Landwirte mit Traktoren unterwegs, um auf ihre wirtschaftliche Situation und die politischen Diskrepanzen aufmerksam zu machen. Das neue Jahr ist mit neuen Auflagen und Verordnungen gestartet, die vor allem den Sauenbetrieben weitreichende Umstellungen abverlangen und mit der Umsetzung der Tierschutznutztierhaltungsverordnung weitergehen werden. Die Corona-Pandemie hat die Schweinebranche zudem durch Schlachthofstilllegungen getroffen und zu einem regelrechten Stau an Schlachtschweinen geführt, der immer noch besteht. Der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest legt für die nächste Zeit die Warenströme im Export lahm. Milchviehbetriebe müssen mit Milchpreisen um 30 ct/l wirtschaften. Das Verhältnis der Branche zum Lebensmittelhandel ist angespannt aufgrund der Preissituation und Wettbewerbsbedingungen.

Das spiegelten gefühlt auch drei Viertel der Onlinediskussionen der Grünen Woche. Die Kommunikation fand im digitalen Ausnahmezustand statt. Die Konzepte dafür wurden innerhalb kürzester Zeit umgesetzt. Die Akteure haben aus der Not eine digitale Tugend gemacht und sämtliche Kanäle, die zur Verfügung stehen, bespielt – Internet, YouTube, Twitter, Chatdienste. Ganz neu war, dass nahezu alle Veranstaltungen für jedermann und -frau durch einfache Registrierung frei zugänglich waren.

Die Grüne Woche digital wird hoffentlich ein einmaliges Ereignis bleiben, denn das Gespräch und der persönliche Austausch, das Fühlen, Riechen, Schmecken, sind durch nichts zu ersetzen. Aber die Branche hat die Chance genutzt, sich auch auf dem medialen Weg dem Publikum zu nähern, präsent zu sein und Themen zu setzen.

nach oben