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Insgesamt eine Fläche von der Größe Schleswig-Holsteins wurde seit 1992 versiegelt. Foto: Imago

Mechthilde Becker-Weigel Foto: Archiv

"Kaufen Sie Land, es wird keines mehr hergestellt", schrieb der 1835 geborene amerikanische Schriftsteller Mark Twain, der durch seine Bücher über die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn bekannt wurde. Und er hat recht: Land lässt sich nicht vermehren. Und der Druck auf diese Ressource wächst. Aus Sicht der Landwirtschaft ist ein regelrechter Flächenfraß im Gange. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes beträgt der Flächenverbrauch durch Siedlungs- und Verkehrsmaßnahmen derzeit 56 ha pro Tag (Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2018). Das entspricht jeden Tag fast der Fläche eines durchschnittlichen Familienbetriebes, die 2019 bei 62,5 ha lag. Es werden selbst in Regionen mit Bevölkerungsrückgang mehr Flächen neu versiegelt als entsiegelt.

Die für Siedlung und Verkehr genutzte Fläche ist seit 1992 um 1,1 Mio. auf 5,1 Mio. ha
gewachsen. Die Gebäude- und Freiflächen, also Wohn- und Gewerbegebiete, machen den größten Teil der überbauten Flächen aus. Den amtlichen Liegenschaftskatastern zufolge hat die Landwirtschaftsfläche von 1992 bis 2019 um etwa 1,4 Mio. ha abgenommen. Man stelle sich vor: Das ist fast so viel wie die gesamte Fläche des Landes Schleswig-Holstein (1,58 Mio. ha), die komplett neuen Straßen, Industrie- und Gewerbeflächen, Wohn- und Siedlungsflächen sowie Freizeitarealen zum Opfer fiel! Zum direkten Flächenverbrauch kommen die Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen, wodurch der Landwirtschaft nicht selten noch einmal der gleiche Flächenumfang verloren geht. Das hat massive Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Wo bleibt die Fläche für die Produktion regionaler Lebensmittel und Rohstoffe? Wo bleibt die Fläche für Maßnahmen zur Stärkung der Artenvielfalt? In der aktuellen Debatte um den Insektenschutz ist vom Flächenfraß wenig zu hören. Das muss den Bauern wie Hohn vorkommen. Denn versiegelte Flächen bieten keinen Lebensraum für Insekten.

Die Bundesregierung räumte kürzlich ein, das im Klimaschutzplan 2050 formulierte Ziel, den täglichen Flächenverbrauch im Jahr 2020 auf 30 ha zu deckeln, sei wohl nicht erreicht worden. Jetzt setzt man auf die Umsetzung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie, die vorsieht, dass die Flächeninanspruchnahme für Siedlungs- und Verkehrszwecke nun bis zum Jahr 2030 auf unter 30 ha pro Tag gesenkt werden soll. Man kann Land nicht herstellen, das hat Mark Twain genau richtig gesagt. Aber wie sieht es mit Recycling aus? Das ist nicht nur ein Modetrend für alte Jeans oder Altpapier, Plastik und Blech. Gut zwei Drittel der Landnutzungsänderungen entfallen auf Bauland, Industrie- und Gewerbeflächen. Die Vorgehensweise von Kommunal- und Landespolitikern war früher verständlich. Neubauten auf der grünen Wiese sind meist kostengünstiger, einfacher und schneller als die Wiederverwertung bestehender Flächen, wo häufig auch noch mit Altlasten zu rechnen ist. Aber das kann in einer modernen Gesellschaft mit Ansprüchen an und Verantwortung für Umwelt, Ökologie und Insektenschutz kein Argument mehr sein.

Die Landesregierung hat jetzt ein nachhaltiges Flächenmanagement angekündigt, um gegen den Flächenverbrauch anzukämpfen – mit mehr Geld für Flächenrecycling und Altlastenbeseitigung, für neue Wohnkonzepte, die weniger Platz verbrauchen, und für die Entsiegelung brachliegender Flächen. Es wird Zeit, den Boden als bedrohtes Gut zu schützen und gegen eine bislang gesellschaftlich akzeptierte Landnahme vorzugehen.

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