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In Hunwerthusum in der Gemeinde Emmelsbüll-Horsbüll, Kreis Nordfriesland, heben Hunderte Weißwangengänse von einer Grünlandfläche ab. Foto: Wolfgang Stapelfeldt

Dr. Robert Quakernack. Foto: Archiv

Die Population der auch als Nonnengans bezeichneten Weißwangengans bricht Rekord für Rekord. Nach den jüngsten Zahlen des Kieler Landwirtschaftsministeriums (Melund) lebten 2018 in Schleswig-Holstein 255.000 Individuen. Das Melund geht von einer jährlichen Zuwachsrate von 10 % aus, sodass in diesem Jahr wohl die Marke von 300.000 Tieren geknackt wurde.

Der Verein Jordsand sieht in der Bestandsentwicklung einen tollen Erfolg für den Naturschutz und kürte die Nonnengans zum Seevogel des Jahres 2021. In der entsprechenden Presseverlautbarung erkennt der Naturschutzverein zwar einen steigenden Druck auf landwirtschaftliche Flächen an, die Forderung nach einer Bestandsverringerung sei jedoch "unangemessen und nicht notwendig". Landwirte hätten durch den Anbau von Sommergetreide und Leguminosen bereits gute Alternativen. Diese Darstellung stieß beim Bauernverband Schleswig-Holstein (BVSH) auf massive Kritik. Laut BVSH-Präsident Werner Schwarz verhöhnen "wohlmeinende Ratschläge und Anbauempfehlungen ohne jegliche Rücksicht auf ökonomische Zusammenhänge" die Arbeit der Landwirte.

Tatsächlich verschließt der Verein Jordsand die Augen vor der landwirtschaftlichen Realität. Die Gänse fressen den Landwirten das Futter für ihre Tiere weg. Sowohl Rinderhalter als auch Schäfer verzeichnen massive Futterverluste auf ihren Grünlandflächen. Zusätzlich droht die Verunreinigung des noch verbleibenden Futters durch Keime im Gänsekot. Tausende Hektar Deichvorland und Vertragsnaturschutzflächen an der Westküste reichen nicht aus, um dem Gänsedruck entgegenzuwirken. Zu behaupten, dass eine Bestandsregulierung nicht notwendig oder gar unangemessen sei, erscheint vor diesem Hintergrund mehr als naiv.

Der hohe Schutzstatus der Nonnengans nach EU-Vogelschutzrichtlinie erlaubt eine Bejagung der Vögel nur zur Abwehr erheblicher Schäden auf Acker- und Grünlandkulturen. Auf Grünland muss das zuvor zusätzlich von einem anerkannten Sachverständigen bestätigt werden. Die so gestatteten Abschüsse beziffert das Melund für 2018 auf weniger als 2.000 Tiere – bei Zuwachsraten jenseits der 20.000er Marke. Dass bei diesem Missverhältnis auch Vergrämungsmaßnahmen nur sehr kurzfristige Effekte erzielen, liegt auf der Hand. Eine Aufweichung des Schutzstatus der ganz offensichtlich nicht mehr bedrohten Nonnengans und eine unbürokratische Erleichterung einer jagdlichen Entnahme könnten die Probleme abmildern.

Landwirtschaftsminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) betont regelmäßig, wie wichtig ihm der Fortbestand der landwirtschaftlichen Produktion in Schleswig-Holstein sei. Die Betriebe der Westküste durch das aktuelle Gänsemanagement aufgrund fehlender Futtergrundlage zur Verringerung der Tierzahlen zu zwingen oder gar ganz zu opfern, passt nicht dazu.

Die Probleme um die explodierenden Gänsebestände sind seit Langem bekannt. Es ist höchste Zeit, die Strategie des langsamen Gänsemarsches bei der Lösungssuche abzulegen. Landwirte würden am liebsten ungestört auf ihren Flächen wirtschaften. Mit angemessenen Entschädigungszahlungen müssen die betroffenen Landwirte zumindest in die Lage versetzt werden, den wirtschaftlichen Schaden gering zu halten. Sofern die Vogelpest nicht noch Einfluss auf die Bestände nimmt, sind bald Zehntausende hungriger Gänse mehr im Anflug auf schleswig-holsteinische Agrarflächen.

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