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Tonio Keller. Foto: Archiv

Mundschutz inspiriert auch zu Kreativität: Die Bordesholmer LandFrauen zum Beispiel haben bisher mehr als 3.000 Masken genäht. Foto: privat

Seit etwa einer Woche ist es amtlich: Auch in Schleswig-Holstein müssen wir einen Mund-Nasen-Schutz tragen, wenn wir in Geschäften, öffentlichen Verkehrsmitteln oder in sonstigen Menschenansammlungen unterwegs sind. Damit soll die behutsame und schrittweise Öffnung des Lebens hin zur Normalität begleitet werden, ohne die Eindämmung des Corona-Virus zu vernachlässigen. Ich gebe zu, ich mag es nicht, aber auch ich trage jetzt eine Maske beim Einkaufen.

Auch wenn über die Wirksamkeit der Schutzmasken, insbesondere der selbst gebastelten, verschiedene Einschätzungen kursieren: Es spricht viel dafür, dass es in der Summe nutzt, und medizinisch schaden tut es gewiss nicht, es sei denn, man lässt nun ansonsten alle Rücksicht fahren. Eine Person hinter mir an der Kasse rückt mir dicht auf die Pelle, obwohl ich noch meine Ware einpacke – sie trägt ja Maske. So soll es nicht sein!

Für die Masken spricht, was mir mein Zahnarzt erzählt (er hat nun über dem Mund-Nasen-Schutz noch einen Plexiglashelm auf – ein Darth Vader wie aus der SF-Serie "Star Wars", allerdings einer von der hellen Seite, auch optisch). Im Mitteilungsblatt der Bundeszahnärztekammer erfuhr er: Als in der chinesischen Provinz Wuhan das Corona-Virus zwar schon virulent, aber noch nicht bekannt war, steckten sich die Zahnärzte einer dortigen Großklinik, die jährlich rund 900.000 Patienten behandeln, kaum an (0,8 % Infektionsrate), während es für vergleichbare Größenordnungen von Augen- und HNO-Ärzten fatal ausging. Der vermutete Grund: Zahnärzte tragen im Gegensatz zu Letzteren grundsätzlich Mund-Nasen-Schutz bei Patientenkontakt. Natürlich verwenden sie medizinische Masken, aber auch normale sollen zumindest einen gewissen Fremdschutz gewähren.

Also vermutlich eine sinnvolle Maßnahme und ein geringes Opfer, diese Maskerade. Trotzdem sollten wir bedenken, welche durchaus auch schädliche Wirkung sie haben kann. Wie sehen wir uns an, wenn wir vermummt umherlaufen? Nurmehr als wandelnde Gestalten, um die wir tunlichst einen Bogen machen? Schon jetzt beobachte ich, dass das Grüßen ausbleibt, wenn man nicht gerade einem guten Bekannten begegnet – einen flüchtigen bemerkt man vielleicht nicht mal. Und der auf dem Lande übliche schöne Brauch, auch Unbekannte auf der Straße mit "Moin" zu begrüßen? Beim Spaziergang im Wald tun es von den Unverhüllten die meisten, von den Maskenträgern kaum einer. Manche drehen sich sogar demonstrativ weg, bis ich vorbei bin.

Das ist vielleicht nur eine Randerscheinung, aber es scheint mir ein Indiz zu sein, und da sollten wir aufpassen, denn die Masken werden uns noch lange auf den Nasen sitzen. Was hat dies im übertragenen Sinn zu bedeuten, wenn wir uns auseinandersetzen, über Inhalte streiten, Argumente austauschen, uns für unsere Anliegen einsetzen – wenn wir, um im Bild zu bleiben, Gesicht zeigen? Das sollen wir ohne Frage weiterhin tun, aber schauen wir da auch unserem Gegenüber ins Gesicht? Will heißen, hören wir ihm auch zu, bedenken seine Einwände, versuchen, seine Situation zu verstehen? Oder reden wir, weil wir es jetzt von der Straße gewohnt sind, nur auf eine anonyme Maske ein?

Bisher stand die Maske meist im Dienste von Verruchtem oder Verbotenem. Abgesehen von Theaterleuten wurde sie getragen von Kriminellen, Randalierern, bestenfalls von Karnevalisten mit Lust auf derbe Scherze, kurzum von Leuten, die etwas zu verbergen hatten. Die Maske wandelt sich jetzt zum Symbol des Schutzes und der Rücksichtnahme. Möge sie nicht zum Symbol der Gleichgültigkeit werden!

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