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Der Streit um die Regulierung genteschnisch modifizierter Organismen (GMO) in der EU wird sich noch Jahre hinziehen. Foto: Imago

Mechthilde Becker-Weigel Foto: Archiv

Eine Diskussion, die noch nicht zu Ende war, hat in der vorigen Woche durch die EU-Kommission wieder Fahrt aufgenommen. Das Gentechnikrecht in Europa ist überarbeitungsbedürftig. Dies ist die Erkenntnis einer groß angelegten Studie zu neuen Züchtungstechniken (oder New Genomic Techniques, NGT), die von der EU-Kommission in Auftrag gegeben wurde. Die Nutzung und Regulierung von neuen Verfahren, wie der sogenannten CrispR-Genschere sind umstritten. 2018 hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass neue Techniken wie die Genschere auch als Gentechnik gelten und damit entsprechend streng zu regulieren sind. Ob dies noch zeitgemäß ist, ist jetzt Teil der Debatte.

Die Studie zeigt, dass es weiterhin dringenden Klärungsbedarf gibt, wie in der EU künftig mit neuen gentechnischen Methoden umgegangen werden soll. Denn der Unterschied zwischen der CrispR-Genschere und der klassischen Gentechnik kann nicht ausgeblendet werden. Bei den Methoden der klassischen Gentechnik ist es dem Zufall überlassen, an welcher Stelle und wie häufig sich das neue Erbgut in eine Pflanze im Labor einfügt. Mit Hilfe der Genschere CrispR/Cas können Züchter ziemlich sicher festlegen, wo im Pflanzenerbgut Änderungen platziert werden, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen, etwa Widerstandsfähigkeit gegen Trockenheit. Bislang sind vor dem Gesetz Genschere und klassische Gentechnik gleich. Das schränkt Forschung und Anwendung in diesem Bereich stark ein.

Die Meinungen in der Wissenschaft gehen auseinander: Endlich erkennt die EU an, dass der geltende Rechtsrahmen für diese innovative Technologie nicht zweckmäßig und dem wissenschaftlichen Kenntnisstand angemessen ist, sagen die einen. Es gibt zu wenig Daten darüber, wie sich mit CrispR/Cas und ähnlichen Methoden veränderte Pflanzen in der Natur verhalten, sagen die anderen. Genauso sieht es in der Politik aus. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zeigt sich zufrieden mit der Absicht der EU, die Zulassung für genom-editierte Produkte zu erleichtern. Wer Ernten stabil halten, weniger Pflanzenschutzmittel verwenden oder den Wasserverbrauch verringern wolle, der könne diese Techniken nicht einfach abtun, so die Ministerin. Dagegen warnt Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) vor manipulierten Turbopflanzen und setzt auf Eindämmung.

Nach Jahrzehnten der Risikoforschung zur Gentechnik, sollte bekannt sein, dass die Risiken vom Produkt der Züchtung zu erwarten sind und nicht von der Züchtungsmethode. Vielmehr müssen die Sorten mit ihren neuen Eigenschaften auf Risiken getestet werden, statt bestimmte Methoden grundsätzlich zu stigmatisieren. Die gerade begonnene Diskussion lässt erwarten, dass die EU-Studie das Potenzial für neue Glaubenskriege um die Gentechnik hat. Daran kann sich leicht ein Machtkampf entspinnen, wie sich die Landwirtschaft in Zukunft entwickeln wird.

Einige Punkte, die man sich vor diesem Hintergrund vor Augen führen kann, sind die Anforderungen an die Landwirtschaft durch den Green Deal, die Farm-to-Fork-Strategie und die nationale Ackerbaustrategie, Düngung und Pflanzenschutz in den kommenden Jahren einzuschränken. Es könnten auch Meldungen sein, dass die internationale Lagerhaltung für Grundnahrungsmittel sinkt, die Ertragsprognosen für die kommende Ernte pessimistisch ausfallen und die Preise für Getreide, Mais und Ölsaaten weltweit deutlich ansteigen.

Die nächsten Schritte auf dem Weg zur Regelung sind die Diskussion im EU-Rat und im EU-Parlament. Dann folgt die öffentliche Konsultation. Diese Debatte wird viel Zeit, Emotionen und Weitblick fordern.

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